»Er karm nach Hause und sahr die Scharfe …«. Wie Kindern mit Lese-Rechtschreibschwäche geholfen werden kann

Von Ernst Westermeier, November 2009

Der Lerntherapeut und Waldorfförderlehrer Ernst Westermeier sucht nach Wegen, um Kindern mit Lernschwierigkeiten zu helfen. Seit 1997 betreibt er in Schloss Hamborn bei Borchen in Zusammenarbeit mit der dort ansässigen Waldorfschule, aber auch anderen Einrichtungen, eine freie Praxis, die sich dieser Aufgabenstellung widmet. Seine Erfahrungen vermittelt er in Fortbildungskursen der Waldorfbewegung.

Kindern mit Lernproblemen kann geholfen werden. Foto: Charlotte Fischer

Moritz kam in der 6. Klasse wegen einer starken Rechtschreibschwäche in meine Praxis. Er besuchte eine Kleinklassenschule und wohnte im Internat. Von der Klassen- lehrerin erfuhr ich, dass er einfach drauflos schreibe, ohne dass man irgendein System darin erkennen könne. Moritz vertausche zwar keine Buchstaben und könne auch gut lesen, aber frei geschriebene Aufsätze wimmelten genauso von Fehlern wie Abschreibtexte. Er leide sehr darunter und habe eine große Abneigung gegen das Schreiben entwickelt. In der Klasse sei er von einer solchen Unruhe getrieben, dass er kaum auf dem Platz bleiben, geschweige denn still sitzen könne. Außerdem habe Moritz nie seine Sachen beieinander, immer habe er etwas vergessen, überall lasse er etwas liegen.

Der Draufgänger war tief verunsichert

Ich hatte einen recht großen, kräftigen Jungen mit wachen Augen vor mir. Obwohl sonst als Draufgänger mit einem langen »Sündenregister« bekannt, wirkte er eher schüchtern, fast ängstlich. Moritz war sehr darum bemüht, alles richtig zu machen. Einen ersten Hinweis, was in ihm vorging, bekam ich gleich in der ersten Stunde. Nach einer Zeichenübung, die er erstaunlich genau ausgeführt hatte, sagte ich spontan: »Das ist ja toll!« Darauf schaute er mich ziemlich verunsichert an und sagte leise: »Danke«. Da mich diese Reaktion interessierte, betrachtete ich in der folgenden Woche mit ihm gemeinsam die Ergebnisse. Moritz begann sofort, alle möglichen Kleinigkeiten aufzuzeigen, die nicht hundertprozentig stimmten. Als ich erwiderte, ich fände es ausgesprochen gut, kam wieder dieser fragende Blick und wieder ein leises »Danke«. Aus den beiden kurzen Szenen werden bereits die tiefe Verunsicherung und das erschütterte Selbstbild deutlich.

Um die Ursachen von Lernstörungen zu behandeln, arbeite ich nach der »Extrastunde« von Audrey McAllen (1996), die vor allem Zeichen- und Bewegungsübungen für Kinder mit Schwierigkeiten im Rechnen, Lesen und Schreiben beinhaltet. Ich suchte also nach einem Weg, um einen neuen Impuls in die verfahrene Situation von Moritz zu bringen.

Ich entschloss mich, mit Moritz das Sonnenuntergangsmotiv zu malen, was seinen eigenen Wünschen und auch seiner Begabung sehr entgegenkam. Dieses Motiv habe ich, angeregt durch Audrey McAllen, für solche Kinder entwickelt. Der Sonnenuntergang gehört als seelisches Bild in das Alter der 12-Jährigen. Die »Sonne« der Kindheit muss untergehen, wenn das Kind später als Erwachsener bewusst in der Welt stehen soll. Das erfüllt viele Kinder mit Wehmut, ja mit einem leisen Schmerz, den sie im Motiv des Sonnenunterganges ausleben können.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Novemberausgabe 2009 der Erziehungskunst.

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