Eine kleine Apologie der Wahrheit

Von Lorenzo Ravagli, Dezember 2019

»Gesetzt, wir wollen Wahrheit, warum nicht lieber Unwahrheit?« Diese berühmte Frage Nietzsches, die aus einem zu langen Blick in den Abgrund hervorging, der in den Fragesteller zurückblickte, verdankt sich der Vermutung des Philosophen, Illusionen seien dem Menschen notwendig, um das grausame Leben mit all seinen Ungerechtigkeiten halbwegs zu meistern.

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Ganz anders klingt es uns aus Hegel entgegen, dessen Satz: »Das Wahre ist das Ganze«, Folge der Beobachtung war, dass aus dem Denken alle Widersprüche und auch ihre Auflösungen hervorgehen. In Hegels Denken explodierte der Wahrheitsbegriff der Aufklärung, der so trivial wie unvollständig in der Übereinstimmung der Begriffe mit den Sachen bestand, denn für ihn war sie die ewige Bewegung des Weltgeistes, der aus der Selbstentzweiung zu sich in seiner Totalität zurückfindet. So sehr Nietzsches Blick in den menschlichen Abgrund tauchte, so sehr war Hegels Blick von ihm abgewandt. Nietzsche war die späte Rache des Abgrundes an Hegel – und dieser Abgrund war die Lüge.

Ohne Lüge keine Freiheit

Auch Steiner kannte diesen Abgrund, über dem die Wahrheit schwebt, stets davon bedroht, in ihn abzustürzen: Er sprach ihm allerdings eine entwicklungsgeschichtliche Berechtigung, ja sogar Notwendigkeit zu: »Der Mensch muss die Möglichkeit zur Lüge haben, damit er selbstständig zur Wahrheit kommen kann« (GA 127). Ohne die Möglichkeit der Lüge kann es keine Freiheit geben. Diese setzt die Entscheidung zwischen der Wahrheit und ihrem Gegenteil voraus. Und die Freiheit ist ohne Egoismus nicht zu haben, denn wo es kein sich vom Anderen unterscheidendes Eigenes gibt, kann es auch keine Selbstbestimmung geben.

Einen Schritt weiter führt ein Aphorismus aus dem Jahr 1912, der die Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit voraussetzt. Das Ego findet zu sich selbst, indem es sich vom Moralgesetz befreit und sich die Freiheit zur Lüge nimmt, während die wahrhaft freie Persönlichkeit sich durch die Weisheit bestimmt, die sie liebt: »Die Lüge entstammt dem Egoismus, ausnahmslos. Wenn wir durch die Liebe den Weg zur Weisheit gefunden haben, dann sind wir hindurchgedrungen durch die wachsende Kraft der Überwindung, durch die selbstlose Liebe, auch zur Weisheit. Dadurch wird der Mensch zur freien Persönlichkeit« (GA 143).

Erziehung durch die Wahrheit

Dem persönlichen Verhältnis zur Wahrheit schreibt Steiner daher auch eine erzieherische Funktion zu. So wie der Zorn die Empfindungsseele zur Selbstlosigkeit erzieht, indem sie lernt, ihn zu überwinden, so die Wahrheit die Verstandesseele. Denn die Liebe zur Wahrheit ist die einzige Liebe, »die das Ich von sich losbringt«. Aber das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit unterliegt seiner eigenen Dialektik: Wer sie nämlich nicht um ihrer selbst willen, sondern um seinetwillen liebt, verfällt der Intoleranz. Wer seine eigenen Meinungen – also das, was er für die Wahrheit hält, mehr liebt, als diese selbst, wird zum »antisozialen Wesen«, das aus der Gemeinschaft hinausstrebt. »Diejenigen Menschen, die die Wahrheit ihrer eigenen Anschauungen und Meinungen wegen lieben, das sind jene, welche nicht dulden wollen, dass ein anderer zum Wahrheitssuchen auf ganz anderem Wege geht … Sie sind diejenigen, die jedem Steine in den Weg werfen, der andere Anlagen hat als sie und daher zu anderen Meinungen kommt, als sie haben.« Ehrliches Wahrheitsstreben führt zu »allgemeinem Menschenverständnis«, die Liebe zur Wahrheit um der eigenen Persönlichkeit willen dagegen zur »Zerstörung der Freiheit, zur Intoleranz der anderen Persönlichkeit gegenüber« (GA 52).

Lüge als Mord

Schockierend mag für manche das 1906 ausgesprochene Gesetz des Okkultismus klingen, das sich auf die antisoziale Dimension der Lüge bezieht: »Jede Lüge ist in der Astralwelt ein Mord!« – »Es gibt kein unwahreres Sprichwort«, fährt Steiner in diesem Vortrag fort, »als: ›Gedanken sind zollfrei‹, – denn jeder Gedanke, jedes Gefühl ist eine Wirklichkeit, und wenn ich denke, einer sei ein schlechter Mensch oder ich liebe ihn nicht, so ist das für den, der in die Astralwelt hineinschauen kann, […] wie eine Flintenkugel [die sich] gegen den Astralleib des anderen bewegt und ihn schädigt« (GA 95). 

Entsprechend »fördern« und »beleben« Gedanken, die eine Wahrheit enthalten, das Wesen, auf das sie sich beziehen: »Wenn ich also eine Wahrheit denke über meinen Mitmenschen, so stärke ich sein Leben; sage ich eine Lüge über ihn, so ströme ich eine feindliche Kraft auf ihn, die zerstörend, ja tötend wirkt. Daher ist jede Lüge ein Mord.«

Was in diesen Hinweisen Steiners aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg noch so aussah, als betreffe es vor allem den individuellen Menschen und seine persönlichen Beziehungen zu anderen, erwies seine gesellschaftliche, ja geschichtliche Relevanz in Betrachtungen über den Krieg und seine Ursachen. In Steiners Urteil über den »Zeitgeist« entfaltet sich erst richtig die Radikalität jener Moralauffassung, die bereits in der Lüge einen Mord sieht.

Das Lügensystem der westlichen Zivilisation

Schon im zweiten Kriegsjahr konstatierte Steiner in seinen »Zeitgeschichtlichen Betrachtungen« (Dezember 1916), die gesamte abendländische Zivilisation sei von einer Lügensphäre durchdrungen und er machte diese auch direkt verantwortlich für den Krieg: »Man beobachte nur das Leben, man beobachte, ob heute der Trieb nach Wahrheit Schritt gehalten hat mit dem Scharfsinn, der in die äußere Kultur eingeflossen ist, mit den ungeheuer bewundernswerten Fortschritten, in denen sich diese äußere Kultur verkörpert. Man kann im Gegenteil sagen: In gewisser Beziehung haben die Menschen den guten Willen verloren hinzuschauen, ob das, was in der Wirklichkeit da ist, auch irgendwie im Wahren wurzelt.« Für Steiner bestand kein Zweifel: »Auf den Wogen der gegenwärtigen Zivilisation … wallt […] nicht nur die phrasenhafte Lüge, sondern die tatsächliche Lüge«; und sie »greift ins Leben ein« (GA 173a). 1920 stellte er in einem Diskussionsabend mit Schweizer Dreigliederern fest: »Diese Lüge, die durch die ganze zivilisierte Welt ging, die in den Untergründen niedergehalten war, die konnte nicht mehr zurückgehalten werden im Jahre 1914. Es brach das ganze Lügensystem, das unter einer dünnen Schicht vorhanden war, da hervor« (GA 337b).

Im November 1918, als sich die an Wilsons Manifest der Völkerbefreiung orientierte Nachkriegsordnung bereits abzuzeichnen begann, erklärte er seinen Dornacher Zuhörern: »Gewiss, die Menschen reden viel von Wahrheit. Ich habe aber nirgends größere Liebe zur Illusion gesehen, als bei denjenigen Menschen, die das Wort Wahrheit alle Augenblicke im Munde führen […]« (GA 185a). »Es gibt zum Beispiel nichts, was der Wahrheit abträglicher ist […] als der Nationalismus. Aber der Nationalismus gehört gerade zu dem Programm, das als ein besonders segensreiches Programm der nächsten Zukunft gelten wird […] Daher wird man es erleben müssen, wenn der Nationalismus wird bauen wollen, – er kann ja in Wirklichkeit nur zerstören –, dass die Illusionen, die von der Lüge durch eine schmale Kluft getrennt sind, sich […] fortsetzen werden. Denn so viel Nationalismus in der Welt entstehen wird, so viel Unwahrheit wird in der Welt sein« (ebd.). Die Folgen dieser Unwahrheit waren das ganze 20. Jahrhundert hindurch zu beobachten. Sie sind bis heute nicht wirklich überwunden.

Dass es sich bei jenem »Lügensystem«, das »durch die ganze zivilisierte Welt ging«, nicht bloß um ein begrenztes historisches Phänomen handelte, darauf deutet eine Bemerkung Peter Sloterdijks aus dem Jahr 2016, der im Hinblick auf den euphorischen Chorus, den die deutschen Leitmedien über Angela Merkels Migrationspolitik anstimmten, davon sprach, der »Lügenäther« sei »so dicht« gesponnen, wie »seit dem Kalten Krieg« nicht mehr.

Wer zur Wahrheit hinter der Lüge vordringen will, findet in Arnold Gehlens Plädoyer für eine pluralistische Ethik aus dem Jahr 1969 einen weiterführenden Hinweis, der – aus naheliegenden Gründen – meist nicht vollständig zitiert wird. Im Anschluss an Ausführungen über den »geistigen Genozid«, der ein Volk gewaltsam von seiner Geschichte abtrenne oder es kollektiv entehre, schrieb er: »Teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, in ihm zu leben. Das geht über die Demütigung der geistigen Abtrennung noch hinaus, dann wird das Reich der verkehrten Welt aufgerichtet, und der Antichrist trägt die Maske des Erlösers, wie auf Signorellis Fresco in Orvieto. Der Teufel ist nicht der Töter, er ist Diabolos, der Verleumder, ist der Gott, in dem die Lüge nicht Feigheit ist, wie im Menschen, sondern Herrschaft. Er verschüttet den letzten Ausweg der Verzweiflung, die Erkenntnis, er stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn, sich in der Lüge einzurichten« (Gehlen [1969] 2016).

Wie bereits zu Beginn angedeutet, gibt es gegen den Verleumder, der in der Maske des Erlösers auftritt, nur ein einziges Remedium: die Entscheidung, in der Wahrheit zu leben, wozu zweifellos Mut gehört. Eine solche Entscheidung können wir Erwachsene treffen, nicht aber unsere Schutzbefohlenen. Ihnen gegenüber stehen wir in der Verantwortung, sie sowohl vor der Lüge, die die Realität schönredet, als auch vor jener, die sie schlechtredet, zu bewahren. Und dabei dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, dass wir stets nur auf der Suche nach dem Wahren und Guten sind, es also um Erziehung zu Wahrhaftigkeit und Annäherung an das uns gut Erscheinende geht.

Erziehung zur Wahrheit

Dürfen und können wir die heranwachsende Generation zum Guten und zur Wahrheit erziehen? Zweifellos; nur hüten wir uns vor der Illusion, das ließe sich durch ideologische Indoktrination oder stumpfsinnige Konditionierung erreichen. Tugenden, die wir nicht selbst praktizieren, vermögen wir auch nicht anderen zu vermitteln, das ist die schlichte Wahrheit. Versuchten wir es trotzdem, verfielen wir nur wieder in jene Heuchelei, die Steiner so beredt zu demaskieren verstand.

»Wir kommen moralisch dem Kinde vor dem Zahnwechsel nicht bei, wenn wir irgendwie moralisieren.« … »Da hat nur Zugang, was wir an Moral tun, was das Kind schauen kann in dem, was sich als Moral auslebt in den Handlungen, Gebärden, Gedanken, Gefühlen der menschlichen Umgebung.« Ohne, dass wir selbst moralisch sind, können wir dem Kind keine Moral beibringen – worin auch immer diese Moral bestehen mag.

Das gilt sogar noch für Kinder zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Auch bei diesen nützen Moralpredigten nichts. »Beikommen können wir dem Kinde in diesem Lebensalter nur, wenn wir ihm gegenüberstehen als eine selbstverständliche Autorität« – die nur ist, wer sich selbst beherrscht –, »wenn das Kind […] in seinem Gefühl entwickeln kann den Impuls: In dem Lehrenden und Erziehenden steht vor mir verkörperte Güte, verkörperte Wahrheit, verkörperte Schönheit.« (…) »Und wenn dann der Lehrer und Erzieher dem entspricht, was das Kind in diesem Lebensalter bedarf«, dann erwächst in ihm allmählich »der innere ästhetische Sinn des Wohlgefallens und des Missfallens auch für das Moralische«. »So erlebt das Kind am Erzieher die Welt, die Welt in ihrer Güte, die Welt in ihrem Bösen, die Welt in ihrer Schönheit, die Welt in ihrer Hässlichkeit, in ihrer Wahrheit, in ihrer Lüge. Und dieses Gegenüberstehen dem Lehrer und Erzieher, dieses Arbeiten in den verborgenen Kräften zwischen Kindesherz und Erzieherherz, das ist der wichtigste Teil der Methodik des Lehrens, und darin liegen die Lebensbedingungen des Erziehens« (11.4.1924, GA 308).

Selbst gegenüber dem dritten Jahrsiebt und diesem gegenüber erst recht, hat sich der Lehrer als »praktischer Freiheitsphilosoph« zu verhalten, der »die richtige Ehrfurcht vor jedem von dem Göttlichen in die Welt gesetzten Geschöpf« empfinden muss, der die in der Ausbildung der Erkenntnis- und Urteilskräfte sich regende Individualität nicht »logisch überwältigen« will, sondern sie dahin bringen soll, das, was sie zu verstehen und zu lieben sucht, in ihrem Inneren selbst zu finden.

Zum Autor: Lorenzo Ravagli arbeitet in der Redaktion der Zeitschrift »Erziehungskunst«.

Literatur: A. Gehlen: Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik, Frankfurt a. M. 2016 | G. W. F. Hegel: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt a.M. 1970, S. 22 | Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, München 1978, S. 7 | P. Sloterdijk: »Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung«, Cicero. Magazin für politische Kultur, 28.1.2016 (abgerufen am 8.9.2019) | R. Steiner: Metamorphosen des Seelenlebens, GA 58, Dornach 1984 | ders.: Vor dem Tore der Theosophie, GA 95, Dornach 1990 | ders.: Die Theosophie des Rosenkreuzers, GA 99, Dornach 1985 | ders.: Die Mission der neuen Geistesoffenbarung, GA 127, Dornach 1989 | ders.: Erfahrungen des Übersinnlichen, GA 143, Dornach 1994 | ders.: Zeitgeschichtliche Betrachtungen, Bd. I, GA 173a, Dornach 2010 | ders.: Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils, GA 185a, Dornach 2004 | ders.: Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis, GA 191, Dornach 1989 | ders.: Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens, GA 308, Dornach 1986 | ders.: Soziale Ideen – Soziale Wirklichkeit – Soziale Praxis, GA 337b, Dornach 1999.

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