Klasse Lehrer

Januar 2014

Liebe Leserin, lieber Leser!

Das werdende Kind verlangt den werdenden Lehrer. Das stellt ungewöhnlich hohe Ansprüche an ihn.

Er soll nicht erziehen, sondern Fähigkeiten freilegen – bei sich und dem Kind.

Vor dem Hintergrund einer geisteswissenschaftlich begründeten Menschenkunde sah Rudolf Steiner den Lehrer nicht nur in einer pädagogischen, sondern auch therapeutisch-seelsorgerischen Verantwortung. Nicht genug: Seine Aufgabe macht ihn verantwortlich für das Schicksal jedes einzelnen seiner Schüler. Das heißt, ein Klassenlehrer muss damit rechnen, dass er von seinen Schülern als Mensch herausgefordert wird. Keine Noten, kein Sitzenbleiben schützen ihn vor schwierigen Schülern und Krisenzeiten, besonders dann, wenn er eine Klassengemeinschaft über viele Jahre hin führen will. Schnell bemerkt er: Wenn er nicht mitwächst und sich mit den Schülern mitentwickelt, droht er aus dieser Gemeinschaft herauszufallen.

Die Bereitschaft zur Selbsterziehung fällt jedoch um so schwerer, wenn die Eltern-Lehrer-Zusammenarbeit zu hohe Reibungsverluste hat oder Elternabende zum monatlichen Spießrutenlauf werden. Schnell wird dann gemauert. Der Lehrer igelt sich in seinem »Königreich« hinter verschlossenen Klassenzimmertüren ein und die Eltern reden sich auf den Parkplätzen in Stimmung. Sein Beruf ist in diesem Sinne hoch riskant, doch der »Lohn der Arbeit« ist bei Gelingen immens: Schüler, Lehrer und Eltern entwickeln sich und reifen aneinander – auf Monatsfeiern, Konzerten, Theateraufführungen, Präsentationen von Jahresarbeiten und vielem anderen mehr, immer wieder beeindruckend zu erleben.

So beglückend oder auch belastend eine lange Klassenlehrerzeit sein kann – sie ist kein Dogma. Rudolf Steiner hat bei der Begründung der ersten Waldorfschule 1919 die Klassenlehrerzeit nicht als ein starres pädagogisches Achtjahres-Konzept angelegt, sondern hielt es beweglich – nach unten wie nach oben.

Wichtig war ihm das Klassenlehrerprinzip als solches. Die acht Jahre waren viel mehr pragmatischen Überlegungen geschuldet, denn damals endete die allgemeine Schulpflicht nach sieben oder acht Jahren; erst später, mit dem Wachstum der Schule, wurde die Oberstufe aufgesetzt.

Die Dauer der Klassenlehrerzeit hängt von den individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten des Lehrers zu einem »Methodenwechsel« – vom »Kinderpfleger« zum »Weltbürger« – ab. Mit der mangelnden Wandlungsfähigkeit korrespondieren nicht selten Burnout, Disziplinschwierigkeiten und der Verlust »schwieriger« Schüler.

Was von manchen Schulen individuell geregelt wird, haben einige Schulen zum Konzept gemacht: die Mittelstufenmodelle bieten hinsichtlich der kritischen Phasen einer Klassenlehrerzeit »Erleichterung«, nehmen sich aber auch gegenseitig mögliche Entwicklungschancen.

Die Konstanz einer »geliebten Autorität« ist für viele Kinder in der heutigen Zeit seelische Stütze und verlässliche Bindung – Grundvoraussetzungen, um ein emotional stabiles Selbst herausbilden können.

Aus der Redaktion grüßt

Mathias Maurer

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