Entwicklungschancen aufgreifen

Von Michael Seefried, Oktober 2020

Wie ging es Kindern, Eltern und Lehrern während des Lockdowns und welche Entwicklungschancen stecken in den Erfahrungen von geschlossenen Schulen und Fernunterricht?

Foto: © derProjektor / photocase.de

Michael Seefried arbeitet als Kinder- und Jugendarzt und Allgemeinmediziner am Paracelsus-Zentrum Sonnenberg in Zürich und ist Vorstandsmitglied der Freien Schule Erlbach in Bayern. Er startete eine Umfrage an allen Waldorfschulen in Deutschland (ca. 230), der Schweiz und Liechtenstein (32) sowie einigen Montessori- (ca. 20) und staatliche Schulen in Deutschland und der Schweiz (ca. 20) zu den Erfahrungen, die Kinder, Eltern und Lehrer während der Corona-Zeit gemacht haben. Ca. 800 Bögen wurden beantwortet. Die Untersuchung wurde im Zeitraum vom 1. Mai bis 20. Juni 2020 durchgeführt und stellt keine statistische Auswertung dar, sondern soll ein lebensnahes Stimmungsbild wiedergeben, offene Fragen und Tendenzen aufzeigen. Aus den gewonnenen Einsichten und Erfahrungen sollen konkrete Konsequenzen für den Schulalltag entwickelt werden.

Die Tendenzen im Einzelnen:

Kinder

Positive Antworten überwiegen. Die Schulkameraden wurden von den Kindern am meisten vermisst; es wurde mehr gebastelt und gelesen. Die meisten Kinder erlebten es als positiv, dass sie ihren Tag selber einteilen konnten; in der Regel haben sie die Zeit sehr gut genutzt und viel gelernt; die meisten freuten sich, mehr bei ihren Eltern zu sein. Die meisten Kinder gehen prinzipiell gerne zur Schule. Sie konnten mit der neuen Lernsituation gut umgehen. Sie mögen freies Lernen. Die meisten Kinder wünschen sich für die Zukunft, ein bis zwei Tage pro Woche zu Hause zu sein und selbstständig arbeiten zu können (zum Beispiel für Projektarbeiten).

Eltern

Die Eltern erlebten die Kinder in der coronaschulfreien Zeit tendenziell ausgeglichener und entspannter. Es überwiegen positive Erfahrungen in den Familien. Mit den Kindern im Pubertätsalter wurde es schwieriger, da sie nicht mehr so viele Sozialkontakte hatten. Diese Kinder kamen oftmals morgens nicht aus und abends nicht ins Bett. Sie saßen mehr vor dem PC / TV. Die Eltern waren teilweise angespannter und gereizter als sonst; die Stimmung in der Familie wechselte oft. Es herrschte eine Art Krisenmanagement, das wiederum den familiären Zusammenhalt stärkte. Wichtig war vor allem, einen strukturierten Tagesablauf zu haben. Aus der Corona-Zeit ziehen die Eltern die Erfahrung, in Zukunft achtsamer, ökologischer, selbstbestimmter und »einfacher« leben zu wollen. Die Mehrheit der Eltern stellt den heutigen Schulrhythmus in Frage und wünscht sich, dass der Wechsel zwischen Schule und Zuhause sich zugunsten von Projektarbeiten an ein, zwei Tagen in der Woche verschieben sollte, dass die Schule erst um 9:00 Uhr beginnt, es keinen Nachmittagsunterricht und weniger Hausaufgaben gibt.

Es konnte nicht nachgewiesen werden, dass die Wohnverhältnisse einen positiven oder negativen Einfluss auf das Lernverhalten und die soziale sowie emotionale Stimmung während der Schulschließung hatten.

Lehrer

Im Verhältnis zu den Kindern und Eltern haben sich erstaunlich wenig Lehrer an der Studie beteiligt. Die Beziehung zu den Schülern hat durch die Schulschließung insgesamt gelitten. Wo es gut lief, waren die Lehrer bemüht, einen möglichst nahen Kontakt zu den Schülern aufrecht zu halten, zum Beispiel durch tägliche telefonische Kontakte. Die Lehrerinnen und Lehrer, die die neue Situation akzeptierten, inklusive der Forderung nach PC-Nutzung, hatten einen besseren Zugang zu den Kindern. Doch wurde auch die Sorge geäußert, dass einige Schüler trotz Fern-Kontakt nicht erreichbar waren; oft war es schwierig, sie aus der Ferne zum Lernen zu motivieren. Als anstrengend wurde die Zeit vor dem PC erlebt (zwischen 2,5 – 5 Stunden täglich). Danach gefragt, was sie aus der Corona-­Zeit mitnehmen: Weniger ist mehr! – Sich stärker der Natur zuwenden! – Weniger Konferenzen!

Bemerkenswert ist, dass der Tenor der Antworten ungefähr gleich ist in Deutschland und in der Schweiz, auch bei den unterschiedlichen Schulformen. Bei den Antwortbögen der öffentlichen Schulen scheinen Themen wie Angst und Druck eine Rolle zu spielen. Auffällig ist, dass sowohl Kinder als auch der überwiegende Anteil der Eltern sich aufgrund der Corona-Erfahrung eine Änderung des Schulrhythmus wünscht.

Die Befragten haben während der Schulschließungen überwiegend positive Erfahrungen gesammelt, die ihr Leben nachhaltig prägen werden. Dazu gehört, dass der Schulalltag sich ändern möge: »Bildungspflicht statt Schulpflicht« wurde sowohl von Lehrern als auch Eltern genannt. Die Familien und Lehrer, die die Situation annehmen konnten, wie sie ist und nicht in Frage stellten und erkannten, dass dies eine außerordentlich besondere Lebenssituation für alle darstellte, konnten gut mit den anstehenden Schwierigkeiten umgehen. Es gab Kinder, die förmlich aufblühten, die ihre Aufgaben für die Schule erledigten, die aber sonst auch sehr kreativ, enthusiastisch und freudig durchs Leben gehen. Aber es gab auch Kinder, die sich verlassen vorkamen und ihren gewohnten Schulalltag herbeisehnten.

Es gab Familien, die kreativ mit der überraschenden Situation umgehen konnten; die Familienmitglieder kamen sich in der Krise näher. Andere Familien waren komplett überfordert, besonders Eltern, die zusätzlich Homeoffice leisten mussten, waren gefordert – das Wut- und Aggressionspotenzial wuchs. Insgesamt haben jedoch positive Erfahrungen deutlich überwogen.

Die Antworten regen dazu an, den heutigen Schulalltag, den es in dieser Form ja seit mindestens hundert Jahren gibt, zu überdenken und die Autonomiewünsche der Schüler und Eltern stärker zu berücksichtigen. Die Lehrpläne könnten dahingehend gelockert werden, neue schulische Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen. Die meisten Kinder und Eltern wollen – und das haben die Schulschließungen besonders deutlich gemacht – etwas Anderes als einen »üblichen« Schultag.

In der Schweiz und in Deutschland ist geplant, diese Impulse aufzugreifen und Taten folgen zu lassen. Ein erstes Treffen mit der Arbeitsgemeinschaft der Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz und dem Bund der Freien Waldorfschulen hat Anfang September stattgefunden. Unser Wunsch ist, dass dieses Stimmungsbild im Sinne der Kinder ernst genommen wird und nicht der neu gewonnene Alltag die Erkenntnisse und Erfahrungen, die wir während der Pandemie gemacht haben, rasch verblassen. Es wäre eine verpasste Entwicklungsmöglichkeit.


Die Freie Schule Erlbach wurde im September 2018 gegründet. Die Basis des pädagogischen Konzeptes ist die Waldorfpädagogik. Gründungslehrerin und Schulleiterin Maria Jansen-Hilvering hat von Anfang an einen Tag pro Woche als »Lebensraum Schule« eingeführt. An diesem Tag finden Projekte, Umgang und Pflege mit Tieren und anderes statt. Das Kollegium der Schule hat sich entschlossen, sich den aktuellen pädagogischen Fragen zu stellen und in regelmäßigen »Visionssuchen« weiterzuentwickeln. freie-schule-erlbach.de

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