Ein Biologiehandbuch für die Praxis

Von Werner Koch, Dezember 2019

Wer dieses Werk im annähernd quadratischen Format in die Hand nimmt, fühlt sich an ein Schatzkästchen erinnert. Wer es aufschlägt, erlebt das kräftige Papier und wird gefangen genommen von den äußerst schönen Abbildungen. Wer anfängt zu lesen, wünscht sich viel Zeit.

In drei großen Abschnitten geht es um methodische Grundlagen, den Unterricht selbst und exemplarische Vertiefungen in goetheanistischen Forschungsgebieten. Im ersten Abschnitt folgt auf einen menschenkundlich begründeten Blick auf den Lehrplan eine Übersicht über den Biologieunterricht in den Klassen 1 bis 12 unter didaktischen und methodischen Gesichtspunkten, wie beispielsweise Anschauung und Erleben, Kausalitätsdenken, Metamorphosendenken und eine Beurteilung verschiedener naturwissenschaftlicher Strategien. Auch für die Klassenlehrerzeit stehen Erfrischungen bereit, man findet also mehr als eine Orientierung für den Oberstufenlehrer, zum Beispiel: »Was ist der Unterschied zwischen einer naturwissenschaftlichen und einer fantasievollen Erklärung?« Es folgen verschiedene Zugänge und didaktische Ansätze für die altersgemäße Unterrichtsplanung: die Förderung der Urteilsentwicklung, die Verschiedenzeitlichkeit von Entwicklungen, die Bedeutung von Schlaf und Dreischritt im Epochenunterricht – auch nach aktuellen neurophysiologischen Forschungsergebnissen – oder die Bedeutung des Künstlerischen für das Erspüren eines lebendigen, geistigen Zusammenhangs.

Bei der Integration mehrerer Zugänge und deren Zusammenhang entsteht ein Gesamtbild der Didaktik, Methodik und der Inhalte im Hinblick auf die Entwicklung der jungen Menschen mit dem Ziel, deren eigene Urteilsfähigkeit und innere Freiheit zu steigern. Die Themen sind gründlich ausgearbeitet und eignen sich für Anfänger (mit konkreten Hinweisen zu Einsteiger-Schwierigkeiten und bösen Fallen) wie auch Erfahrene, die nicht vergeblich nach Neuem Ausschau halten.

Nach dieser vertieften Einführung entfaltet sich im zweiten Abschnitt ein vielgestaltiger, breiter Fächer an Beispielen für den Unterrichtsaufbau einer Epoche, einer Projekt- oder einer Praktikumsphase für die 9. bis 12. Klassenstufe. Vorangestellt ist jeweils ein Kapitel mit den menschenkundlichen Voraussetzungen der entsprechenden Altersstufe und den darauf abgestimmten Methoden und Zielen des Unterrichts; hinzu kommen die zu entwickelnden Kompetenzen. Hierbei ist der inhaltliche Schwerpunkt der Darstellungen für die 9. Klasse das menschliche Skelett und die damit verbundene Lebensweise aus verschiedenen Blickwinkeln und im Vergleich zum Tier, bereichert beispielsweise um die Forschungsfragen: »Welches Gewicht hält eine Konstruktion aus zwölf Blatt Schreibpapier und etwas Klebstoff?« oder »Warum können sich Hühner in der Schwerelosigkeit nicht ernähren und warum müssen Astronauten nach der Landung aus der Raumkapsel getragen werden?« Dabei sind die Abbildungen, Tabellen und Textinformationen äußerst anschaulich, detailreich und informativ und erscheinen sowohl als Hintergrundinformation für die Lehrkraft als auch in Erarbeitungsphasen direkt für die Hand der Schüler liebevoll zusammengestellt. Eines der thematischen Beispiele für jede Klassenstufe ist jeweils besonders ausführlich eingeführt und umfangreich dargestellt, dass der Anreiz entsteht, es einfach so umzusetzen. Für die 10. Klasse ist es zunächst das Thema Herz und Kreislauf.

Daneben begeistert mich ein Epochenbeispiel, in dem der Aspekt »Wasser« zum erkenntnisleitenden Motiv wird, über das sich sowohl die Gestaltbildungen der lebendigen Formen und Organe als auch Aspekte zur Sexualkunde und Embryonalentwicklung des Menschen erschließen, vertiefen und erweitern lassen.

In der 11. Klasse wird entsprechend der Lehrplanangabe »Zellenlehre kosmologisch« die Organismus-Idee von der molekularen bis zur ökologischen Ebene mit ihren jeweiligen zum Teil kosmischen Rhythmen entwickelt. Dabei wird die jeweilige Anschauung durch die zugehörigen Denkbewegungen ergänzt. Dies ist besonders wertvoll, denn es kann ein ahnendes Erlebnis des »Lebendigen« mit sich bringen. Die Fragestellungen, die sich bei den entsprechenden Epochenvorschlägen jeweils anschließen können, sind unermesslich. Hinzu kommen Anregungen zu Praktika. Durch die Fülle von inhaltlichen Anregungen in Text und Bild zu den jeweiligen Themen tritt immer wieder auch der Lehrbuchcharakter dieses Werkes in Erscheinung.

Die Themen der 12. Klasse bieten die Grundlage, das eigenständige Denken und Urteilen weiter zu entwickeln, große Zusammenhänge anzuschließen und sich auch bewusst mit der Theoriebildung der modernen naturwissenschaftlichen Positionen zunehmend eigenständig auseinanderzusetzen. Für die 12. Klasse ist die Notwendigkeit zur Auswahl besonders groß, wenn nur wenig Epochenzeit zur Verfügung steht. Allen Beispielen gemeinsam ist die Idee der Entwicklung oder Metamorphose, die inhaltlich in ihren notwendigen Denkschritten auf das Selbstverständnis des Menschen abzielt, sei es in ontogenetischer oder phylogenetischer Hinsicht. Durch viele Einzelphänomene und Details lässt sich der angestrebte Zusammenhang jeweils überzeugend entwickeln.

Der dritte Abschnitt des Buches ist exemplarisch einzelnen Themen der aktuellen goetheanistisch orientierten Forschung mit jeweils einem eigenständigen theoriebildenden Ansatz gewidmet. Man kann sich an der Forschungsfront der »Wissenschaft vom Lebendigen« fühlen und den persönlichen Hintergrund weiterentwickeln, der dann im Unterricht von den Schülern erlebt wird und das Besondere des Biologieunterrichts an der Waldorfschule ausmachen kann. Der Weg: »weg vom Zufall und weg von einer den Phänomenen nur hinzugefügten Theoriebildung« und »hin zum Auffinden von Gesetzmäßigkeiten, die den betrachteten Phänomenen innewohnen«, wird insbesondere in den Bereichen Ökologie, Genetik und Evolution aufgezeigt. Hierbei kann der denkende Mensch selbst zum geistigen Teilnehmer an den Schaffensprozessen in den Naturvorgängen werden. Es ist gleichzeitig eine Argumentationshilfe für den Biologielehrer, bei sich selbst und damit auch bei den Schülern die tiefsitzenden mechanistischen Vorstellungen infrage zu stellen. Schrittweise lässt sich eine von Rudolf Steiner beschriebene »geistig anschauende Kraft, eine Fähigkeit zum intuitiven Begriff« ausbilden. Wir kommen hierdurch in die Lage, die eigenständige Ebene der Lebenskräfte und Bildekräfte nicht nur zu denken, sondern denkend zu erleben. Aus der »additiven Gleichzeitigkeit der Äußerungen des Lebendigen« werden einzelne beschreibbare eigenständige Koordinationsvorgänge, die in ihrem wechselseitigen Zusammenwirken den Organismus bilden (Synthese). Indem der Wille das Denken dieser Koordinationsvorgänge ergreift, können diese Koordinationsvorgänge als eigenständige Kraft erlebbar werden. (Hier kommt mir die erste Lehrermeditation in den Sinn.) Insgesamt bietet sich der Anschluss an neueste Forschungskontexte, worauf Rudolf Steiner für den Unterricht besonderen Wert legte. Auch für den für sich selbst forschenden Menschen – jenseits einer Unterrichtssituation – ist dieser dritte Abschnitt in Bezug auf ein ahnendes Verständnis der Lebenskräfte besonders wertvoll. Für den praktischen Zugriff auf das in jeder Hinsicht brillante Werk bietet sich der mittlere Abschnitt an, in dem Elemente der beiden weiteren Abschnitte mit unterschiedlichen Schwerpunkten bei den Epochenbeispielen ganz konkret ausgearbeitet sind. Insgesamt 26 Autoren stellten ihre Schätze zur Verfügung und den Herausgebern – selbst auch mit eigenen Artikeln präsent – ist es in hervorragender Weise gelungen, daraus ein vielgestaltiges Gesamtwerk zu schaffen, das die Biologie – nicht nur an der Waldorfschule – wirklich lebendig werden lässt. Wer dieses Buch in die Hand nimmt, kann den Eindruck gewinnen, dass ihr oder ihm bisher etwas gefehlt hat.

Ylva-Maria Zimmermann und Reinhard Wallmann (Hrsg.): Biologie in der Waldorfschule: Ein Praxishandbuch für Oberstufenlehrer, geb., 544 S., EUR 49,–, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2019

Folgen