Kosmische Heimat

Von Mathias Maurer, Juli 2018

»Weißt Du, wie viel Sternlein stehen …« – ein Wiegenlied, das immer noch die Seelen von Groß und Klein berührt, denn es vermittelt das Gefühl von Geborgenheit, Aufgehoben- und Beheimatetsein als Mensch im Großen und Ganzen. Man kann das als kindliche Sentimentalität abtun.

In mir weckte es den Forschergeist und so machte ich mich gleich an eine nichtrepräsentative Umfrage. Die Probanten: Wieder einmal die jüngsten Mitglieder und Freunde des familiären Umkreises. Die Frage: Was fällt Dir ein, wenn Du in den Sternenhimmel guckst?«

Noel (7 Jahre): »Äh, gar nichts, dunkel ...« – Michi (8 Jahre): »Ich will Sternenforscher werden!« – »Warum?« – »Wegen der Farben und Sternbilder.« Andi (9 Jahre): »Die Sterne sind doch alle gleich.« Evi (11 Jahre): »Der Himmel ist so groß und es gibt so viele Sterne.« – »Ja und ...?« – »Ich habe dann ein unendliches, freiheitliches Gefühl. Hört der Himmel denn nie auf?« – Es hat mich verblüfft, wie unterschiedlich die Aussagen schon bei Kindern im Blick auf den Himmel sein können. Diese Unterschiedlichkeit schließt sich übergangslos an große (erwachsene) Denker an: »Man fühlt sich fast wie hinausgeschleudert in einen kalten, lichtlosen und lebensfeindlichen Kosmos. Was sind da meine Sorgen und Hoffnungen, meine Wünsche? Ist da meine Existenz? Alleingelassen empfindet man sich da, und was man sieht, ist einem fremd« (Gerhard Fasching). Oder: »Hört die Pracht des Sonnenaufgangs auf, eine leibhaftige, immer neue, beschwingende Wirklichkeit zu sein, eine mythische Gegenwart, auch wenn wir wissen, dass wir mit der Erde uns bewegen, also von Aufgang keine Rede sein kann?« (Karl Jaspers).
In einer Rede vor dem Deutschen Bundestag sprach Václav Havel über das »Erlebnis namens Heimat« – wider Erwarten nicht über die nationale Heimat, sondern als eine elementare menschliche Erfahrung des Stehens zwischen Himmel und Erde: »Die Heimat und das Zuhause (...) sondern uns nicht von dem Universum ab, im Gegenteil, sie verbinden uns mit ihm.« Heimat bezeichne »eine Struktur, die öffnet, eine Brücke zwischen dem Menschen und dem Weltall, einen Leitfaden, der vom Bekannten auf das Unbekannte, vom Sichtbaren auf das Unsichtbare, vom Verständlichen auf das Geheimnisvolle, vom Konkreten auf das Allgemeine weist«.

Rudolf Steiner charakterisierte die Anthroposophie als einen »Erkenntnisweg, der das Geistige im
Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte«. Und in der Allgemeinen Menschenkunde leitet er den dritten Vortrag mit der grundlegenden Anmerkung ein, dass der »gegenwärtige Lehrer (...) im Hintergrund von allem, was er schulmäßig unternimmt, eine umfassende Anschauung über die Gesetze des Weltenalls haben« müsse. Steiner meinte damit nicht nur die äußeren, sondern auch die inneren Beziehungen zwischen Mikro- und Makrokosmos, die in Erziehung und Unterricht ihre Berücksichtigung finden müssen.

Mit »Ich will Sternenforscher werden!« ist Michi auf einem ganz guten Weg, um ein »unendliches,
freiheitliches Gefühl« als Mensch ins sich zu entwickeln.

Folgen