Ein Bahnhof wird bunt

Von Hans-Wolfgang Roth, Januar 2013

Seit langem war der Stader Bahnhofstunnel ein unangenehmer öffentlicher Ort. Graffiti, Gekritzel und regelrechter Dreck belästigten die Bahnreisenden. Die Bahn beseitigte die Wandbeschmutzungen regelmäßig mit einem grauen Anstrich, der nach wenigen Tagen – wie erwartet – wieder von neuen Zeichen übersät war.

Stader Waldorfschüler verschönern die Bahnhofsunterführung

Die Gunst der Stunde 

Der Mathematiklehrer sprach mich, seinen Kunstkollegen an, dass es möglich wäre, den Tunnel auf der bereits hergestellten Grundierung auszumalen. Er hatte bereits mit den Bediensteten der Bahn vor Ort die Chancen einer Realisierung sondiert, die Bereitschaft unserer Schule angedeutet und war auf offene Ohren gestoßen. Just in diesem Moment hatte unsere 11. Klasse sich mit Malerei und einer Grundübung zur Farbe auseinandergesetzt. Farbige Quadrate im Sinne von Ittens Farbenlehre sollten dazu dienen, fein abgestimmte Farbwerte mit seelischen Qualitäten in Verbindung zu bringen. So war der Schritt nicht weit, in einer einwöchigen ganztägigen Aktion den gesamten Tunnel farbig zu gestalten.

Den Sommer in den Tunnel geholt

Die Schüler waren sofort begeistert. Als äußere Form boten sich die uns bekannten Farbquadrate an – doch dieses Mal mit der Herausforderung eines bahnhofspezifischen Themas. Es tauchte die Idee auf, einzelne Stundenqualitäten eines Hochsommertages mit Hilfe von je 49 Farbquadraten und einer angemessenen Konstellation von Farbwerten darzustellen – »24 Stunden eines Sommertages« sollten durch 24 Bilder realisiert werden. Damit waren die Bahn mit dem Thema der Zeit, die Schüler mit ihren Erfahrungen bei der Erzeugung von Farbqualitäten und die Bevölkerung indirekt mit Sommer und Sonne angemessen berücksichtigt.

Mit der Bahn und der Stadt wurde in schriftlicher Form ein gemeinsames Gespräch vereinbart, für das ich bereits einen Entwurf vorlegen konnte.

Die Notwendigkeit einer Veränderung ließ im Gespräch mit der Deutschen Bahn schließlich Ideen auftauchen, die zur späteren Gestaltung beitrugen. Die Offenheit aller Beteiligten schuf einen kreativen Raum, der ein festliches und lustvolles Experiment verhieß.

Während die Längswände des Tunnels die geplante Bemalung zu tragen hatten, sollten an den Stirnwänden freie Malflächen installiert werden, die ähnlich wie die 24 Stundenbilder innerhalb von gemalten Rahmen eine bildnerische Situation verkörpern, allerdings nicht mehr mit Farbquadraten, sondern zunächst in freien, abstrakten, gestisch formulierten Farbzusammenhängen.

Nachtgespräch ohne Worte

Die Aktion startete um Mitternacht und dauerte insgesamt vier Stunden. Der Tunnel wurde zu einer Aktionsbühne für Interessierte und Aktive mit Sitzplätzen umgewandelt. Gemalt wurde mit der Anweisung, individuelle, kurze abstrakte malerische Positionierungen vorzunehmen, also bildnerische Äußerungen, Farbaktionen und Reaktionen zu wagen – je nach Impulsen, die durch eigene Farbsetzungen ausgelöst wurden.

An schwierigen Entwicklungspunkten der Bilder wurden auch Gedanken ausgetauscht; ansonsten verlief die nächtliche Aktion ohne Worte – »Gespräche ohne Worte« hätte man die beiden Bildtitel nennen können. Die nächtliche Malaktion wurde von Zuschauern aus dem Schulumkreis begleitet; dabei entstand auch eine Fotoserie der Entwicklung dieser beiden Bildwände.

Bitte äußern Sie sich hier

Ab dem folgenden Morgen waren dann die mit abstrakten Malereien versehenen großformatigen Stirnseiten für die Öffentlichkeit zum Weitergestalten, Reagieren, Abreagieren und Äußern freigegeben.

Natürlich hing das Herz der nächtlichen Gestalter an diesen farbenfrohen, tunnelprägenden, kraftvollen Riesenbildern, die die Atmosphäre des Tunnels bestimmten. Doch das Geschaffene wieder loszulassen, war die größere Aufgabe, die dann auch den Schmerz anschließender Überarbeitungen durch andere erträglich werden ließ. Die Aufforderung an die Besucher des Bahnhofstunnels lautete:

Bitte
hinterlassen Sie
Ihre Äußerungen
Spuren
Frust
Freude
auf dieser Fläche
innerhalb dieses Rahmens
nur hier.

In der Nacht vor der Eröffnung durch die Bürgermeisterin mussten die durch das »Laufpublikum« inzwischen bis zur Unkenntlichkeit umgewandelten Bilder erneut »weiterverarbeitet« und die grauen Wände und Rahmen um die Bilder herum wieder hergestellt werden. Dieses Umarbeiten des bildnerisch Geäußerten kann gleichsam als eine »bildnerische Verdauung« erlebt werden. Manches ungewöhnliche Zeichen, manche Farbe oder geäußerte Geste wird zum Auslöser und Impuls für neue Bildzusammenhänge, anderes wird übermalt oder weitergeführt oder die Bildthematik war so stark, dass sie sich in verwandelter Form erneut äußern wollte. Leider waren einige der 24-Stundenbilder im Eifer mancher Sprayer auch noch übersprüht worden und dadurch irreparabel beschädigt.

Mit diesen Übersprühungsschäden mussten sich die Schüler abfinden. Das fiel manchen Urhebern der Stundenbilder nicht leicht und dämpfte den Enthusiasmus der Klasse.

Interessanterweise blieb aber die Serie von 24 Bildern trotz vieler ungewollter bildnerischer Eingriffe aussagekräftig und stabil. Irgendwann wird das Ganze wahrscheinlich kippen und dann ist eine Neugestaltung fällig. Diese fällt dann allerdings nicht unter den Begriff der Pflege und »bildnerischen Verdauung«, sondern wird eine Neugestaltung bedeuten, also ein neues Projekt mit einer neuen Idee.

Der Tunnel macht Freude

Nach einigen Monaten sind mehrere Überarbeitungen in nächtlichen Treffen notwendig geworden, um den Tunnel in der öffentlichen Beachtung aktuell zu erhalten und das Prinzip der »Pflege« zu verdeutlichen. Interessant war es, mitzuerleben, wie die Bevölkerung auf die Bilder reagierte. Man brauchte nur fünf Minuten im Tunnel zu verweilen, um Stimmen, die darauf reagierten, zu vernehmen. Es war ein Tunnelgeschehen entstanden, das sich ständig verwandelte, eine Atmosphäre der bildnerischen oder visuellen Kommunikation. Umso mehr überraschte dann die Einzelpositionierung einer Kunsttherapeutin, die die erlaubte Möglichkeit nutzte, ein eigenes Riesenbild innerhalb des erlaubten Rahmens zu schaffen und gleichzeitig ihre Adresse zu hinterlassen. Eine neue und offene bildnerische Kommunikation hatte begonnen und wurde auch von der Presse gewürdigt. Inzwischen sind auch manche Sprühäußerungen als bewusste Setzungen vorhanden, die das Bildgeschehen bereichern. Immer mehr wird der eigentliche Sinn dieses Bahnhofsprojektes den Beteiligten erahnbar: Bewusstsein kommt in einen vergessenen Raum und löst bei vielen Menschen Freude und Sympathie aus. Natürlich wird immer wieder auch Ärger über sogenannte Beschmierungen ausgedrückt. Für viele Bahnhofsnutzer aber bleibt die kleine tägliche Erwartung einer möglichen Veränderung. Bewusstsein hat verändernde Kraft. Trostloses löst sich in Lebendigem auf. Die Wahrnehmung selbst – eines jeden interessierten Passanten – wird zur Pflege dieses Raumes und die äußerliche Pflege wird zum erlebbaren Dienst am Wohlbefinden der Bevölkerung – schließlich gehen ja einige tausend Menschen am Tag durch den Tunnel.

Eine gelungene künstlerische Intervention

Wie lange und in welcher Form die Pflege weiterhin möglich sein wird, bleibt die Herausforderung, die immer wieder neue Ideen braucht. Das Projekt hat sich gleichsam zu einer künstlerischen Dauer-Intervention entwickelt: jüngst stellten sich französische Gäste und Künstler den Wänden. Es soll im neuen Schuljahr weitergeführt werden und dann ist angedacht, mit der neuen 11. Klasse im Stader Bahnhof einen bildnerischen Beitrag zur bevorstehenden internationalen Gartenschau 2013 zu leisten, die in Hamburg ausgetragen wird.

Zum Autor: Hans-Wolfgang Roth ist Kunstlehrer an der Freien Waldorfschule in Stade

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