Ein Pionier in Kanada. Die South-Shore Waldorfschool in Nova Scotia

Von Petra Krug, April 2014

Vor meiner Reise nach Ost-Kanada recherchierte ich, ob und wo es dort Waldorfschulen gibt. Zu meiner Überraschung entdeckte ich eine, die nur zehn Kilometer entfernt von einem meiner Urlaubsquartiere lag. Ich nahm Kontakt zu dieser Schule auf, und fragte, ob ich sie einmal besuchen dürfe. Ich bekam umgehend eine Einladung vom »Vorsteher der Lehrerschaft«, einem aus Deutschland eingewanderten Lehrer.

André Schmechel studierte Musikwissenschaften und Pädagogik und wurde anschließend in Dornach (Schweiz) zum Waldorflehrer ausgebildet. Seit 2008 ist er in Kanada an einer Waldorfschule tätig, zunächst für zwei Jahre in British Columbia und nun in Blockhouse, Nova Scotia.

Auch seine Klassen (6. und 7. Klasse) durften wir kennenlernen, und ich war erstaunt, dass wir nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Deutsch von den sehr an unserem Besuch interessierten Kindern angesprochen wurden. Ihre nach Kanada eingewanderten Eltern hatten wohl die Waldorfschule für ihre Kinder ausgesucht, weil sie deren Pädagogik bereits in Deutschland kennen und schätzen gelernt hatten.

Die South-Shore-Waldorfschule mit Kindergarten in Blockhouse ist die einzige Waldorfschule in den »Maritimes«-Provinzen (Nova Scotia, Prince Edward-Island, New Brunswick) und liegt rund 100 Kilometer südlich von Halifax und zehn Kilometer westlich von Lunenburg, einer ehemals deutsch-schweizerischen Stadtgründung.

1996 wurde die Schule von einer Handvoll Eltern auf einem Bio-Bauernhof in Conquerall Mills gegründet. Fünf Jahre später zog sie dann in ein 100 Jahre altes Schulhaus mit großem Freigelände – ein Luxus, von dem viele Waldorfschulen in Deutschland nur träumen können. Mit den Jahren und zunehmenden Kinderzahlen erweiterte sich durch den tatkräftigen Einsatz der Eltern die Einrichtung.

Es gibt einen Kindergarten mit 23 Kindern von drei bis sechs Jahren und eine Schule bis zur 7. Klasse, mit derzeit 68 Kindern. Meist werden zwei Klassenstufen gemeinsam unterrichtet. Mit Beginn des nächsten Schuljahres (2014/15) soll eine Waldorf-Highschool gegründet werden. In Kanada können die Klassen 9 bis 12 nur an einer High-School unterrichtet werden. Der Unterrichtsstil und die Unterrichtsinhalte sind nahezu gleich wie in Deutschland. Es gibt Epochen- und den Fachunterricht sowie die handwerklich-künstlerischen und musikalischen Fächer, die einen Schwerpunkt bilden. Eine der wenigen Abweichungen ist, dass ab der ersten Klasse im Moment nur eine Fremdsprache (Französisch) unterrichtet wird, da Englisch ja bereits (für die meisten) die Muttersprache ist. Deutsch als zweite Fremdsprache soll hinzukommen. In der Highschool werden dann noch weitere Fremdsprachen und Fächer angeboten. Im Unterrichtsraum begegneten mir die »gewohnten« Materialien (zum Beispiel Stockmar-Wachskreiden). Herr Schmechel erzählte mir, dass die kanadischen Waldorfschulen alle (Waldorf-)Materialien direkt aus Deutschland beziehen.

Erschreckt haben mich die hohen Elternbeiträge von einheitlich 400 Euro im Monat. Die Schule muss sich zu 100 Prozent selbst finanzieren und erhält keinerlei staatliche Zuschüsse. Die Waldorfbewegung in Kanada ist noch ziemlich klein, besonders in Relation zur Landesgröße, aber sie wächst. Die kanadischen Waldorfschulen freuen sich über Bewerbungsanfragen von Waldorflehrern aus Deutschland. Ich bekam ebenfalls die »Aufforderung«, mich doch zu melden, wenn ich mit der Ausbildung fertig bin und mir Deutschland vielleicht zu eng würde …

Aber es gibt in Kanada inzwischen auch Ausbildungsmöglichkeiten zum Waldorflehrer und ein wachsendes Interesse an der Waldorfpädagogik.

Zur Autorin: Petra Krug ist Ökonomin und absolviert zur Zeit eine Ausbildung zur Waldorflehrerin in Jena.

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