Ein Flüchtling wird Waldorflehrer. Der Menschenrechtsaktivist Nima Pour Jakub

Von Mathias Maurer, Juli 2015

Nima kommt aus der iranischen Stadt Täbris, aus der er im Dezember 2011 als junger Ingenieur geflohen ist. Mit vier Jahren sah er die erste Hinrichtung. Er sitzt mit mir vor dem Goetheanum in Dornach. Sein fließendes Schweizerdeutsch steht in aberwitzigem Kontrast zu seinen Schilderungen.

Nima Pour Jakub berichtet vor der Kommission für Menschenrechte der UN in Genf über geheime Exekutionen in iranischen Gefängnissen.

Im Frühjahr 2011 wurde Nima verhaftet. Er kam in Einzelhaft und es wurde ihm der Prozess gemacht wegen Propaganda gegen das Regime und Gefährdung der nationalen Sicherheit. Sechseinhalb Jahre Gefängnis drohten ihm. Gegen eine Kaution, die darin bestand, dass seine Eltern ihre Eigentumswohnung an den Staat überschrieben, kam er auf freien Fuß. Auf vielen Umwegen floh er in die Türkei.

Nima stand schon längere Zeit mit Menschenrechtsorganisationen in regelmäßigem Kontakt und lieferte Berichte an die UNO-Menschenrechts-Kommission nach Genf, um auf die Repressionen in seinem Heimatland aufmerksam zu machen. Mit einem falschen Pass wollte er weiter nach London. Bei einer Zwischenlandung in Basel wurde er festgenommen und kam wieder ins Gefängnis, dann in ein Asylzentrum – einen unterirdischen Luftschutzbunker – in Solothurn. Von dort aus nahm er erneut Kontakt mit Amnesty International in Bern auf, das sich umgehend um ihn kümmerte.

Ein Lehrer der Regionalen Oberstufe Jurasüdfuss (ROJ), Thomas Stöckli, wurde auf Nima aufmerksam, bat ihn, über die Situation der Menschenrechte im Iran an der Schule zu berichten und lud ihn ein, als Gast in seinen Deutsch-Epochen teilzunehmen. Später gab Nima gelegentlich Mathematik-Hilfsstunden, bis er an die Akademie für anthroposophische Pädagogik in Dornach ging, um Waldorflehrer zu werden. Nach zwei Jahren wurde Nima als Asylsuchender anerkannt, bekam eine Aufenthaltsbewilligung und durfte sich im Schengen-Raum frei bewegen. Zur Zeit macht er ein Praktikum in der 3. Klasse der Steinerschule in Langenthal und gibt Mathematik-Übstunden in der Oberstufe. »Ich habe meine Aufgabe hier gefunden«, sagt Nima, »doch meine Mission ist die Flüchtlingsarbeit.« Nima kommt gerade von der notfallpädagogischen Jahrestagung in Karlsruhe, veranstaltet von den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners.

Warum er nicht traumatisiert wurde?, frage ich ihn. »Vielleicht weil ich ein künstlerischer Mensch bin. Das hat mich geschützt. Die Kunst ist ein Vademecum. Was könnte die Kunst, die in meiner Heimat so schmählich unterdrückt wird, heilend bewirken!«, ruft Nima aus.

Sein Flüchtlingsprojekt mit sogenannten UMAs (unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden) steht noch in den Anfängen. Im Gegensatz zu Deutschland wird in der Schweiz die Beschulung der Flüchtlinge in den Steiner-Schulen nicht staatlich finanziert. Es gibt kein Gesetz dafür. Nimas Vision ist es, einen Ort in der Schweiz zu finden und diesen in eine Flüchtlingsschule zu verwandeln. Dafür sucht er engagierte Menschen.

Kontakt: nima.pouryaghoub(at)gmail.com, www.fluechtlingspaedagogik.ch

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