Weggucken

Von Mathias Maurer, Oktober 2018

Nur diese Schuhe, nur diese Marke, nur dieses Modell! Nur diese Hose, nur dieses Top, nur diese Jacke!

Mit zunehmendem Alter wächst das Markenbewusstsein der Kinder. Was die Peers tragen, will man auch, sonst ist man out und es wird peinlich. Konnten wir Eltern ihnen noch ein Wollunterhemd im Winter und eine Mütze im Sommer unterjubeln, ist spätestens ab dem Teeniealter damit Schluss. Die Kleidung wird selbst eingekauft – und da das Taschengeld immer knapp ist – insgesamt sind das immerhin weit über drei Milliarden Euro – soll alles ein Schnäppchen sein. Oder hat schon jemand bei seiner Suche im Internet das Auswahlkriterium »am teuersten« gewählt?

Für jedes »Schnäppchen« in der sogenannten Wertschöpfungskette zahlt jemand anderes den vollen Preis: Kinder in den Minen Afrikas, Näherinnen in Bangladesch, Kleinbauern in Lateinamerika.

Soll man das alles seinen Kindern erzählen, die doch nur ein cooles Einhorn-T-Shirt haben wollen? –

Natürlich nicht! Wir würden ihnen die Welt schwarzmalen müssen. Was also tun? – Verdrängen?

Jeder kennt (vielleicht noch) das Märchen »Des Kaisers neue Kleider«. In ihm wird beschrieben, wie der grundehrliche Minister des Kaisers, zwei (letztlich weisen) Betrügern aufsitzt, die dem eitlen Kaiser gegen hohes Handgeld versprechen, Kleider zu weben, die nur derjenige sieht, der nicht dumm und der nicht untauglich für sein Amt ist. Da ihm und allen anderen die neuen »Kleider« unsichtbar bleiben, sich jedoch niemand eingestehen will, dass er dumm oder untauglich sei, tun alle so, als ob sie die schönen Stoffe sehen würden. Als der Hofstaat sich dem Volke in einer großen Prozession zeigt, wird der Kaiser mit den unsichtbaren Kleidern vom Volke bejubelt. Nur ein kleines Kind traut noch seiner Wahrnehmung und ruft: »Aber er hat ja nichts an!« – Doch selbst als schließlich das ganze Volk ruft: »Aber er hat ja nichts an!«, tragen die Kammerherren die nicht vorhandene Schleppe ...

Keiner wagt sich, seiner Wahrnehmung – dass hier etwas offensichtlich falsch läuft – zu trauen. Im Bilde vermittelt dieses Märchen von Christian Andersen, dass unser (Nicht-) Handeln von der Angst, von anderen negativ bewertet zu werden, beeinflusst wird, dass wir nicht einschreiten müssen und eine untragbare Situation verharmlosen, weil die anderen es auch nicht tun, und uns dadurch der Verantwortung entziehen. Jeder spielt das Spiel mit. Wir wissen aus der Psychologie des Gruppendrucks: Unsere (persönliche) Wahrnehmung und Meinung wird vom Status und der Menge der Personen, die eine (andere) Sichtweise vertreten, beeinflusst.

Was in diesem Märchen in kindgerechter und indirekter Form über menschliche Schwächen ausgesagt wird, ist bei genauem Blick beileibe nicht naiv. Es findet von seinem bildhaften Ansatz seinen mühelosen Übergang zu einer sich immer bewussteren kritischen Gegenwartsanalyse heutiger Wirtschaftsverhältnisse. »Nur nackt wäre ethisch« (vgl. Beitrag von Klaus Rohrbach) – letztlich dreht es sich bei der Kleidungsfrage um Erkenntnis und Identität: Der Kaiser sucht sich selbst.

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