Ernste Befunde

Von Henning Köhler, November 2015

Vor etwa 20 Jahren gab ich ein Interview für die Leipziger Volkszeitung und forderte darin den Primat des Kindeswohls in der Politik, mithin in allen Bereichen des sozialen und kulturellen Lebens.

Natürlich klang es abenteuerlich, zu verkünden, die Pädagogik müsse die Politik kontrollieren, Achtung vor Kindern habe als oberste Richtschnur politischen Handelns zu gelten. Damals schwebte mir sogar eine »Kinderrechtspartei« jenseits aller ideologischen Lager vor. Ich sagte: Ähnlich wie die Grünen gegründet wurden, um das Thema Ökologie ganz oben auf die politische Agenda zu setzen, sei es nun an der Zeit, das Parteienspektrum um eine vornehmlich den Kindern verpflichtete Kraft zu erweitern.

Damals kündigte sich schon der globale Siegeszug des Neoliberalismus an. Es war absehbar, dass daraus eine strukturelle und mentale Kinderfeindlichkeit erwachsen würde. Zumal die techno-ökonomische Hybris mit ständigen Attacken gegen eine gewaltlose und freiheitliche Pädagogik einherging. Alsbald erlebten wir zweierlei: erstens die ganze Hysterie um frühe Bildung und, eng damit verschränkt, den Medien-Hype (Fortschritt! Fortschritt!), zweitens einen scheinbar ganz gegenläufigen, reaktionär-nostalgischen Trend: Früher, als unsere Großeltern Kinder waren (oder wann auch immer), sei alles besser gewesen, darauf müsse man sich zurückbesinnen. – Inzwischen erkennt jeder halbwegs aufgeweckte Zeitgenosse, wohin das Ganze geführt hat. Soeben erschien ein kurzer, präziser Lagebericht, den ich nur empfehlen kann: Rettet die Kindheit von Joachim Käppner (Süddeutsche Zeitung Edition, 2015) »Das Kind wird zum Objekt«, heißt es dort. »Nicht sein Wohl steht im Vordergrund, sondern seine spätere Nützlichkeit.«

Für jemanden wie mich, der eher in publizistischen Nischen agiert, war die Leipziger Volkszeitung eine ungewohnt große Plattform. Ich erhoffte mir damals viel Resonanz. Sie blieb aus. Der einzige Leserbrief kam von einem inhaftierten ehemaligen RAF-Mitglied. Man müsse die Verhältnisse komplett umstürzen, schrieb er sinngemäß. Meine Träumereien seien sympathisch, aber weltfremd.

Heute würde ich nicht mehr unbedingt eine Partei gründen wollen. Trotzdem besteht akuter Handlungsbedarf. Wir dürfen unter dem Eindruck all der kaum fassbaren Nachrichten aus anderen Weltgegenden nicht schläfrig werden für hausgemachte Probleme. Laut Kinderbarometer 2015 leidet bereits jedes dritte deutsche Schulkind unter stressbedingter Erschöpfung. Jedes zweite klagt, es habe keine Zeit zum Spielen. Das sind ernste Befunde. Der Pädagoge Kurt Singer geht so weit, von »einer Art Kriegszustand« zwischen Kindheits- und Erwachsenenwelt zu sprechen. Man müsste unabhängige, überparteiliche round tables zur Lage der Kinder und Jugendlichen organisieren. Am besten jährlich, wie ein selbstermächtigtes Schattenparlament. Welche Referenten einzuladen oder nicht einzuladen wären, ergäbe sich aus der Sache. Aufgabe: Erstellung einer Denkschrift mit Forderungen an die politisch Verantwortlichen. Irgendwie müsste es gelingen, das Dokument breit zu publizieren.

So, jetzt habe ich mal wieder in aller Öffentlichkeit geträumt. Kann ja nicht schaden.

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