Fury und Fee

Von Mathias Maurer, Juli 2014

Sie kamen verändert zurück. Sie waren wieder einmal im Praktikum gewesen. Ich hatte das schon mehrfach erlebt. Als hätten sie einen Sprung gemacht, sie wirkten reifer, größer, erwachsener.

Schon in der neunten, als er in einer Schmiede und sie auf einem Bauernhof – Pferde mussten natürlich sein – arbeiteten, war mir das aufgefallen. Sie steckten anders in ihren Körpern. Sie hatte noch Dreck unter den Nägeln statt Lack darauf, er wechselte seine Baggy Pants und weißen Chucks sehr bald mit einem werkstatttauglichen Anton und Sicherheitsschuhen mit Stahlkappen.

So ging das weiter: In der zehnten ins Betriebspraktikum – diesmal bei einer Graphikdesignfirma, bei den Kostümbildnern im Theater, dann in der elften zum Sozialpraktikum bei der Hamburger Tafel und in die Neonatologie nach Tübingen – und sie wuchsen immer noch ein Stückchen über sich hinaus, konnten sich vorstellen, Bäuerin, Schmied, Schneiderin, Sozialarbeiter oder Ärztin zu werden.

Doch die Praktika an den Waldorfschulen dienen nicht in erster Linie der Berufseinführung. Praktika gibt es, weil sie pädagogisch einer Entwicklungskurve des heranwachsenden Menschen folgen: Sie beginnt mit der Förderung der praktischen Urteilskompetenz, darauf aufbauend der theoretischen, dann der sozialen, schließlich der individuellen Urteilskompetenz. Anders gesagt: Die Gegenstände der Werkwelt erziehen zu richtigem und sachgemäßem Handeln: Den Setzling kann man nicht mit den Wurzeln nach oben einpflanzen und das Eisen wird zur Wunderkerze, wenn es in der Esse zu heiß wird. Dieses Erfahrungswissen wird durch Materialkunde im weitesten Sinne vertieft: Wie funktioniert das und warum? Welche Arbeitstechniken gibt es? Dann die zwischenmenschliche  Dimension menschlicher Arbeit und als Krönung, wie eine Art Zusammenfassung, das persönlich zu verantwortende Handeln.

Heute arbeiten sie in völlig anderen Berufen – er als Hotelmanager, sie als Buchhändlerin. Eines ist jedoch bis heute geblieben, was sich die beiden – sie damals als Bäuerin und er als Schmied – durch ihre begeisterten Berichte von ihren Klassenkameraden in der 9. Klasse eingehandelt haben: ihre Spitznamen Fury und Fee – und Fähigkeiten, die ihnen ein Leben lang überall und immer zur Verfügung stehen werden.

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