Ein Weg durch die Pubertät

Von Maike Horstmann, Oktober 2010

Oftmals stehen wir Jugendlichen gegenüber und betrachten sie als Erwachsene. Gleichzeitig haben wir den Eindruck, dass sie es gar nicht sind. Wir wundern uns über ihre Verhaltensweisen oder sind sogar erbost. Dabei gelingt es uns meist kaum, daran zu denken, dass wir selber vielleicht einmal ähnliche Muster an den Tag gelegt haben.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, der sich auch in Deutschland durch zahlreiche Bücher zu Erziehungs- und Beziehungsfragen hervorgetan hat, schildert in seinem Buch detailliert, wie Familien gelassen durch die stürmischen Jahre der Pubertät gehen können. Der Autor fordert die Eltern auf, ihren Erziehungsauftrag als Beziehungsaufgabe zu verstehen. Eine für alle Familienmitglieder angemessene Form des Zusammenlebens kann gelingen, wenn Führung nicht als Kontrolle oder Gehorsam verstanden wird, sondern als liebevolle Begleitung.

Die Kunst der Begleitung zeigt Juul meisterhaft, denn seine Ratschläge sind voller Respekt gegenüber Jugendlichen und Eltern – der Leser merkt, dass hier ein erfahrener Therapeut spricht, der nicht belehren will, sondern mit Humor und Strenge aus der Lebenspraxis berichtet: Schule, Alkohol, Medien, Konflikte sind einige der bekannten Themen.

Juul gibt keine Rezepte, sondern nur individuelle Lösungen, die wiederum nur prozesshaft entstehen können. Am Beispiel von zehn Familien werden Dialoge aus Gesprächen mit Juul gezeigt. Hierin liegt sicherlich eine besondere Stärke des Buches, denn die Dialoge geben authentisch unterschiedliche, aber doch typische Situationen in verschiedenen Familien wieder und zeigen, wie Juul hilfreich mit ihnen gearbeitet hat.

Dies Buch richtet sich vor allem an Eltern, stellt jedoch auch für Lehrer einen Gewinn dar. Es stammt nicht aus einer anthroposophischen Feder, richtet seinen Blick aber eindeutig auf den werdenden Menschen. Für Lehrer mag es revolutionär klingen, wenn Schüler allein verantwortlich sind für ihre schulischen Leistungen, wenn Eltern also nicht mehr zur Mitverantwortung gezogen werden.

Für Eltern dürfte es eine ungeheure Entlastung sein zu hören, dass es genügt, ausreichend gut zu sein und nicht perfekt.

Jesper Juul: Pubertät. Wenn Erziehen nicht mehr geht. 206 S., geb. Euro 16,95. Kösel Verlag, München 2010

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