Eine Frauenseele erblickt die Spuren Gottes

Von Lorenzo Ravagli, März 2010

In der letzten Nacht des ersten christlichen Jahrtausends beginnt die Geschichte, die Margarethe von Trotta uns erzählt. Die Gläubigen sind in einer kleinen Kapelle versammelt, um das bevorstehende Ende der Welt zu erwarten. Von inbrünstigen Gebeten erschöpft, sinken sie in Schlaf. Aber die Welt geht nicht unter, der nächste Morgen begrüßt sie mit blendendem Licht. Ebenso kommt ein Licht in die Welt, im neuen Jahrtausend, in Gestalt Hildegards. Das Mädchen wächst in der Obhut ihrer Oberin heran, legt das Gelübde ab und widmet sich als Nonne im Klostergarten dem Beinwell und der Mariendistel, heilt Kranke mit dem Chrysopras und gregorianischer Musik. Was wie ein Elementarunterricht in Kräuterheilkunde und Musiktherapie beginnt, gipfelt in den höchsten Höhen christlicher Mystik, als Hildegard ihrem Beichtvater Volmar offenbart, sie werde von früher Kindheit an von Gesichten heimgesucht. Abt Bernhard von Clairvaux urteilt zu ihren Gunsten, der Papst erlaubt ihr, niederzuschreiben, was sie hört und schaut. So tritt eine der großen Mystikerinnen des Mittelalters in die Geschichte und vor unsere Augen. Margarethe von Trotta erinnert uns durch Hildegard an das Essentielle, um das es im menschlichen Leben geht. Der Leib kann nicht gesund werden, wenn die Seele nicht gesundet. Ihre Krankheiten sind der Neid, der Hochmut, die Eifersucht, die Gier. Von Trotta hat sich mit ihrem neuesten Film einer Dimension des Lebens zugewandt, die sie weit tiefer schürfen lässt als je zuvor.

Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen. Deutschland 2009, FSK: Freigegeben ab 12 Jahren,111 Min., Verleih: Concorde. Buch und Regie: Margarethe von Trotta.

Hildegard der Film im Netz.

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