Multikulti reicht nicht

Von Mathias Maurer, Juli 2012

Liebe Leserin, lieber Leser!

Amerika, »the melting pot«, die Leitkultur, ein multikulturelles Paradies aller Einwanderer, so lernte ich es noch in der Schule. Doch folgt man den Thesen des Politologen Samuel Huntington und seines umstrittenen Buches »Kampf der Kulturen«, hat es eine friedliche Koexistenz und Durchmischung der Kulturen nie gegeben. Die Einwanderer bleiben unter sich, bilden Ghettos in den Städten, grenzen sich kulturell und religiös ab, heiraten untereinander, halten an ihrer Muttersprache fest ... Der Schmelztiegel erweist sich als kulturpolitische Wunschvorstellung. Die Geschehnisse in Nordrhein-Westfalen, wo sich Salafisten und Pro-NRW-Aktivisten bekriegen, scheinen diese Annahme zu bestätigen. Wachsende Intoleranz auf allen Seiten. Selbst die Griechen wollen keine Deutschen mehr sehen.

Ein Mensch lasse sich nicht auf seine kulturelle und religiöse Identität reduzieren, hält der Nobelpreisträger und Ökonom Amartya Sen dagegen. Diese Festlegung ignoriere die Fähigkeit des Menschen, seine persönlichkeits- und herkunftsgebundenen Merkmale zu überwinden. Niemand sei sein Leben lang zu einer einzigen Identität verdammt, sondern entwickle sich im Austausch mit anderen Menschen weiter. Der Kulturkritiker Ranjit Hoskoté und der Schriftsteller Ilija Trojanow halten es in ihrem Buch »Kampfabsage« für einen historischen Mythos, dass sich Kulturen bekämpfen. Die Kulturen, meinen sie, fließen schon immer ineinander, das zeigen Esskultur, Kunst, Musik, Mode, Architektur, Technologie, Wirtschaft, aber auch die Geschichte der Philosophie.

Das Problem liegt tiefer: Es ist die mangelnde Bereitschaft, Fremdes, Unbekanntes oder Neues anzunehmen. Mit der Wahrnehmung des Fremden sind Ängste verbunden, es scheint das eigene Selbstverständnis, die eigene Identität zu bedrohen oder in Frage stellen. Die »Versicherung« über die Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, wird verstärkt aufgesucht. In der Sozialpsychologie bezeichnet man diesen Reflex, der zwangsläufig eintritt, je unsicherer die eigene Identität ist, als Ingroup-Outgroup-Effekt.

Interkulturalität, Integration und Inklusion sind eine innerseelische Aufgabe, die uns mit dem Anderssein konfrontiert. Sie zu lösen, ist die Voraussetzung dafür, eine der drängendsten gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen. Sie umfasst mehr als Multikulti-Toleranz und

philanthropische Lippenbekenntnisse. Sie erfordert aktive Anerkennung und Teilhabe.

Aus der Redaktion grüßt

Mathias Maurer

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