Ein Mensch wird gemacht

Von Ariane Eichenberg, September 2018

Seit der Renaissance nimmt sich der Mensch als Bildner seiner selbst wahr, in dessen eigener Verantwortung es liegt, wie er sich entwickelt. Mit der Ablösung von einem metaphysisch gesicherten Menschen- und Weltbild gewinnt der Mensch Freiheit, muss aber auch in einem ganz neuen Maße Verantwortung für sein Denken und Handeln übernehmen. Keine Instanz außerhalb seiner selbst kann das für ihn tun.

Der Gedanke, sich nach dem eigenen Ermessen zu formen, ist zentral für den Transhumanismus. Die Transhumanisten sehen den Menschen, so wie er ist, als fehlerhaft an, als etwas, das es durch Technologie zu verbessern und weiterzuentwickeln gilt. Gezielte genetische, neurotechnologische, prothetische, pharmakologische Eingriffe sollen Körper, Gefühle und Geist (Gehirn) optimieren und so erweitern, dass die menschliche Beschränkung aufgrund der biologischen Verfasstheit aufgehoben, Krankheit, Altern und Tod überwunden und in letzter Konsequenz abgeschafft werden können. Der Begriff Transhumanismus ist somit zentrales Programm: Überschreitung der menschlichen Grenzen auf allen Ebenen. Nun ist zu diesem Thema, das alle gesellschaftlichen und privaten Bereiche vor extreme ethische Herausforderungen stellt, ein Sammelband erschienen – Ergebnis einer interdisziplinären Tagung von 2017.

Ziel des Bandes ist, den Transhumanismus mit seinen medientauglichen Heilsversprechen kritisch auf den Prüfstand zu stellen und Chancen und Probleme herauszuarbeiten. Die Texte bieten eine präzise Bestandsaufnahme des transhumanistischen Gedankenguts und seiner konkreten Realisierung. In der Sektion »Ideengeschichtliche Tiefenströme« wird nach den historischen Bedingungen und vor allem den Vorläufern gefragt, wobei der Weg bis zurück zu Aristoteles führt. In den »Philosophischen Reflexionen« werden vor allem gesellschaftlich-philosophische Probleme und Möglichkeiten untersucht – wobei auffällig ist, dass insgesamt positive Einschätzungen des posthumanen Zeitalters (Sorgner) überwiegen. Mit am interessantesten sind die »Theologischen Evaluationen«, in denen zwar ebenfalls die Anknüpfungspunkte von Christentum und Transhumanismus hervorgehoben, aber auch die Grenzen der Vereinbarkeit deutlich gemacht werden und gezeigt wird, dass das Menschen- und Weltbild der Transhumanisten zutiefst unmenschlich ist (Köhler). Es folgen im Anschluss noch »Naturwissenschaftliche Einschätzungen« und »Sozialwissenschaftliche Studien«, in denen nach der Realisierbarkeit und der Bedeutung von Enhancement-Techniken in gesellschaftlichen Zusammenhängen gefragt wird. Durch seine interdisziplinäre Anlage ist der Band außerordentlich informativ und zeigt, dass sämtliche Lebensbereiche schon von transhumanistischen Gedanken durchdrungen sind. Lösungsansätze, wie dem Optimierungswahn zu entkommen wäre, bieten die Texte kaum. Hier ist der Leser selbst gefordert, weiterzudenken, blinde Stellen aufzudecken und Ideen zu entwickeln, wie der Mensch durch die transhumanistischen Agenda nicht verloren geht.

Benedikt Paul Göcke und Frank Meier Hamidi (Hrsg.): Designobjekt Mensch. Die Agenda des Transhumanismus auf dem Prüfstand, geb., 532 S., EUR 48,–, Herder, Freiburg/Basel/ Wien 2018

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