Einbindung statt Ausgrenzung

Von Eileen Schmitt, Oktober 2014

Leserbrief zum Thema »Gewaltfrei kommunizieren« Erziehungskunst, Juni 2014.

Als ich mich entschieden habe, meine Kinder in Waldorfkindergarten und Waldorfschule zu schicken, ging ich mehr oder weniger davon aus, dass in diesen Kreisen gewaltfrei mit den Kindern umgegangen wird. Rudolf Steiner hat sich vielfach gegen Gewalt an Kindern geäußert. Für mich war es selbstverständlich, dass Erzieherinnen und Lehrer ein Kind, das sich nicht benimmt oder aus der Reihe tanzt, nicht bestrafen oder bloßstellen, sondern sich fragen: Warum ist dieses Kind gerade so? Was hat das mit mir zu tun? Wie finden wir wieder zusammen? Viele Lehrer und Erzieherinnen sind bemüht, die Kinder gut zu behandeln. Den Kindern wird in Waldorfeinrichtungen viel Geborgenheit geschenkt und wir sind sehr dankbar dafür.

Leider kommt es aber auch in Waldorfeinrichtungen durch Personalmangel, Unwissenheit oder schlicht Überforderung durchaus vor, dass nicht gewaltfrei mit den Kindern kommuniziert wird. Als Maßnahme werden Kinder beispielsweise in ein anderes Zimmer geschickt (Timeout), von wo sie erst nach Aufforderung zurückkehren dürfen. Psychologen warnen vor Spätfolgen durch diese Art Strafe (Gemeinschaftsausschluss und Unterbrechung der Bindung). Auch der »stille Stuhl« findet in manch einer Waldorfeinrichtung Verwendung, obwohl er mit gewaltfreier Kommunikation nichts zu tun hat. Der stille Stuhl und die Auszeit zeigen dem Kind, dass der Erwachsene seine Macht ausnutzen darf und erwecken bei ihm den Anschein, dass es selbst für die Strafe verantwortlich ist. Es entwickelt neben Schamgefühlen nun auch noch Schuldgefühle und für die Bindung zu seinem Erzieher sind solche Maßnahmen auch nicht hilfreich.

Ein Kind, das aggressiv ist, Quatsch macht oder einfach stört, sucht eine Bindungserfahrung. Was es am wenigsten gebrauchen kann, ist Bestrafung, Ausschluss oder Beschämung. Jesper Juul und andere Erziehungsexperten fordern schon lange, dass man die Praxis der Bestrafung (und des Lobens, als einer anderen Form der Manipulation) beendet.

Rosenberg, der die gewaltfreie Kommunikation geprägt hat, plädiert dafür, nach Bedürfnissen zu fragen. Welches Bedürfnis hat ein Kind, das dauernd andere Kinder schubst? Welche Bedürfnisse sind unbefriedigt, sodass ein Kind heute permanent den Ablauf durch Rumschreien stört? Kind, was brauchst du? Der Erzieher kann sich mit einem solchen Kind zurückziehen, mit ihm reden, seine Gefühle spiegeln (»Du bist enttäuscht, weil Paul deinen Turm zerstört hat, und nun würdest du am liebsten die ganze Zeit schreien.«). Dann kann der Erzieher eigene Wünsche äußern (»Ich wünsche mir, dass du weniger schreist, weil mir das in den Ohren schmerzt.«) und das Kind fragen, ob es bereit ist, zu kooperieren (»Kannst du dir vorstellen, im Garten zu schreien, wenn du wieder die Wut im Bauch spürst, oder auf ein Kissen zu schlagen?«).

Ein gewaltfreies Gespräch nach Rosenberg besteht aus vier Phasen: Zuerst steht meine wertfreie Beobachtung, danach teile ich meinem Gegenüber ohne Vorwurf und in Ich-Form meine Gefühle mit, dann geht es um die Bedürfnisse beider Gesprächspartner und um meinen Wunsch oder meine Bitte an mein Gegenüber. Gleichgültig, wie das Gespräch genau verläuft, es ist ein Dialog entstanden, in dem sich das Kind ernst genommen fühlt, und in dem es die Grenzen und Gefühle anderer kennenlernt, die von seinem Verhalten betroffen sind. Es fühlt sich nicht von oben herab behandelt, erleidet keine Kränkung durch Ausschluss und keine Scham. Die Bindung zum Erwachsenen, der seine Verantwortung für die Probleme übernommen hat, anstatt sie dem Kind in die Schuhe zu schieben, ist gewahrt. Das fordert die gewaltfreie Kommunikation. Der Erwachsene kann die Führung behalten, ohne ein Kind in seiner Integrität zu verletzen. Damit beweist er Stärke und hat die Möglichkeit, zu der von Steiner geforderten selbstverständlichen Autorität zu werden. Gerade cholerische Kinder, so Steiner, verlieren sehr schnell den Respekt vor einem Erwachsenen, der straft, schreit und seine Macht missbraucht. Wir alle machen Fehler, aber auch dies kann man mit Kindern kommunizieren. Ich wäre glücklich, in Waldorfeinrichtungen öfter auf diese gewaltfreie Form der Kommunikation zu stoßen. Es gibt Literatur und Fortbildungen zum Thema.

Zur Autorin: Eileen Schmitt ist Mutter von drei Kindern und studierte Philosophie, Germanistik, Erziehungswissenschaften und Waldorfpädagogik.

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