Wie geht’s?

Von Mathias Maurer, September 2013

Liebe Leserin, lieber Leser!

Worum geht’s, wenn wir fragen: »Wie geht’s?« Was geht denn da – mal gut, mal schlecht? – Das äußere sichtbare Gehen ist wohl in den wenigsten Fällen damit gemeint und doch steht das, wonach gefragt wird, mit ihm in einem inneren Zusammenhang. Johann Gottfried Herder schrieb in den »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«: »Mit dem aufgerichteten Gange wurde der Mensch ein Kunstgeschöpf; denn durch ihn, die erste und schwerste Kunst, die ein Mensch lernet, wird er eingeweihet, alle zu lernen und gleichsam eine lebendige Kunst zu werden ... Indessen wären alle diese Kunstwerkzeuge, Gehirn, Sinne und Hand auch in der aufrechten Gestalt unwirksam geblieben, wenn uns der Schöpfer nicht eine Triebfeder gegeben hätte, die sie alle in Bewegung setzte.«

Richtig gehen, sprechen und denken zu lernen, ist für die Entwicklung des Kindes von enormer Bedeutung. Kinderärzte, Therapeuten, Erzieher, Pädagogen und Eltern bekommen anschaulich vorgeführt, wenn Defizite in der Bewegungsmotorik, beim Spracherwerb und in der kognitiven Leistungsfähigkeit bestehen. Bei einer genaueren Beobachtung entdeckt man Zusammenhänge. Für den bekannten amerikanischen Neurologen und Erziehungswissenschaftler Howard Gardner steht fest, dass eine enge Beziehung zwischen dem Gebrauch des Körpers und der Entwicklung kognitiver Kräfte besteht. Wenn ein Kind gut geht, wenn es alle seine körperlichen Glieder beweglich und feinmotorisch einsetzen kann, hat es gute Voraussetzungen, gut sprechen zu lernen. Spricht es gut, verfügt über einen reichen Wortschatz und bildet schöne Sätze, hat es wiederum gute Voraussetzungen, gedanklich differenzierte Begriffe von sich und der Welt zu entwickeln. Das sinnlich erlebte Begreifen wird sprachlich vermittelt zum Begriff, das Tun wird zum Wort, das Wort zur Erkenntnis. In dem Begriff »Gedankengang« klingt dieser Zusammenhang noch an.

Wer die Unermüdlichkeit und die enorme Willensanstrengung eines Kindes bemerkt, seinen Leib, seine Sprache und sein Denken zu ergreifen, kann den Eindruck haben, dass hier nahezu Übermenschliches waltet. Nach Rudolf Steiner sind in der frühkindlichen Entwicklung geistige Weisheitskräfte am Werk – »Triebfedern« wie Herder es formulierte –, die sich erst nach und nach zurückziehen. Gehen, Sprechen und Denken haben ihr geistiges Pendant sozusagen im Himmel.

Hinter dem alltäglichen »Wie geht´s« versteckt sich ein himmlisches Es, dass uns dazu auffordert, dass ein Ich auf Erden lernt, im umfassend menschlichen Sinne selbst zu gehen.

Aus der Redaktion grüßt

Mathias Maurer

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