Einweihung mit Fallstricken

Von Frank Hörtreiter, Oktober 2016

Dieses Buch lohnt die Lektüre, weil es eine Fülle von Querverbindungen erlebnisorientierter Freizeitpädagogik zu archaischen, oft aus Mysterien stammenden Erfahrungen zeigt. Auch wird bei Begegnungen junger Menschen mit der Natur, dem eigenen Körper und der Gemeinschaft deutlich, dass alles seine seelische Grundlage hat in tief verwurzelten Urerlebnissen.

Doch der Rezensent hat einen schalen Beigeschmack nicht vertreiben können. Es wird nämlich etwas zu wahllos alles mit allem in Verbindung gebracht, und die Belege – bei den meisten Behauptungen fehlen sie überhaupt – sind oft dubios. Dass Christus nicht nur Lazarus, sondern auch Maria Magdalena in einen dreitägigen Einweihungsschlaf versetzt habe, ist eine zweifelhafte Mutmaßung von Estelle Isaacson. Und die Externsteine können natürlich nicht unter prähistorische Steinkreise wie Stonehenge und Newgrange eingereiht werden.

Eine »Äquatortaufe« bestand niemals im »Kielholen«, denn das war eine Disziplinarstrafe, bei der Übeltäter mit einem Seil unter dem Kiel hindurchgezogen wurden, so dass die Haut von den Muscheln am hölzernen Schiffsrumpf aufgerissen wurde.

Vielmehr war die Äquatortaufe eine sehr derbe Rasur mit neuer Namensgebung durch »Neptun«. Odysseus hat Penelope nicht erst nach seiner 20jährigen Abwesenheit geheiratet, sondern die Freier der vermeintlichen Witwe getötet. Problematisch ist die Behauptung, Steiner habe gesagt, »dass es die vornehmste Aufgabe des Erziehers sei, jedem jungen Menschen Helden auf den Lebensweg zu stellen, denen er auf dem Weg zum Olymp nachfolgen« könne (Birnthaler S. 182, dort ohne Beleg). – Tatsächlich hat Rudolf Steiner gern (im Anklang an »Iphigenie auf Tauris« II,1) gesagt: »Ein jeglicher muss seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet« (z.B. in GA 302, 16.6.21). Es ist nicht dieselbe Nuance, ob der »Held« vom Erzieher verordnet wird, oder ob es sich gerade um das Erlebnis handelt, selber wahlfähig zu sein. Die in diesem Buch genannten mythischen Beispiele sind alle interessant, und sie helfen auch, die Jugendpädagogik nicht zu vordergründiger Abenteuerlust zu verflachen. Aber mehr Sorgfalt hätte dem Buch gut getan. Ähnliches gilt für die graphische Gestaltung. Auch sie verbindet alles mit allem in scheinbarer Illustration der geschilderten Sachverhalte: Rembrandt, C. D. Friedrich, präraffaelitischen Kitsch, schwüle Fantasy-Postkartenkunst, Diefenbach und Fidus‘ »Lichtgebet«. Am überzeugendsten scheinen mir die Fotos von tatsächlichen Szenen aus dem Jugendleben und besonders aus den erlebnispädagogischen Freizeiten zu sein.

Wie oben gesagt: Die Lektüre lohnt sich, aber sie darf nicht unkritisch sein.

Michael Birnthaler: Erlebnispädagogik und Initiation – die Wurzeln der Erlebnispädagogik in den Mysterienschulen, 206 S., EUR 19,80, Edition EOS, Freiburg 2016

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