Eine Herausforderung für bestehende Strukturen

Von Fabian Stoermer, Februar 2021

Schulsozialarbeit an der Freien Waldorfschule Schwäbisch-Hall.

Fotos: © Charlotte Fischer

Die Etablierung von Schulsozialarbeit an unserer Schule geht auf einen Impuls von Klassenlehrer-Kollegen zurück. Diese wünschten sich Unterstützung bei der Begleitung von Schülern mit einem besonderen Betreuungsbedarf, zum Beispiel Unterstützung bei der Beantragung externer Hilfen oder bei der Erziehungsberatung der Eltern. In den Konferenzen erfragten wir den weiteren Bedarf. Trotz einer insgesamt eher verhaltenen Resonanz wurde deutlich, dass Schulsozialarbeit eine wichtige Ergänzung und Unterstützung unserer pädagogischen Arbeit sein könnte. Die Initiative zur Einführung von Schulsozialarbeit wurde von den Elternvertretern in unserem Schulrat sehr positiv aufgenommen.

2017 beantragten wir beim Landkreis Schwäbisch Hall die anteilige Förderung einer halben Stelle für Schulsozialarbeit, die auch bewilligt wurde.

Nach längerer Suche konnten wir im Frühjahr 2019 eine kompetente Mitarbeiterin für die Aufgaben der Schul­sozialarbeit gewinnen und ihr eine in der Jugendhilfe erfahrene Sozialpädagogin aus der Schulgemeinschaft als Fachaufsicht an die Seite stellen. Die anfängliche Befürchtung, dass die Schulsozialarbeit zu wenig in Anspruch genommen werden könnte, erwies sich als unbegründet. Es ergab sich unmittelbar eine starke Nachfrage sowohl von Schülern als auch von Eltern und Kollegen. Bald zeigte sich, dass die Arbeit mit einer halben Stelle kaum zu bewältigen sein würde. Nach diesem gelungenen Einstieg begegneten wir allerdings einer bei der Einführung von Schulsozialarbeit typischen Herausforderung: Schulsozialarbeit ist nicht nur eine pragmatische und funktionale Ergänzung der bestehenden pädagogischen Arbeitszusammenhänge und Selbstverwaltungsstrukturen. Ihre Einführung macht auch eine Klärung der bestehenden Strukturen und der Schulkultur erforderlich, an die die Schulsozialarbeit sich anschließen kann. Die vielfältigen Aufgaben, die Schulsozialarbeiter wahrnehmen, reichen von der Erziehungsberatung über die Vermittlung außerschulischer Unterstützungsangebote bis zur präventiven Arbeit mit Schülergruppen. Eine zentrale Stellung nimmt dabei das Angebot zum vertraulichen Gespräch ein, das u.a. Bestandteil einer zeitlich begrenzten Einzelfallhilfe sein kann. Es ist naheliegend und auch beabsichtigt, dass in dem besonders geschützten und institutionell unabhängigen Rahmen der Schulsozialarbeit auch manches zur Sprache gebracht wird, was mit möglichen Versäumnissen und möglichem Fehlverhalten von Mitgliedern der Schulgemeinschaft zu tun hat. Die Schulsozialarbeit ist also ihrer Bestimmung nach Bestandteil eines geregelten Beschwerdewesens. Ihre Einführung kann deshalb die Frage aufwerfen, an welche bestehenden Strukturen eines solchen Beschwerdewesens und an welche bestehende Kultur der Konfliktbearbeitung und der professionellen Reflexion und Kritik sie sich anschließen kann. Gibt es klar definierte, für alle zugängliche und verbindlich gelebte Standards einer »guten pädagogischen Praxis«, anhand derer bestimmte Verhaltensweisen – auch unterhalb der Schwelle justiziabler Vorkommnisse – problematisiert und gegebenenfalls auch sanktioniert werden können? Gibt es klare Ansprechpartner, Bearbeitungswege und Bearbeitungsfristen? Wo kann eine ergänzende Kooperation stattfinden (z.B. mit dem Vertrauenslehrer, Drogenbeauftragten oder mit dem Vertrauensrat)? Wann wird die Einbeziehung der Schulleitungsgremien erforderlich? Unser Ziel war es, eine genauere Konzeption für die Schulsozialarbeit – im Rahmen der üblichen, für uns im Rahmen der Förderrichtlinien des Landkreises verbindlichen, Vorgaben – mit der Schulsozialarbeiterin und ihrer Fachaufsicht gemeinsam zu entwickeln. Deshalb sind wir in eine eingehendere konzeptionelle Diskussion tatsächlich erst nach deren Arbeitsbeginn eingestiegen. Das würde ich rückblickend als ungünstig bewerten. Es hat sich nämlich gezeigt, dass zu dem Teilaspekt des Beschwerdewesens ein erheblicher Diskussionsbedarf in unserer Schulgemeinschaft bestand. Die Art, in der dieser Diskussionsbedarf ausgetragen wurde, hat dazu geführt, dass unsere Schulsozialarbeiterin und ihre Fachaufsicht ihre Arbeit in unserem Schulverein nach einem dreiviertel Jahr im Herbst 2019 beendet haben. An dem Ziel, Schulsozialarbeit dauerhaft an unserer Schule zu etablieren, haben wir trotzdem festgehalten. Noch einmal hatten wir Glück und konnten im Frühjahr 2020 einen erfahrenen Schulsozialarbeiter für die Arbeit in unserem Schulverein gewinnen. Damit verbunden haben wir den Entschluss, die Schulsozialarbeit auf insgesamt 1,5 Stellen aufzustocken. Eine halbe Stelle wird dabei für die Arbeit des Schulsozialarbeiters in unserer »Flexiblen Nachmittagsbetreuung« und in offenen Nachmittagsangeboten für jugendliche Schüler investiert. Noch im Schuljahr 2019/20 konnten wir eine weitere halbe Stelle in der Schulsozialarbeit mit einer qualifizierten Mitarbeiterin besetzen, die ihre Arbeit zum 1.10.2020 aufgenommen hat. Der frühere Arbeitsbeginn unseres Schulsozialarbeiters im April 2020 fiel mitten in die Corona-Schulschließung, was eine besondere Herausforderung darstellte, da die ersten Kontakte zur Schulgemeinschaft wesentlich über Telekommunikationsmedien liefen.

Die nächste, ganz andere, große Aufgabe ließ nicht lange auf sich warten. Zu Beginn der Sommerferien vertrauten sich zwei Schülerinnen dem Schulsozialarbeiter an. Sie berichteten von sexuellem Missbrauch durch einen Lehrer. Was damit seinen Anfang nahm, wird unsere Schulgemeinschaft noch lange beschäftigen und sie verändern. Wir werden nun viele Fragen bewegen müssen, die wir teilweise auch schon in den Diskussionen über die Stellung der Schulsozialarbeit in unserem Schulorganismus berührt haben: Fragen nach unseren gemeinsamen Werten und unserem gemeinsamen Verständnis einer guten pädagogischen Praxis; Fragen nach unserer Regeltreue und nach der klaren Zuweisung und Übernahme von Verantwortung innerhalb der Selbstverwaltung; Fragen nach unserer Fähigkeit zur Selbstreflexion, Selbstkritik und wechselseitigen Korrektur; Fragen nach informellen Machtstrukturen, die eine Kultur konstruktiver Kritik erschweren oder partiell sogar verhindern. Zum Glück stehen uns für die Arbeit an diesen Fragen auch erhebliche positive Ressourcen in den bestehenden Formen der Zusammenarbeit und des Zusammenlebens in unserer Schulgemeinschaft zur Verfügung. Eine Antwort, die wir auf all die Fragen gegeben haben, hat sich unbedingt als richtig erwiesen: die Etablierung von Schulsozialarbeit.

Zum Autor: Dr. Fabian Stoermer ist pädagogischer Geschäftsführer an der Freien Waldorfschule Schwäbisch Hall

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