Mattscheibe

Von Mathias Maurer, September 2020

Man glaubt ja heutzutage an nichts mehr, schon gar nicht an seinen gesunden Menschenverstand und seine eigene Lebenserfahrung, wenn diese nicht wissenschaftlich abgesegnet, empirisch gesichert und faktenbasiert sind.

Und doch wissen wir, Expertise und ein gutes Gefühl schließen Irrtümer nicht aus.

Viele Eltern fragen sich zum Beispiel: Welche Schule ist die beste für mein Kind? – Sie informieren sich, lesen Ratgeber, stöbern im Netz ... Doch was gibt letztlich den Ausschlag für eine Entscheidung? Ich muss jetzt handeln, ich kann ja nicht meine Hände in den Schoß legen und damit meine Verantwortung für das Heute abgeben und auf eine zukünftige – finale – Erkenntnis bis zum Sankt Nimmerleinstag warten. Ich kann nur nach bestem Wissen und Gewissen handeln. –

Die Corona-Krise hat die Schulen mit voller Wucht erfasst und droht mit einem Digitalisierungsschub das Grundmodell von Schule – den analogen Unterricht – auszuhebeln. Jeder kennt das Gefühl, wenn er zu lange vor dem Bildschirm saß: Mattscheibe. Man muss den Kopf und das Gemüt erst frei bekommen von all den Informationen, Bildern und Vorgaben, um wieder offen für die Welt zu sein. Die Unterrichte und Konferenzen über Chat, Video und E-Mail suggerieren eine soziale »Verbindung«, die in Wirklichkeit nur eine Prothese ist. Und wie es bei Prothesen so ist – auch wenn sie bestimmte Funktionen erfüllen: Sie führen zu Einschränkungen der Sinneswahrnehmung – mit Folgen für die kognitive Entwicklung, besonders bei Kindern.

Das hat jüngst eine empirische Studie bestätigt. Sebastian Suggate und Philipp Martzog von der Universität Ravensburg konnten nachweisen, dass Bildschirmmedien die Vorstellungskraft von Kindern negativ beeinflussen. Grund dafür ist, dass die sensomotorische Aktivität bei Lernvorgängen eingeschränkt wird. Fast ausschließlich werden die visuellen und auditiven Sinne angesprochen. Die kognitive Leistungsfähigkeit – also die Fähigkeit, selbstständig und originär Vorstellungen und aktiv eigene innere Bilder zu erzeugen, das heißt, exakt zu denken und kreative Ideen zu entwickeln – nimmt mit zunehmender Verweildauer vor dem Bildschirm ab. Aber genau auf diese Fähigkeiten seien wir in einer zunehmend technischer und instabiler werdenden Gesellschaft angewiesen, um deren Probleme und Herausforderungen lösen zu können, so die Autoren.

Kinder lernen mit ihrem ganzen Leib und all ihren Sinnen. Der Mensch lernt als Beziehungswesen – und zwar umso besser, je »vollmenschlicher«, das heißt real erfahrend, er dazu angeregt wird.

Das ist eigentlich jedem, der Herz und Sinn für Kinder hat, klar – jetzt haben wir es wissenschaftlich. Waldorfschulen sind keine Digitalgegner, aber sie verzichten mit ihrem Medienkonzept pädagogisch begründet auf den frühen Einsatz digitaler Medien. Es wird in Zukunft immer mehr darum gehen, die Entwicklungsräume der Kinder zu verteidigen.

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