Das Maß der Dinge ist der Schüler

Von Andreas Schleicher, November 2010

Fragen an Professor Andreas Schleicher, PISA-Koordinator der OECD

Andreas Schleicher, PISA-Koordinator der OECD

Erziehungskunst | PISA hat einen enormen bildungspolitischen Aktivismus ausgelöst: Standards, Test- und Evaluierungswellen bis in den Kindergarten hinunter. Ist der Schuss nicht nach hinten losgegangen?

Andreas Schleicher | In der Gesamtschau sehe ich die Entwicklung immer noch positiv. Bildung hat in der Gesellschaft eine höhere Bedeutung gewonnen. Erlernen von Kompetenzen ist wenigstens von der Idee her die Zielrichtung, und Schüler aus ungünstigen sozialen Zusammenhänge finden mehr Beachtung.

EK | Sie plädieren für einen individuellen und konstruktiven Umgang mit den unterschiedlichen Bedürfnissen von Schülern und Eltern – und sprechen sich gegen institutionelle Zersplitterung und Auslese aus. Wie lässt sich dieses Plädoyer mit der Standardisierungswelle vereinbaren?

AS | Ich glaube, die Schule der Zukunft ist nicht mehr durch Standardisierung und Konformität geprägt, sondern durch Erfindergeist und individualisiertes Lernen. Sie konzentriert sich nicht mehr auf den Lehrplan, sondern auf den Lernenden. In Zukunft wird sich auch die Relevanz der Bildungsverwaltung daran messen lassen müssen, wie gut sie jede Schule unterstützen kann und welchen zusätzlichen Wert sie selber schöpfen, also über das hinaus leisten kann, was die Schule als selbstständige und pädagogisch verantwort­liche Einheit zu leisten vermag. Klare und verbindliche Zielsetzungen und Standards sind dabei eine wichtige Voraussetzung. Es ist wichtig, dass die fortwährende Diagnose und Bewertung des individuellen Lernbedarfs eines Schülers durch den Lehrer innerhalb universeller Bildungsziele objektivierbar ist. Ebenso wichtig ist die Förderung der Fähigkeit und Motivation jedes einzelnen Schülers, den eigenen Horizont zu erweitern durch Lehr- und Lernformen, die nicht defizitär angelegt sind und den Schüler damit ständig vor Misserfolge stellen, sondern auf den einzelnen Schüler zugeschnitten sind. Drittens gehört zu guter individueller Förderung die Gestaltung von individuellen Lehrplänen, in einer Weise, die jeden Schüler einbezieht und die die Verschiedenheit in den Fähigkeiten, Interessen und Kontexten der Schüler nicht als Problem, sondern als Potenzial guten Unterrichts sieht. Viertens erfordert individuelle Förderung ein radikales Umdenken in der Organisation von Schule, in einer Art und Weise, die den individuellen Lernfortschritt in den Mittelpunkt stellt und in der Schulen Verantwortung für ihre Ergebnisse übernehmen, anstatt sie auf andere Schulformen oder Institutionen abzuwälzen.

EK | Widerspricht individuelle Lernförderung nicht dem Standardkonzept?

AS | Zum Problem werden Standards dann, wenn sie, anstatt die Ideen widerzuspiegeln, die hinter Bildungszielen stehen, detailliert Unterrichtsinhalte vorschreiben und deren Reproduktion im Unterricht fördern. Einfach Wissen anzuhäufen, bringt den Schülern heute gar nichts mehr. Schon einfach deswegen, weil dieses Wissen rasant an Wert verliert. Alles, was sie heute ihr eigenes Wissen nennen, auf dem sie ihren Wettbewerbsvorteil aufbauen, ist in der Zeit des Internet morgen überall in der Welt ein Handelsgut, jedem zugänglich. Sie können heute fast jede Multiple-choice-Klassenarbeit mit Hilfe eines SmartPhones in Sekundenschnelle lösen. Wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder nicht nur fast so gut wie ein SmartPhone sind, dann müssen Sie die Fähigkeit fördern, Wissen zu vernetzen. Diejenigen, denen es gelingt, isolierte Wissensbereiche zu verbinden und daraus kreativ neues Wissen und Können zu schöpfen, sind die Gewinner von morgen.

EK | Hat das dreigliedrige Schulsystem, das die sozialen Unterschiede zementiert, ausgedient?

AS | Ja.

EK | Was müsste an seine Stelle treten? Noch mehr Vereinheitlichung der Schulformen oder größere Pluralisierung, auch in einzelnen Bundesländern?

AS | Wir müssen von Schulen erwarten, dass sie das Potenzial aller Schüler mobilisieren und erkennen, dass gewöhnliche Schüler außergewöhnliche Fähigkeiten haben, aber unterschiedlich lernen und dementsprechend individuell gefördert werden. Die Schulen der Zukunft antworten auf die verschiedenen Interessen, Fähigkeiten und sozialen Kontexte der Schüler deswegen nicht mit Selektion und institutioneller Fragmentierung, sondern dadurch, dass sie konstruktiv und individuell mit Vielfalt umgehen.

EK | Der Hamburger Volksentscheid hat gezeigt, dass demokratische Entscheidungsprozesse nicht unbedingt die pädagogisch sinnvollsten sind. Bedeutet dieser Volksentscheid paradoxerweise nicht das Aus für alle staatlichen Bemühungen, Selektion zu verhindern und Chancengleichheit herzustellen?

AS | Zunächst sei mal dahingestellt, warum man ein Volk, das man für zu blöd hält, seinen eigenen Präsidenten zu wählen, von heute auf morgen mit der Entwicklung komplexer Bildungsreformen betraut. Ich bin aber sicher, dass sich langfristig ein Bewusstsein für Veränderungen im Schulsystem bildet und positive Auswirkungen solcher Veränderung auch für Eltern sichtbar werden, die sich vielleicht jetzt noch als Verlierer solcher Reformen sehen.

EK | Welche Art von Souverän sollte Ihrer Ansicht nach über die Gestaltung des Bildungswesens in Deutschland entscheiden?

AS | Ein vielfältiges, offenes und transparentes Bildungssystem wird letztlich von oben verordnete Reformen überflüssig machen.

EK | Das Bundesverwaltungsgericht in Mannheim hat jüngst die staatliche Unterfinanzierung der Waldorfschulen bestätigt. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für die traditionell stiefmütterliche Behandlung freier Schulen in Deutschland, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, wo der Anteil von Schulen in freier Trägerschaft teilweise viel höher ist?

AS | Ich sehe keinen Grund, Schulen in freier Trägerschaft zu benachteiligen. Der Staat sollte sich über mehr Vielfalt und Innovation freuen, solange die Ergebnisse stimmen, denn genau damit hat das deutsche Schulsystem Probleme.

EK | Wäre der Bildungsgutschein ein geeignetes Instrument, um eine Gleichstellung zu realisieren?

AS | Er ist eine Möglichkeit.

EK | Als ehemaliger Waldorfschüler kennen Sie die Waldorfschulen auch von innen. Halten sie die kollegiale Selbstverwaltung für ein zukunftsfähiges Modell?

AS | Ehrlich gesagt zeigen unsere Analysen, dass ein guter Schulleiter oft ein wesentlicher Erfolgsfaktor leistungsstarker Schulen und insbesondere eines kollegialen Miteinanders ist.

Kommentare

Franz Josef Neffe, Pfaffenhofen, 01.01.11 21:01

Na, davon hab ich als Schüler schon immer geträumt, als Maß verwendet zu werden. Und dass man mir jeden Tag auch die genau passende Schablone für mich vorbereitet hat! Dass wir überhaupt noch einen Schritt im Leben ohne vorbereitete Stütze, Hilfe, Prothese o.ä. gehen können, erscheint mir als Ich-kann-Schule-Lehrer langsam schon als Wunder.
Und natürlich müssen die Schabloneure selbst auch in der Schablone stecken und ständig von Oberschabloneuren kontrolliert und ggf. unter Druck gesetzt werden. Heute besteht Schule ja dankenswerterweise nur noch aus Druck.
In der neuen Ich-kann-Schule gilt allderdings das SOG-Prinzip. Dort meine ich beobachtet zu haben, dass Druck Probleme nur komprimieren kann, während SOG löst, aufrichtet, wachsen macht und die Kräfte punktgenau lenken kann. Über alle Schablonen hinaus. Hoppla!
Wissen wird in der Ich-kann-Schule nie angehäuft; dort weiß jedes kleine Kind, dass Wissen ein TUNwort ist: eine angeborene Fähigkeit, dem es beste Entwicklungsbedingungen zu geben gilt.
Die Aufgabe des Lehrers dafür ergibt sich aus dem, was das Wort bedeutet. Aber wen interessiert heute schon noch, dass LEHREN & LERNEN von germ. LAISTI = FÄHRTE kommt. Man lernt, indem man Fährten des Lebens verfolgt und ErFAHRungen sammelt. Und wenn einen das so fasziniert, dass es andere ZIEHT, einem dabei zu folgen, dann ist man LEHRER. Wer unterrichtet, ist Unterrichtsvollzugsbeamter. Man hat ihm etwas vorgeschrieben oder mitgeteilt und er UNTERrichtet die ihm UNTERgebenen. Unterricht wirkt immer VON OBEN HERAB; in der Ich-kann-Schule wirke ich von unten (sub/sug) hinaus; manchmal genügt da schon eine Geste (lat. gestio). Mit (verstandener) Sug-gestion wird von unten hinauf möglich, was die Schukle bei immer mehr Aufwand VON OBEN HERAB immer noch weniger schafft.
Der Schüler ist für mich ein mit allen Gaben des Lebens erfüllter Mensch. Wenn er meine Freude am Entdecken seiner Talente und darauf die Freude seiner Talente an ihrer Entdeckung erlebt, dann, so denke, ich spüren wir gemeinsam, was da FLIESST und wodurch man infolgedessen EINFLUSS gewinnt. Was würde Hansi wohl sagen, wenn ich ihn fragte, ob er nicht das Maß meiner Pädagogik abgeben möchte? Nun, Hansi weiß, dass auch ein Lehrer durch Irren was lernen kann; er würde mich meine Erfahrungen machen lassen und mir ggf. helfen, wenn ich es allein nicht schaffe. Derweilen würde er tun, was sowieso jeder Mensch stöndig tut: LERNEN. Dazu braucht er mich nicht. Aber es ist manchmal schön, wenn man es gemeinsam macht.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe

Anette Wiederhock, Hamburg, 16.12.12 12:12

Warum weigern sich Waldorfschulen, an Vergleichsarbeiten teilzunehmen (Pisa, Verra usw.)?

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen