Engagierte Eltern

Von Shaedia Galal, Oktober 2020

Die Interkulturelle Waldorfschule in Dresden startet.

Grundstück, auf dem die Schule als »Containerschule« startet. Foto: © Interkulturelle Waldorfschule in Dresden

»Sag mir, du lustiger Freund, wer du bist?« – »Wer ich bin? Dumme Frage, ein Mensch wie du!«

(Aus: Die Zauberflöte von W. A. Mozart)

Nach sechs aufregenden Jahren startet die Interkulturelle Waldorfschule in Dresden mit einer kleinen ersten Klasse zu Beginn diesen Schuljahres.

2015 entstand die Idee zu einer Gründung – inspiriert durch die Interkulturelle Waldorfschule Mannheim und unter dem Eindruck der vor Krieg und Diktatur geflüchteten Menschen und der sie ablehnenden Pegida-Bewegung in unserer Stadt. Menschen, die aus verschiedenen Motiven nach Dresden kamen, trafen auf Menschen, die unerfahren waren im Umgang mit der Vielfalt der Neuankömmlinge.

Eine Schule sollte entstehen, in der Kinder nicht nach Herkunft, Hautfarbe, Sprache und kulturellem Hintergrund eingeordnet und beurteilt werden, eine Schule, in der Kinder unabhängig vom Bildungsstand ihrer Eltern eine gute Chance auf eine gelungene Schulzeit haben.

Mit der Überzeugung, dass die Waldorfpädagogik diese Möglichkeit bietet, machten wir uns vorerst sehr suchend auf den Weg. Uns unterschied von den anderen Waldorfschulgründungen in Dresden, dass es hier keine starke Elterngruppe gab, die die geplante Schule für ihre Kinder wollte. Damit fehlte eine wichtige treibende Kraft, das war schnell zu spüren. Unser Anfangsgrüppchen bestand aus zwei Waldorflehrern und zwei Menschen mit Migrationshintergrund und im Lauf der Zeit kamen verschiedene weitere hinzu. Manche verließen unsere Gruppe wieder, am Ende blieb eine Kerngruppe von sechs bis acht.

Trotzdem begannen wir, Gespräche mit Behörden zu führen und nach geeigneten Gebäuden oder Grundstücken zu suchen. Wir ließen uns von der Landesarbeitsgemeinschaft für politisch-kulturelle Bildung in Sachsen begleiten, um unsere Sensibilität für den Umgang mit unterschiedlichen Menschen verschiedenster Herkunft zu schärfen. Viel Kraft floss in den Versuch, Kontakte mit den verschiedenen Gruppierungen unserer Stadt anzubahnen: Kontakte zu südamerikanischen Gruppen, chinesischen und anderen kulturellen Vereinen wurden mit Vorträgen, Gesprächen und der Teilnahme an Veranstaltungen gesucht. Wir kamen aber unserem Ziel nicht näher. Zweifel kamen auf: Wird unsere Schule überhaupt in unserer Stadt gebraucht? Wie kommen wir in Kontakt mit denjenigen Menschen, für die wir die Schule gründen wollen? Werden wir die Kraft haben, eine solche Schulgründung durchzutragen?

Wir starteten mit einem Schattentheater und führten die »Bremer Stadtmusikanten« vor Kindern in Kindergärten mit höherem Migrantenanteil auf. Diese Unternehmung war ein großer Gewinn für unsere Initiative, denn sie hat uns als Gruppe verbunden und uns den wichtigen Kontakt zu den Kindergärten und Kindern verschafft. Dadurch ergab sich eine Zusammenarbeit mit dem Kindergarten des Ausländerrats Dresden, wo wir einmal in der Woche eine »Spielstunde« nach waldorfpädagogischen Grundsätzen gestalteten: Es wurden Märchen erzählt, gemalt und Lieder gesungen, Eurythmie gemacht.

Gleichzeitig suchten wir Unterstützung in der Waldorfwelt. Hier war und ist unser wichtigster Ansprechpartner die Interkulturelle Waldorfschule Mannheim, die wir öfter besuchten. Wir lernten dazu und wurden stark unterstützt: Uns half die gelebte Interkulturalität in Mannheim, die sich nicht aus Theorien ergibt, sondern aus den Menschen, die sie gestalten, die Idee der Stadtteilschule, die sich mit ihrer Umgebung verbindet, und immer wieder die Ermutigung, nicht aufzugeben, verbunden mit konkreten Hilfsangeboten. Die Mannheimer reisten zu uns nach Dresden, gestalteten mit uns einen Informationsabend und einen Workshop; immer konnten wir mit unseren Fragen auf sie zurückgreifen.

Dann schienen uns auf einmal Flügel zu wachsen: Ende Sommer 2019 hatten mehr Menschen zu uns gefunden, die unsere Gruppe verstärkten, endlich auch engagierte Eltern, die unsere Schule mitgestalten wollten. Sachkompetenz für Finanzen und Schulgestaltung stellte sich ein, ein Grundstück für die ersten Schuljahre war in Sicht, die ersten Anmeldungen kamen. Das Ja der Regionalkonferenz Mitte-Ost des Bundes der Freien Waldorfschulen kam, die Suche nach Menschen für den Hort und die Schule liefen auf Hochtouren. Wir warben in Kindergärten, verteilten Flyer, die Aussicht auf die greifbare Schulgründung gab uns Schwung und steigerte unsere Freude an der Arbeit.

Zur Aufnahme der Kinder unserer zukünftigen ersten Klasse veranstalteten wir Kindersamstage. Die Familien wurden eingeladen, es gab eine Vorstellung unserer Schule, eine kleine erste »Schulstunde« mit den Kindern, ein gemeinsames Frühstück und Gespräche mit den Familien zur Aufnahme.

Und dann kam die Corona-Krise ... Auf einmal schien nichts mehr möglich. Keine Kindersamstage, keine Informationsveranstaltungen, keine Gruppentreffen. Elternhäuser entschieden sich in dieser unsicheren Situation lieber für existierende Schulen, anstatt für eine unsichere Schule in Gründung. Dann stießen zwei Familien zu uns, die sich als Multiplikatoren erwiesen und andere Kinder und Familien gewannen. Auch der Kindergarten des Ausländerrats empfahl uns den Familien, auch von dort kamen Anmeldungen. Und so entstand wieder eine neue Kindergruppe, mit der wir jetzt in das kommende Schuljahr starten: Eine bunte Mischung formt sich zur ersten Klasse, nicht nur wegen ihrer kulturellen, sondern auch wegen ihrer Sprach- und Lernunterschiede.

Es bewarben sich Menschen aus verschiedenen Ländern um Mitarbeit und jetzt zeigt sich die Schule durch die Menschen, die zu uns gekommen sind. Mitte August erhielten wir endlich unsere Schulgenehmigung, sodass wir Anfang September mit dem Schulbetrieb und einer ersten Klasse mit 16 Kindern starten konnten.

Zur Autorin: Shaedia Galal ist Juristin und Mitgründerin des Vereins für Interkulturelle Waldorfpädagogik Dresden e.V.

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