Ein bisschen Drill am Schluss genügt

Von Alain Denjean, Oktober 2011

Nicht oder mangelhaft ausgebildete Lehrer, veraltete Methoden, Drill statt Kreativität, demotivierende statt erwärmende Texte – zum Glück kommen alle diese Elemente selten zusammen vor! Dennoch wird der Fremdsprachenunterricht in den Oberstufenklassen mancher Waldorfschulen als Problemfach angesehen, nicht nur von Eltern und Schülern, sondern auch von Kollegen selbst.

Auf der anderen Seite kennen ehemalige und jetzige Waldorfschüler, Eltern und Kollegen, einen gediegenen Fremdsprachenunterricht mit großem Erfolg beim Abitur, der auch die Schüler begeistert und von welchem manche später sagen, dass sie durch ihn die Liebe zum fremden Land entwickelt haben. – Hier berühren wir schon die Grundfrage: Wer kann sachlich beurteilen, wie die Situation in den Waldorfschulen wirklich ist? Negatives erzählt man gerne. Schon deshalb, weil man durch Gleichgesinnte sein Teilurteil bestätigt haben möchte. Häufung ersetzt Sachlichkeit. 

Erziehungskünstler brauchen Zeit

Ich möchte daran erinnern, dass man Leistungen von Künstlern immer in Frühwerk, Hauptschaffenszeit und Spätwerk gliedert. Da der Fremdsprachenlehrer in der Waldorfschule bei allem wissenschaftlichen Anspruch vor allem ein Erziehungskünstler ist, muss man berücksichtigen, in welcher Phase seines Werks er sich gerade befindet, wenn man ein Urteil über ihn fällt. Wenn der Lehrerwechsel häufig ist, so befinden sich diese Lehrerpersönlichkeiten mitten oder am Anfang ihres Frühwerks. Wer hat den frühen Van Gogh für einen großen Künstler gehalten?

Umso zentraler wird die Frage: Wie halten wir junge Lehrer in unseren Schulen? Einige können mit dem Künstlerischen nichts anfangen, zögern, die Arbeitsmenge auf sich zu nehmen, oder stellen bald fest, dass ihre pädagogischen Motive den Zielen der Waldorfpädagogik nicht entsprechen. Von diesen Lehrern im Vorfeld der Waldorfpädagogik sprechen wir zu oft.

Wissenschaftler oder Künstler?

Ein Teil der Probleme ist also ein Profilproblem: Möchte man einen wissenschaftlich orientierten Fremdsprachenlehrer mit aufgeweichten Staatsschulmethoden haben oder einen Erziehungskünstler? Der allein wissenschaftlich ausgebildete Lehrer ist am Ende seiner Ausbildung fertig; er braucht nur noch ein wenig Erfahrung. Der Erziehungskünstler beginnt sein Wirken erst am Ende seiner Ausbildung, indem er sich künstlerisch betätigt. Von vornherein braucht der Waldorflehrer mehr Zeit als andere. Deshalb spielt die Fortbildung in der Waldorfpädagogik eine große Rolle.

Ein zweiter Aspekt, nun bei Lehrern, die sich mit der Waldorfpädagogik verbunden fühlen, ist die Methodenfrage. Als ich anderthalb Jahre lang den Fremdsprachenunterricht in Waldorfschulen besuchte, habe ich oft gemerkt, wie die Unzufriedenheit von Schülern und Eltern sich an ungeschicktem Verhalten im Methodischen entzündete. Einige Ratschläge nach dem Unterrichtsbesuch wirkten Wunder und selbst die Kinder merkten schnell, dass sich etwas änderte. Ein »Softmentorierung« durch erfahrene Kollegen, die nicht dem eigenen Kollegium angehören, hilft sehr.

Vom Erlebnis zum Lernfach

Eine dritte Ebene von Unzufriedenheit betrifft die Didaktik des Fremdsprachenunterrichts. Ist der Fremdsprachenunterricht ein Lern- oder ein Erlebnisfach? In der 1. Klasse ist er auf jeden Fall ein Erlebnisfach. Danach auch noch lange … und eigentlich bis zum Ende der 12. Klasse. Aber irgendwann wird er auch ein Lernfach. Ich meine, dass der Fremdsprachenunterricht erst mit der Einführung der Schrift in der 4. Klasse auch zum Lernfach wird, und zwar durch die Grammatik. In der Lektürearbeit und in allem anderen muss der Unterricht Erlebnis bleiben. Das ist das größte Problem des Lehrbuchs, das alles auf die Ebene der Grammatik herunterzieht und langweilige, didaktische Texte anbietet. In der 6. Klasse kommt die Wortschatzarbeit zum Lernfach hinzu, und in der 7.-8. Klasse wird auch die Lektüre zum Teil Lernfach. Daneben lebt der Fremdsprachenunterricht in der Waldorfschule von Rezitationen, Theaterszenen oder kleinen Theaterstücken, Singen, Tanzen, Spielen, Referaten und später von spannenden kulturgeschichtlichen Elementen, die auf Monatsfeiern, Elternnachmittagen, Festen und in Portfolio-Mappen zum Ausdruck kommen. Diese Progression des Lernfachmäßigen innerhalb des Erlebnismäßigen kann anthropologisch begründet werden und erfordert von den Lehrern große Geistesgegenwart.

In der Realität des Alltags bedeutet das, dass Lehrer sich trauen sollten, alle Methoden, die die Fremdsprachenpädagogik anbietet, ob neu oder alt, so einzusetzen, wie sie es brauchen, um ein pulsierendes Leben und eine Lernstimmung im Unterricht zu erzeugen. Dafür ist der Austausch zwischen den Kollegen hilfreich.

Der Lehrer muss selbst entscheiden, ob er sich – je nach Altersstufe – vorwiegend an das Intellektuelle (Denken und Kopf), an das Gemüt (Herz) oder an den Willen des Schülers (Gliedmaßenaktivität) wendet. Durch die Berücksichtigung dieser Kriterien individualisiert sich der Unterricht von selbst und jeder kann in ihm das finden, was er braucht.

Wir Lehrer stehen oft in der Kritik der Eltern und Schüler. Zu Recht, weil wir eine gewisse Einseitigkeit in der Ausübung unseres Berufs aufweisen. Die einen sind geniale Dilettanten, andere sind von einer einzelnen Methode überzeugt oder sind pedantische Experten, Klassiker, Modernisten, Drillspezialisten, Theaterliebhaber … Richten wir uns nach dem Menschen, dann spüren es Schüler und Eltern, und es entsteht spätestens in der Oberstufe ein anderer Dialog, in dem der Fremdsprachenunterricht nicht als Problemfach angesehen wird, sondern als Fach, in dem einzelne Probleme auftauchen können, die Lehrer, Schüler und Eltern trotz ihren jeweiligen Einseitigkeiten miteinander durch konkrete, der Situation angemessene Lösungen bewältigen können.

Zum Autor: Alain Denjean ist Französisch- und Religionslehrer an der Waldorfschule Uhlandshöhe und Dozent an der Freien Hochschule in Stuttgart.

Literatur: Rudolf Steiner: Die Erneuerung der pädagogisch-didaktischen Kunst durch Geisteswissenschaft, Vortrag vom 26.4.1920, GA 301, Dornach 1977

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