Glaubst du an Gott?

Von Mathias Maurer, April 2016

Sonntage bieten besondere Gelegenheiten: Zeit für Gespräch.

So auch kürzlich wieder in altersmäßig bunter Besetzung, dass einem schon beim Frühstück der Löffel im Ei stecken bleibt: »Warum kommen so viele Flüchtlinge zu uns? Werden sie wirklich verfolgt, weil sie einen anderen Glauben haben? Wie kann das sein, dass Religionen gegeneinander kämpfen? Macht das noch Sinn? So ist Religion doch Sch…! Glaubst du an Gott?« ...

Religiös zu sein ist ein spezifisch menschliches Lebensgefühl. Einem Menschen würde etwas fehlen, könnte er sie nicht leben. Konfessionen decken dieses Bedürfnis nur eingeschränkt ab – ein Blick in die Nachrichten zeigt es: Glaubenskriege brennen an allen Ecken der Erde, bedrohen mit zerstörerischer Macht menschliches Leben und Zivilisationen.

Die goldene Regel praktischer Ethik ist löblich: »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu«. Doch Religion ist mehr als Ethik. Religion ragt in einen übermenschlichen Bereich, in eine Schicht, die höher liegt als das durch die Vernunft hergestellte gute Miteinander, das wir als sozial verhandelbare Norm kennen. Religiosität bedeutet, im anderen Menschen ein Göttlich-Geistiges zu sehen und es anzuerkennen. Dieser höhere Teil des Menschen steht in Verbindung mit etwas, das über den einzelnen Menschen hinausreicht. Mit Engeln zum Beispiel. Engeln, die uns nicht ruhig schlafen lassen, solange unsere Mitmenschen unglücklich sind. Die uns den Gedanken nahebringen, dass des Menschen Würde unantastbar ist, auch wenn er in der Lage ist, Böses zu tun, die uns also auf den Unterschied zwischen dem guten Kern und den bösen, ja verabscheuungswürdigen Taten des Menschen aufmerksam machen.

Die weitverbreitete Auffassung, der Mensch sei im Grunde schlecht, er müsse mit Hilfe der Religion zivilisiert, erzogen, gebildet und unter Druck gesetzt werden, um sich zum Guten zu biegen, ist dagegen repressiv und verneint den freiheitlichen Kern des Menschen, seine Widersprüchlichkeit und seine permanente Wandlungsfähigkeit. Eine solche Haltung schließt Gedankenfreiheit und den interreligiösen Dialog aus.

In unserer Gegenwart steht und fällt das Bekenntnis zur freien Individualität mit dem Bekenntnis zur Gedanken- und Religionsfreiheit. Sie ist Angelegenheit des Individuums, nicht einer Gruppe. Das Göttliche zu entdecken ist eine individuelle Erfahrung, darum kommen wir nicht herum. Und zu dieser Erfahrung kann uns das Göttlich-Geistige im anderen Menschen, für das wir aktives, liebendes Interesse aufbringen, hinführen.

Unser Gespräch beim Frühstück endete in der Übereinstimmung, dass das, was wir heute als gewalt­tätige Religion im weltpolitischen Geschehen erleben, das Gegenteil dessen ist, was wahre Religiosität sein kann.

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