Eine Schule für alle. Inklusion in Kreuzberg aus Sicht der Eltern

Von Christine Carbone, Juli 2013

Die Autorin ging im Rahmen ihrer Bachelorarbeit der Frage nach, welche Schulen schon Erfahrungen mit Inklusion haben. Einige Ergebnisse aus der Befragung an der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg.

Es gibt derzeit kaum Untersuchungen zum Thema Inklusion aus Sicht betroffener Eltern. Umso mehr war ich gespannt, wie sie die Situation ihrer Kinder beurteilen. Für die Untersuchung wurden sieben betroffene Elternteile befragt. Formal betrachtet besteht an der Kreuzberger Schule noch keine inklusive, sondern eine integrative Art der Beschulung. Sie ist personell sehr gut ausgestattet und auf die speziellen Bedürfnisse der jeweiligen Schüler eingestellt, auch durch die Gewährung von Nachteilsausgleichen.

Die physische Integration wird gewährleistet, da Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam lernen. Der funktionellen Integration wird entsprochen, indem die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gezielt in Aktionen, wie zum Beispiel Gruppenarbeiten, mit einbezogen werden. Die soziale Integration wird dadurch umgesetzt, dass frei gewählte Interaktionen stattfinden, die von gegenseitigem Angenommensein und gegenseitiger Sympathie zeugen. Ausschlaggebend für die soziale Inklusion sind häufige außerfamiliäre Kontakte mit Kindern ohne Beeinträchtigungen, die Intensität und emotionale Qualität dieser Kontakte sowie die Fähigkeit des Menschen mit Beeinträchtigung zur Mitgestaltung und Herstellung dieser Kontakte.

Die Ergebnisse belegen, dass alle Kinder, die ich in meine Untersuchung aufnehmen konnte, sehr gern in ihre integrative Schule gehen, auch wenn sie zu Hause wenig von den dortigen Geschehnissen berichten. Sie sind keinerlei Hänseleien aufgrund ihrer Beeinträchtigung ausgesetzt. Nach dem Schultag sind sie zum Teil sehr erschöpft, aber ein großer Teil unternimmt anschließend noch etwas. Jedes Kind beschäftigt sich auch außerschulisch und hat Freunde mit und ohne Beeinträchtigungen. Besonders die Geschwisterkinder spielen hier eine große Rolle. Sie leisten indirekt einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Geschwisters mit Beeinträchtigung, da sie meistens viel Zeit gemeinsam verbringen.

Die Eltern waren überwiegend sehr zufrieden, was die Schulwahl und die Informationen von der Schule betraf, was sich positiv auf die Kinder auswirkte. Die Kinder lernen ihren Möglichkeiten entsprechend und erhalten in den höheren Klassen zum Teil auch Förderunterricht. Es gibt mittlerweile ausreichend Personal, auch wenn die Anzahl der Schulhelferstunden zu gering ist. Die Differenzen werden durch FSJler (Freiwilliges Soziales Jahr) ausgeglichen.

Für die Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist es wichtig, dass ihr Kind in der Schule gut vorankommt, auch wenn die soziale Integration oft an erster Stelle steht. Von den befragten Eltern sagten alle, dass ihr Kind sehr gut bis gut vorankommt. Eine Schülerin, die nach zwei Schuljahren an einer Förderschule nun die Kreuzberger Schule besucht, lernte erst dort Lesen und Schreiben.

Ein Teil der Lehrkräfte wurde erstmalig mit Kindern mit Beeinträchtigungen konfrontiert und bereitete sich selbstständig und mit viel Engagement auf die neue Situation vor.

Obwohl die Eltern im Großen und Ganzen sehr zufrieden sind mit der Integration an der Schule, wünschen sie sich einen Schritt mehr in Richtung Inklusion. An der Waldorfschule Kreuzberg besteht der dringende Wunsch, die reinen A-Klassen aufzuheben, da es durch die unterschiedlichen Bedürfnisse der A- und B-/C-Klassen immer wieder zu kleineren Problemen kommt, die bei einer inklusiven Schule reduzierter wären, wenn die Schule ganzheitlich inklusiv ausgerichtet wäre. Die Kreuzberger Schule könnte durch die verlässliche Anwendung von Förderplänen mehr Transparenz und einen besseren Überblick über die Lerninhalte bieten.

Die Eltern fanden die Inklusion zur Zeit der Untersuchung in den Grundschulklassen sehr gut und nur in der Sekundarstufe noch nicht ganz zufriedenstellend, weil nach Einschätzung der befragten Eltern einige Lehrkräfte der Sekundarstufe Vorbehalte gegenüber der Inklusion haben.

Inklusiver Unterricht ist auf konzeptionelle, personelle, räumliche und finanzielle Rahmenbedingungen angewiesen. Die Umwandlung in eine inklusive Schule ist ein langwieriger und schwieriger Prozess. Angestrebt ist die Realisierung des gemeinsamen Unterrichts bis zum 12. Schuljahr. Nachgewiesenermaßen bietet der gemeinsame Unterricht einem Kind mit Beeinträchtigung große individuelle Entwicklungschancen, auch wenn noch nicht alle Rahmenbedingungen optimal sind.

Die Waldorfschule Kreuzberg kann durchaus als Vorreiter für eine inklusive Bildungsform bezeichnet werden. Um jedoch die weitere Umsetzung ihres inklusiven Konzeptes ausbauen zu können, sind Folgegesetze Voraussetzung, die die materielle und personelle Ausstattung verbessern. Erst dann wird es selbstverständlich, dass alle Menschen mit oder ohne Beeinträchtigungen überall gleichberechtigt zusammen lernen.

Christine Carbone ist Gesundheits- und Sozialmanagerin und arbeitet im Pflegedienst

Literatur:

U. Barth: Integration und Waldorfpädagogik, Berlin 2008 | B.G. Cook u.a.: »Teachers' attitudes toward their included students with disabilities«. In: Exceptional Children 67: 115-135, 2000 | P. Heyer u.a.: »Behinderte sind doch Kinder wie wir!« Gemeinsame Erziehung in einem neuen Bundesland, Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, Berlin 1997 | S.P. Santoli u.a.: »A successful Formula for Middle School Inclusion«. In: Collaboration, Time and Administrative Support. Research in Middle Level Education Online 32: 1-13, 2008 | R. Schindele: »Standortbestimmung und Neuorientierung«. In: Kongressbericht 1983: 15-33, 1983 | Wegweiser für Eltern zum gemeinsamen Unterricht: Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen (Hrsg.) in Kooperation mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben – gemeinsam lernen e.V., Bonn 2011

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