Ein Weihnachtsoratorium in Werder, Potsdam und Berlin

Von Jens Nordalm, Dezember 2019

Bachs Weihnachtsoratorium – so offensichtlich wie unverzichtbar in diesen Wochen, tausendfach geboten. Aber was sich dahinter für Geschichten verbergen, abspielen in Deutschland jedes Jahr, daraus müsste man einmal ein Buch machen – und würde sehr viel lernen über dieses Land.

Foto: © Sven Sonnadara

Eine dieser Geschichten gipfelte jetzt in einer Potsdamer und einer Berliner Kirche – ein Zusammenfließen von Bemühungen, die sich über Jahre anbahnen. In Berlin mehrere Chöre leitend und gegründet, ein Ensemble für Alte Musik geformt, wird der Chorleiter und Dirigent Tobias Puls Musiklehrer an der Waldorfschule in Werder an der Havel und kann also gleich noch eine ganze singende Schule in die Waagschale werfen. Und dann bringt er das alles im Rahmen des 100jährigen Jubiläums der Waldorfschulen an einem Adventswochenende zusammen. Die Proben begannen früh im Jahr. Im Programmheft bekennt eine 11jährige Schülerin: »Am Anfang hatte ich überhaupt keine Lust auf das Weihnachtsoratorium. Denn es war Sommer.«

Und am Ende stand sie jetzt mit all den anderen im kaum enden wollenden Jubel des Kirchen-Publikums.

Vor allem die Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse werden einem in Erinnerung bleiben. Ihr Anblick, links beim Sopran, singend und befreundet miteinander, war ergreifend – eingebettet in eine Atmosphäre des Willens der Erwachsenen zur schönen Form und zur gegenseitigen Aufmerksamkeit in allem, was sie da im Kirchenschiff hervorbrachten.

Es war ein heiliger Ernst um diese singenden Kinder – und dann, mitten im Singen, ein gemeinsames Lachen und ein seitwärts einander zugeworfenes Strahlen, aus ihrer Welt heraus, aus ihrer völlig eigenen Dynamik untereinander. Es konnte sich auch über ein einzelnes Gesicht ein plötzlicher Ernst legen. Eine Kinderstirn, die sich tatsächlich für Sekunden in Falten legt. Hinreißend ihre in den verschiedensten Formen, und ganz individuell, weit geöffneten Münder. Wie sie mit entschiedenem Kopfheben rhythmisch im Auftakt einatmen, die Luft in entschlossener Aufmerksamkeit einholen, um sie dann mit sicherstem Zutrauen rückhaltlos nach vorn herauszusingen. »Brich an, o schönes Morgenlicht« – von den Kindern so stürmisch angesungen, kein Licht wird da nicht anbrechen. Wie leicht es ihnen fiel, Bach auswendig zu singen! Ohne dass man sie dafür hat lernen sehen. Ihr Zuhören, wenn sie nicht sangen – als Teil des allgemeinen Einander-Zuhörens in diesen Stunden, von der hintersten Bass-Reihe bis zur hintersten Kirchenbank. Ihr Aufstehen mit dem Chor, nach den Arien, platzend vor Ungeduld und in leuchtender Erwartung. Ihr Niedersetzen dann: leicht widerwillig. Ihre Augen, den Dirigenten konzentriert anblickend vorm Einsatz, schienen größer als die Augen der Erwachsenen. Und der ganze Körper sang. Vollkommen die Anmut ihrer Bewegungen in den vollkommen natürlich erfassten Rhythmen und Tempi – vom rasenden »Ehre sei Gott in der Höhe« bis zum wiegend-nachdenklichen »Wie soll ich Dich empfangen?«. Sie heben und senken die Köpfe noch ganz unwillkürlich mit den Tonhöhen – und neigen sie hin und wieder zur Seite, als wollten sie mit einem Ohr genauer irgendwo in den Himmel horchen. Und ihre Haare: Zöpfe, Strähnen, Locken beben um die selbstvergessenen Gesichter, die von ihrer Wirkung noch nichts wissen.

Und dann ist am Ende der Kontrast ihres jubelnd-schmetternden Singens tatsächlich nicht größer denkbar zu dem sowieso schon genialsten Understatement aller Zeiten: »Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen, lass dir die matten Gesänge gefallen!«

Die Aufführung des Weihnachtsoratoriums im Zusammenwirken der Waldorfschule Werder, des Berliner Weinbergensembles für Alte Musik, des Jungen Chores des Weinmeisterhauses und des Berliner Lehrerchores fand am vergangenen Wochenende statt.

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