Ein freier Bund der Bünde

Von Mathias Maurer, Februar 2022

Die Arbeit der Pädagogischen Sektion am Goetheanum.

Von links: Claus-Peter Röh, Constanze Kaliks, Philipp Reubke, Florian Osswald.

Die Pädagogische Sektion ist eine von elf Abteilungen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft mit Sitz am Goetheanum in Dornach / Schweiz.

Sie steht zu allen pädagogischen Einrichtungen, die auf anthroposophischer Grundlage arbeiten, in einem freien Verhältnis, erforscht Rudolf Steiners pädagogischen Impuls, entwickelt ihn in Zusammenhang mit der zeit-genössischen Diskussion weiter und bietet Beratung an. Um diese Arbeit zu gewährleisten, ist die Pädagogische Sektion auf Spenden von Institutionen und Stiftungen angewiesen. Der Bund der Freien Waldorfschulen in Deutschland unterstützt die Arbeit mit 1,50 Euro pro Schüler:in und Jahr. Ein weiterer Teil der Einnahmen wird durch Tagungen, Seminare und Vorträge erwirtschaftet. Die Pädagogische Sektion ist in allen internationalen Gremien der Waldorfschul- und -kindergartenbewegung vertreten. Ihre Vertreter:innen können auf eine langjährige pädagogische Praxis zurückblicken, bevor sie in ihre Leitungs-funktion berufen wurden.

Die bisherigen Leiter der Pädagogischen Sektion, Claus-­Peter Röh und Florian Osswald, übergeben nun ihr Amt an Constanze Kaliks und Philipp Reubke. Röh wechselt in die Leitung der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion, Kaliks kommt von der Jugendsektion.

Eine der zentralen Aufgaben der letzten Jahre war zum Bespiel die Erarbeitung wichtiger Qualitätsanforderungen für die Ausbildung von Lehrpersonen in Zusammenarbeit mit Dozentinnen und Dozenten aus aller Welt. Das Projekt trägt den Namen »International Teacher Education Project« (ITEP). Wichtiger Kooperationspartner ist das International Network for Academic Steiner Teacher Education (INASTE), ein unabhängiges weltweites Netzwerk von Einrichtungen, die Waldorflehrerausbildungen auf akademischem Niveau anbieten.

Zusätzliche Zuwendung forderten aber auch die Übergänge: von der Mittel- zur Oberstufe und vom Kindergarten in die Schule. Wie können die Inhalte und Methoden noch besser die kindlichen Entwicklungsschritte berücksichtigen, die in diesen auch kritischen Lebensphasen durchlebt werden? Ein weiterer Impuls ist die eigentliche Hochschularbeit, das heißt, die anthroposophische Vertiefung und Erforschung der pädagogischen Tätigkeit in den jeweiligen Kollegien. Steiner regte an, dass im Sinne einer ständigen Waldorflehrerfortbildung in den Konferenzen pädagogisch geforscht und geistig gearbeitet wird. Sich immer wieder neue Gedanken machen über kindliche Entwicklung, gemeinsam üben, die Kinder besser zu beobachten, die eigene pädagogische Praxis von den Kolleginnen und Kollegen befragen lassen, die Methoden und Inhalte mit der Zeit und der  kulturellen Entwicklung im Einklang entwickeln, einander helfen, die eigenen Emotionen und den eigenen Willen persönlich zu gestalten – all dies und viel mehr kann in der wöchentlichen Teamsitzung stattfinden und dazu beitragen, dass Erziehung nicht zur Routine erstarrt und die Einrichtung kohärent geführt wird.

Die Zusammenarbeit mit der Medizinischen Sektion am Goetheanum betrifft nicht nur die gemeinsame Arbeit der Pädagog:innen, Kinder- und Schulärzte sowie den zu entwickelnden Umgang mit den pandemie-bedingten Folgen für die Gesundheit, sondern auch die sogenannten CARE-Gebiete, hier insbesondere die Bereiche Schwangerschaft, Geburt, frühe Kindheit und Inklusion.

Den Mitarbeiter:innen der Pädagogischen Sektion geht es um den pädagogischen Impuls Rudolf Steiners, von dem sie meinen, dass er in vielen Formen und Einrichtungen zur Erziehung beitragen kann, auch an staatlichen Einrichtungen.

Kaliks und Reubke betonen, dass es nicht Auftrag der Hochschule und der Pädagogischen Sektion am Goetheanum sei, sich in die konkreten Belange der Schulen einzumischen. Sie möchte die geisteswissenschaftliche Arbeit der pädagogischen Konferenzen stärken, zu Forschungen und Neuschöpfungen anregen und freilassende »Orientierungsachsen« bieten, zum Beispiel zu den Themen Inklusion, Multikulturalität und Selbstverwaltung, von Salutogenese- und Präventionsansätzen bis hin zur Zusammenarbeit mit dem familiären Umfeld, mit denen die Einrichtungen umzugehen haben. Dabei gäbe es keine »Modellschule«, an der sich alle anderen ausrichten müssten.

Die Welt-Lehrer- und Erzieher-Tagungen, die alle vier Jahre am Goetheanum im schweizerischen Dornach stattfinden, wo über tausend Menschen aus aller Welt zusammenkommen – führen immer wieder vor Augen und lassen erleben, dass die Waldorfwelt sich nicht auf die einzelne Einrichtung vor Ort beschränkt: Waldorf ist ein weltweiter Impuls, der sich zunehmend von einer Einzel-Initiative in Stuttgart vor über hundert Jahren, dann zu einer überwiegend deutsch, dann europäisch geprägten, nun zu einer internationalen Bewegung ausgewachsen hat.

Es gibt seit 50 Jahren einen Welt-Waldorfverein – die »Freunde der Erziehungskunst« – der durch Spendensammlung und Mitgliederbeiträge in großem Stil Waldorfkindergärten und Schulen in aller Welt finanziell unterstützt. Es gibt nationale; regionale und fachspezifische Waldorfbünde (ECSWE, IASWECE, AWSNA etc.), die effizient in ihrem Bereich arbeiten. Es gibt den »Haager Kreis – Internationale Konferenz für Steiner Waldorf Pädagogik«, einen Arbeitskreis von Waldorfpädagogen aus aller Welt. Mit all diesen Partnerorganisationen möchte sich die Pädagogische Sektion für eine weltweite Zusammenarbeit einsetzen, für Gedanken- und Erfahrungsaustausch, pädagogische Praxisforschung und gegenseitige Unterstützung aller Freunde des pädagogischen Impulses Rudolf Steiners, ganz gleich in welchem Fachgebiet, ganz gleich in welcher Institution sie auch arbeiten. Kinder brauchen mehr denn je kompetente, engagierte Pädagogen. Das wird man nur im Bund mit anderen.

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