Ein guter Pädagoge denkt quer zu Rollenbildern

Von Brigitte Pietschmann, März 2015

Zu Shakespeares Zeiten wurde den Schauspielern eine Pergamentrolle in die Hand gedrückt. Was darauf stand, hatten sie zu lernen. So lernen Schulanfänger ihre sozial mehr oder weniger verträgliche Rolle in den ersten Schultagen durch die Erwartungen und Normen, die in der Klasse leben – und diese dürfen sich im Laufe der Unterstufe ändern.

Foto: © Charlotte Fischer

Es liegt zuallererst an der Klassenlehrerin oder dem Klassen­lehrer, welches Verhalten von Schülern im sozialen Zusammenhang toleriert wird und welches nicht. Unter Umständen ist eine einzelne Lehrperson damit überfordert, weil sie gar nicht alle »Brandherde« löschen und sprachlich nicht jedes gewünschte Verhalten hervorheben kann. Klassenbegleiter oder Fachlehrer können unterstützen, indem sie im Hintergrund schlichtend, tröstend, ermutigend wirken. Hören die Schüler den Namen eines Jungen stets mahnend aus dem Mund des Lehrers, dauert es nicht lang, bis ihm seine Mitschüler die Rolle des Störenfrieds zuschreiben. Vielleicht war er nur in Not, weil er mit so vielen Kindern in einem Raum nicht gleich zurecht kam oder weil seine häusliche Situation instabil war. Die ersten Tage in der Schule können eine ganze Schülerbiografie prägen nach dem Motto »You never have a second chance for your first impression!«

Häufig sind es Jungen, die gleich zu Schulbeginn eine für das ganze System unangenehme Rolle ergreifen. Oft liegt es daran, dass Mädchen in dem Alter in der Entwicklung der Feinmotorik weiter sind als die Jungen und sich dadurch mühelos auf die »feinen« Anforderungen des Unterrichts einlassen können. Jungen sind noch mit der Ausbildung ihrer Grobmotorik beschäftigt. Ihre Muskeln signalisieren ihnen: »Wir sind bereit, benutz' uns!« In der Schule aber ist viel Stillsitzen, Zuhören und ein differenziertes Hantieren angesagt, was den Mädchen gewöhnlich leichter fällt. Ist Schule also eher etwas für brave Mädchen? Wenn Jungen diesen Eindruck haben, wehren sie sich zu Recht und fordern mehr oder weniger geschickt ein, was sie brauchen. Viele Lehrer nutzen die Möglichkeiten, die das bewegliche Klassenzimmer bietet, um dem Bedürfnis der Jungen entgegenzukommen. Die Erlebnispädagogik hat Spiele und Übungen für draußen entwickelt, die die basalen Sinne schulen. Viele Waldorfschulen haben eine Umgebung, die zum Entdecken und abenteuerlichen Spielen einlädt. Man muss nur hingehen. Lehrerinnen, die eigene Söhne haben, verstehen oft besser, was Jungen glücklich macht. Die Männer wissen es noch aus ihrer Kindheit.

Lehrer tun gut daran, zu bedenken, was ihre eigene Rollenerwartung an die Jungen und Mädchen ihrer Klasse beeinflusst: Aus tiefen Untergründen wirken männliche oder weibliche Vorbilder, Gewohnheiten und Gefühle. Manche Lehrer vergleichen bei den Geschlechterrollen stets mit ihrem Rollenverständnis aus eigener Kindheit und Jugend. Ja, sogar Ideale und Theorien tauchen am Horizont auf. Und nicht zuletzt schulische Traditionen: »Bei uns an der Waldorfschule macht man das aber so …« Hinzu kommen individuelle Vorlieben, ausgefahrene Bahnen im Miteinander von Lehrern und Schülern. Rasches Urteilen kann einen Schüler in einer bestimmten Rolle festzurren. Wem das als Lehrer bewusst wird, der kann Erwartungen leichter loslassen. Entscheidend ist die Neugier, das Interesse, nicht die Erwartung an den Schüler.

Der Feuersalamander im Einmachglas

Ich hatte als Supervisorin acht Jahre lang Einblick in die Situation einer Klasse. Aus meinen Hospitationsprotokollen stammen folgende Beispiele, die zeigen, wie beim Lernen das soziale Gefüge einer Klasse lebendig und wandelbar gehalten werden kann. Wird vom Lehrer der Unterrichtsgegenstand ins Zentrum gerückt, können die Mädchen ihre weiblichen und die Jungen ihre männlichen Fähigkeiten zum Gelingen des Ganzen einbringen. Bei den jüngeren Schülern waren es oft die Mädchen, die organisierten und sich rasch ans Tun machten. Waren aber die Jungen gewonnen, so kamen von ihnen originelle Einfälle und tiefe Fragen. Mit zunehmendem Alter übernahmen mehr Jungen Führungsrollen.

Als die Erstklässler täglich Morgengaben an Stelle von Hausaufgaben mit in die Schule brachten und diese von ihrem Lehrer im Kreis interessiert gewürdigt wurden, erlebten sie, dass es sehr unterschiedliche Zugänge zum Lernen gibt. Da gab es ein Glas Marmelade, bei der Großmutter gekocht, einen Meter Tapetenrolle mit Rechnungen bedeckt, einen Feuersalamander mit feuchten Blättern in einem Einmachglas, Gebasteltes, Gemaltes und Geschriebenes. Die Kinder erfuhren täglich, wie sinnvoll und interessant es ist, mit unterschiedlichen Talenten und in diversen Lebenssituationen zu lernen. Sie wurden neugierig aufeinander in ihrer Verschiedenheit, die nichts mit weiblich oder männlich zu tun hatte. Bei einer Schreibübung in der zweiten Klasse ließ der Lehrer die Kinder ihr Lieblingsessen, ihr Lieblingstier, ihr Lieblingseis, ihr Lieblingsspiel, ihren Lieblingssport, ihr Lieblingsauto und ihren Lieblingsnamen aufschreiben. Gespannte Stille beim Vorlesen! Die Kinder erlebten: »Ich bin wichtig mit dem, was ich mag.« Weil der Lehrer sich angewöhnt hatte zu fragen, anstatt schnell zu urteilen, erfuhr er, weshalb sich Kilian in der vierten Klasse auf die Bank legte: »Ich weiß nicht, was wir jetzt machen, deswegen bin ich müde.« Lena wurde gefragt, ob sie die Achter-Reihe heute könne: »Nächste Woche!« Der Lehrer notierte sich das.

Auch unter den Schülern gibt es Experten. In der Tierkunde der vierten Klasse kam der Vogelflug zur Sprache und in dem Zusammenhang wurde gefragt: »Wer kann Papierflieger basteln?« Am nächsten Tag hatten wir ein Sortiment zum Ausprobieren und vor allem Jungen hatten ihre Erfolgserlebnisse.

Der Lehrer bezog die Schüler in die Gestaltung des Unterrichts ein. »Dafür hatte ich fünf Minuten geplant«, sagte er in der fünften Klasse. Sofort hörten die Schüler auf zu schwätzen und arbeiteten los. Sie übernahmen Mitverantwortung. Bei Gruppenarbeiten gab es entweder so viele Aufgaben wie Gruppenmitglieder oder die Gruppen organisierten sich selbst. Da bis zur achten Klasse sehr oft in unterschiedlichen und konstanten Gruppen gearbeitet wurde, hatten die Schüler Erfahrung damit, wer wofür geeignet ist.

In der Ernährungslehre der siebten Klasse bereiteten wir ein moderiertes Gespräch im Fernsehstudio vor mit Vertretern jeder Gruppe und dem Klassenlehrer als Moderator. Es ging um die Frage: »Ist es besser Fleisch oder kein Fleisch zu essen?« Die Schüler wählten unter folgenden Gruppen: Metzgerinnung, Veganer, Grillweltmeister, Tiermastbetrieb, Ernährungsexperten, Vegetarier, Biobauern. In ihrer Gruppe sammelten sie Argumente. Solche Rollenspiele lassen die Schüler erleben, dass man sich eine Rolle aufbauen kann und dass sie veränderbar ist, durch eigenes Zutun oder das der Mitschüler.

»Jungen wollen nicht lernen, Jungen wollen können!« Wer diesem Satz zustimmen kann, merkt, wie wichtig das Präsentieren am Ende eines Lernprozesses ist. Weil sich keiner eine Blöße geben will, strengen sich die meisten Jungen auch beim Lernen an. Schließlich wird das Ergebnis öffentlich gezeigt – vor eingeladenen Gästen, den Eltern, anderen Klassen … Wer sich mit einer schulischen Leistung hervortun kann, muss es nicht auf anderen Gebieten tun. Zu beachten: Leistungen zeigen sich nicht nur auf Papier! Lehrer, die zündende Aufgaben – auch fürs Üben – finden, die dann einen klaren Rahmen für die Bearbeitung stecken, laden sowohl Jungen als auch Mädchen ein, ihr Bestes zu geben.

Vom Interesse für die Schüler zu konkreten Unterrichtsvorhaben

In der kleinen Schrift »Praktische Ausbildung des Denkens« von Rudolf Steiner können Lehrer Anregungen bekommen, wie sie ihren Unterricht – vom Interesse für die Schüler geleitet – vorbereiten können. Die Grundfähigkeit, die man braucht, ist: Beobachten. Sich im Rückblick ein klares Bild machen, wie die Situation gestern war und heute ist! Dann den Zusammenhang in sich entstehen lassen! Vielleicht braucht es die Kräfte der Nacht, bis man ihn versteht. Auf diese Weise kommt man dem auf die Spur, was die Jungen und Mädchen brauchen. Oder bei der Unterrichtsvorbereitung sich ausmalen, wie das Vorhaben sein wird! Nach dem Erleben fragt man sich, ob man »richtig« oder »falsch« gedacht hat. Wenn man falsch lag, sollte man Informationen einziehen, das heißt, Schüler oder Eltern fragen. Und jetzt an die letzte Schleife denken: Wie hat sich mein Gedankenprozess entwickelt? Wie oft tappt man als Lehrer in die Falle der Rollenerwartung! Gefährlich ist es, wenn man dem einen oder anderen Schüler viel Störendes zutraut. Hand aufs Herz: Wie oft passiert das Jungen gegenüber, wie oft Mädchen gegenüber? Die Übung hilft, diese Erwartung in Interesse zu verwandeln.

Das wirksamste Instrument pädagogischen Handelns

Die Selbsterziehung des Lehrers ist das wirksamste Instrument pädagogischen Handelns: Lehrer können lernen, krumme, verkehrte Gedanken und Erwartungen als Quelle von Wirkungen zu erkennen.

Lehrer können lernen, an Stelle von ungeduldigem, willkürlichem Handeln innere Notwendigkeiten in Ruhe arbeiten zu lassen. Lehrer können lernen zu akzeptieren: Es ist wie es ist! Lehrer werden durch ihr derart praktisches Denken mit ihren Schülern zusammenwachsen. Rollenbilder werden sie immer wieder übermalen oder neu schaffen.

Zur Autorin: Brigitte Pietschmann war bis 2013 Englischlehrerin an der Freien Waldorfschule Schwäbisch Hall. Als Begleiterin in der Schulentwicklung und bei Konflikten in Waldorfschulen und -kindergärten tätig. Moderatorin von Lehrer- und Elternfortbildungen.

Folgen