Freiheit und Verantwortung als Teil der selben Haltung

Von Angelika Lonnemann, Mai 2022

Vor einigen Jahren wurde an der Schule meines Sohnes ein Theaterstück aufgeführt. Darin unterhielten sich die beiden Sklaven Diabetes und Hepatitis über die Freiheit. Während der eine nichts lieber wollte, als endlich selbstbestimmt Herr über sein Leben zu sein, hatte der andere Todesangst vor dem Leben außerhalb des Palastes seines Besitzers.

Diabetes sagt über sein Sklavenleben: »Ich hab’s so gern. Ich weiß, was man von mir erwartet. Ich bin versorgt. Ich brauche keine Entscheidungen zu treffen. (…) Die Freiheit ist gefährlich.« Freiheit ist Mühe und Anstrengung. Wer sie anstrebt, muss Verantwortung übernehmen, für sich selbst und für andere.

Seit 1919 arbeiten die Lehrer:innen an Waldorfschulen in gemeinsamer Verantwortung für das Ganze. Rudolf Steiner hat in seinem Vortrag am Vorabend des Lehrerkurses gesagt, die zu gründende Schule werde sich »republikanisch verwalten«: »Jeder muss selbst voll verantwortlich sein.« In dieser Ausgabe der erziehungskunst beschäftigen sich vier Autor:innen mit der Selbstverwaltung an Waldorfschulen. Tomáš Zdražil (ab Seite 18) beleuchtet die Geschichte und geht detailliert auf die Umstände ein, unter denen Rudolf Steiner 1919 die Selbstverwaltung an Waldorfschulen etablierte: »Frei hieß für Steiner selbstverwaltet.« Ellen Niemann (ab Seite 14) zeigt, wie sich Lebensum­stände, Bedürfnisse und Ansprüche in den vergangenen einhundert Jahren verändert haben und was das für die Selbstverwaltung bedeutet: »Nichts spricht dagegen, sich professionelle Expertise zu holen und zum Beispiel Eltern direkt ins Schulgeschehen einzubinden.« Detlef Ludwig (ab Seite 9) berichtet davon, was den Organismus der selbstverwalteten Schulgemeinschaft bremst und stört, etwa der Bedarf an Professionalisierung und Leerräume, wenn niemand ein ungeliebtes Amt übernehmen will: »Macht ist für sich genommen nichts Schlechtes. Schwierig wird es, wenn hinter den vertrauensvoll von allen getragenen Machtstrukturen noch stärkere Strukturen wirken.« Friederike Gläsener (ab Seite 5) erläutert, dass Freiheit mit Verantwortung einhergeht und berichtet davon, wie Seelenübungen die Individuen der Lehrenden zu einem kompetenten Kollegium werden lassen: »Und man benötigt dafür nicht einmal viel Zeit, nur Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, Durchhaltevermögen und den guten Willen, etwas zu lernen.«

Selbstverwaltung scheint also auch eine Aufgabe zu sein, das Verhältnis von Freiheit und Selbstverantwortung immer wieder zu hinterfragen. Das sorglose Sklavenleben von Diabetes ist keine gute Alternative.

Auch sonst finden Sie in diesem Heft eine Menge bewegender Artikel, zum Beispiel wie Waldorf­schulen Ukrainer:innen helfen und wie weit das Waldorf-Friedensnetz bereits gespannt ist …

Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre und einen Mut machenden Mai!

Folgen