Wer lernt hier eigentlich?

Von Mathias Maurer, September 2016

Uns, den Eltern und den Lehrern, ist das Wohlergehen unserer Kinder das Wichtigste, dass sie sich nach ihren mitgebrachten Talenten, ihren individuellen Möglichkeiten entfalten und entwickeln können – und nicht gemäß den unsrigen.

Das wünschen wir – doch handeln wir auch danach? Denn Kinder brauchen zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit Freiräume, Freiheit. Das zu fordern, ist heute schon ein Bildungs­-politikum, zu fordern, dass sich pädagogisches Handeln ohne Absicht, aufmerksam, beobachtend, begleitend, ohne erzieherische Hintergedanken, ohne didaktisch verpackte Lernzielorientierung, allein aus Liebe zu dem werdenden Menschen vollziehen kann. Standards sind der Tod der Freiheit, weil Letztere immer individuelle Vielfalt beinhaltet.

Sich die Freiheit des Schulwesens auf das Banner zu heften und sich über eine Bevormundung durch staatlich sanktionierte Abschlüsse und wirtschaftliche Erfordernisse zu echauffieren – aber sich ihnen gleichzeitig zu unterwerfen, denn die Schüler sollen doch Abitur machen können – ist wenig konsequent. Selbst wenn es ein eigenes Waldorfabitur mit anerkannten Waldorfabschlüssen gäbe – die den Schüler dazu anhalten, sein Lernverhalten und seinen Wissens- und Kompetenzzuwachs selbst zu reflektieren – das Problem sitzt tiefer:

Es geht um die Bevormundung des Schülers in seiner Art, was und wie er lernt  – und sei es durch den Lehrer, der weiß, solange sein Wissensvorsprung reicht, wie sich ein junger Mensch Welt und Wissen anzueignen hat, sei es durch die Eltern, die wissen, welche Lebenschancen ihren Kindern entgehen, wenn sie nicht das Abitur ablegen. –

Rudolf Steiner stößt die professionelle Gewissheit der Lehrer, die sich leicht auf die erzieherische der

Eltern übertragen lässt, – denn einig sind sie sich schließlich darin: die Schüler beziehungsweise Kinder sollen etwas lernen! – mit einem verblüffenden Paradoxon vor den Kopf. In einem Vortrag, schon ein Jahr nach der Schulgründung, sagt er, der Unterricht sei miserabel, wenn man sich als Lehrer nicht frage:

»Wer hat denn da eigentlich am meisten gelernt? Das bin ich, der Lehrer!« Auch wenn man den groß­artigsten pädagogischen Prinzipien und den besten Meistern der Pädagogik gefolgt sei, »würde man ganz gewiß schlecht unterrichtet haben«. Am allerbesten würde man aber unterrichten, »wenn man an jedem Morgen mit Beben und Zagen in die Klasse gegangen ist und sich gar nicht sehr auf sich selber verlassen hat, dann sich aber am Ende des Jahres sagt: Du hast eigentlich selbst am meisten während dieser Zeit gelernt«. Man solle fortwährend das »reale« Gefühl haben: »Du wächst, indem du die Kinder wachsen machst.« Darin läge ein »gewisses Geheimnis«: Man habe dann gut unterrichtet, »wenn Sie das nicht gewußt haben, was Sie am Ende des Jahres gelernt haben, und daß es schädlich gewesen wäre, wenn Sie zu Beginn des Jahres das schon gewußt hätten, was Sie am Ende des Jahres gelernt haben«.

Wird ein Lehrer selbst zum Lernenden, werden auch seine Schüler lernen – wie nebenher – mit oder ohne Abschlüsse. ‹›

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