Freiräume

Von Mathias Maurer, Februar 2021

Wir starten mit etwas gemischten Gefühlen ins Jahr 2021. – Was haben wir uns an Neujahr gewünscht? Was haben wir uns vorgenommen? – Bringt das neue Jahr die ersehnte Rückkehr in die Normalität, so wie sie 2019 einmal war? – Was von unseren Wünschen geht darüber hinaus? –

Unweigerlich schließen sich tiefere, existenziellere, globalere Fragen an, denn es ist leicht einzusehen, dass unsere Normalität und Prosperität größtenteils auf Kosten anderer Menschen, der gesamten Umwelt gehen. Es gilt, den Blick zu weiten für das Wohlergehen des ganz Großen und des ganz Kleinen in der Welt. Die Wünsche, die sich auf die äußeren Lebensumstände beziehen, aber auch der Wunsch, wieder in unsere »intellektuell-gemütliche« (Rudolf Steiner) Verfasstheit zurückzufallen, verweisen indirekt auf die Frage, was den Menschen im Kern ausmacht: Was trägt mich innerlich? Sind es meine Meinungen? Überzeugungen? Werte? Sind es eigene Erkenntnisse? Oder gar höhere Einsichten und Wirksamkeiten? Würde ich für sie durchs Feuer gehen? – Welche sozialen Folgen nehme ich dafür in Kauf? Oder stelle ich mich zurück, um des lieben Friedens Willen?

Es suchen sich Liebe und Erkenntnis – ohne die eine ist die andere nicht wirklich zu haben. Steiner nannte es ethischen Individualismus, versinnbildlicht in der Aufrechte des Menschen, die sich nur durch innere Beweglichkeit zu halten vermag. Die Prioritäten der eigenen Lebensführung werden sich ändern, die der äußeren Bedingungen auch. Einer möglichen zunehmenden Entfremdung gegenüber der Welt wirken nur Freiräume entgegen, die inneres und äußeres Leben wieder in einen sinnhaften Zusammenhang bringen. Dafür steht das Motto »in Ehrfurcht empfangen, in Liebe erziehen, in Freiheit entlassen« der Waldorfpädagogik. Dass eine Pädagogik den freien Menschen zum Ziel hat, kann in diesen Zeiten fast schon eine Provokation darstellen.

Zu dieser Ausgabe: Sozialarbeit an Waldorfschulen ist im Kommen. – Was tun, wenn immer mehr Lehrkräfte an die Grenzen des Leistbaren stoßen? – Sie können zunehmend Unterstützung durch die Sozialarbeit erfahren, die Schule als Teil eines komplexen Lebensumraumes versteht und dadurch überfällige Reflexions- und Entwicklungsschübe auslösen kann. Auf Wunsch der Autor:innen dieser Beiträge und der besonderen Sensibilität ihres Arbeitsfeldes gegenüber Genderfragen, haben wir auf unsere übliche Schreibweise verzichtet. Wir danken Fridtjof Meyer-Radkau vom Netzwerk Waldorfschulsozialarbeit, diesen Themenschwerpunkt mit auf den Weg gebracht zu haben.

In eigener Sache: Ariane Eichenberg ist zum Jahresende nach fünfzehnjähriger Mitarbeit aus der Redaktion der Zeitschrift »Erziehungskunst – Waldorfpädagogik heute«, herausgegeben vom Bund der Freien Waldorfschulen, ausgeschieden. Für die Zeitschrift »Erziehungskunst – Frühe Kindheit«, herausgegeben von der Vereinigung der Waldorfkindergärten, ist sie weiterhin als verantwortliche Redakteurin tätig. Verstärkung hat die Redaktion durch Matthias Niedermann erhalten, der auch schon für die Öffentlichkeitsarbeit der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland aktiv ist. Wir wünschen ihm einen guten Start.

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