Ich nehmʼ das jetzt mal in die Hand!

Von Angelika Lonnemann, Juli 2022

Was hat die Waldorfpädagogik mit dem Menschen der Frühzeit zu tun? Geste und Sprache, Hand und Wort – sie sind miteinander verbunden, in der menschlichen Entwicklung genauso wie im Lernprozess des Kindes. Die Waldorfpädagogik lenkt den Blick auf den Zusammenhang zwischen dem geübten Gebrauch der Hände, dem Greifen, dem Verstehen von komplexen Aufgabenstellungen und dem anschließenden Benennen derselben.

Unsere frühzeitlichen Vorfahren richteten sich im Lauf der Entwicklung auf und konnten eines Tages auf zwei Beinen gehen. Die Augen konnten plötzlich mehr wahrnehmen aus dieser neuen Perspektive. War das der Beginn des Zeitalters des homo pictor? Der französische Paläontologe André Leroi-Gourhan hat in den 1960er Jahren eine höchst interessante Theorie aufgestellt. In seinem Buch Hand und Wort führt er aus, wie in der menschlichen Entwicklung irgendwann der homo pictor aufgetaucht sei. Am Anfang des figürlichen Gestaltens (Wandmalereien, Skulpturen aus Knochen oder Stein) stehe nicht die Nachahmung, sondern die Abstraktion. Leroi-Gourhan hat die Lebensweise der früheren Menschen analysiert und dabei Funktion, Absicht und Bedeutungen der Gegenstände, die die früheren Menschen (quasi als verlängerte Hand) nutzten, untersucht. So hat er erforscht, wie die Tätigkeiten der Hände des Frühmenschen sein Denken widerspiegeln.

Albrecht Schad berichtet in seinem Artikel über das »Denken der Gliedmaßen« davon, dass Rudolf Steiner ihre zentrale Bedeutung für das Lernen hervorgehoben hat. Henning Kullak-Ublick zeigt auf, »wenn ein Kind beim Stricken die komplizierten Bewegungen abzustimmen lernt, arbeitet es an seinem Willen und an seinen Gehirnstrukturen«. Holger König beschreibt seine Freude, wie Drittklässler in der Bauepoche »uralte Fähigkeiten« mitbringen, und sie »noch fast nichts wissen, aber alles können«. Manfred Spitzer erläutert in seinem unterhaltsamen Artikel über die menschliche Handschrift, dass nur das Formen von Buchstaben mit einem Stift motorische Gedächtnisspuren anlegt, die bei der Wahrnehmung von Buchstaben aktiviert werden, während dies beim Tippen auf Tastaturen nicht der Fall sei.

Wenn es Waldorfpädagog:innen gelingt, im Laufe eines Schullebens durch die vielen künst­lerisch-handwerklichen Fächer eine große Bandbreite von Fähigkeiten in Kindern zur Entfaltung zu bringen, ist das ein Gut, das den Schüler:innen viele Zukunftsmöglichkeiten eröffnet. 

Auch in unserer Sprache ist der Zusammenhang von Hand und Verstehen sowie Tun in vielen
Worten und Metaphern sichtbar: handeln, handhaben, begreifen, behandeln, etwas hat Hand und Fuß. Es macht Spaß, über diese besondere Beziehung nachzudenken.

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