Peripherie

Ein Lehrer des peripheren Blicks

Stephan Ronner

Wolfgang Schad wuchs als Sohn eines Dirigenten und Kirchenmusikers in Kriegszeiten auf, erfuhr die Nöte und Entbehrungen, verfolgte dennoch mit untrüglichem Spürsinn seine Fährten. Ab 1946 besuchte er die Rudolf-Steiner-Schule Wuppertal ab Klasse 5 bis zum Abitur 1955. Sein dortiger Lehrer Dr. Lothar Vogel verhalf ihm 1959 erstmals dazu, zum Thema «Säugetiere und Mensch» (1) in größerem Kreis vorzutragen. Im Anschluss an die Wuppertaler Schuljahre studierte Wolfgang Schad Biologie, Chemie und Physik in Marburg und München sowie Pädagogik in Göttingen.

Ab 1962 wirkte er an der Goetheschule Freie Waldorfschule Pforzheim mit, zunächst als Klassenlehrer, dann Oberstufenlehrer für Biologie und Chemie.

Ab 1975 setzt seine Tätigkeit in der Lehrerbildung in Stuttgart ein, ab 1978 Gründung und Mitwirkung am Hochschulkolleg, ab 1980 die Leitung der Forschungsstelle beim Bund der deutschen Waldorfschulen.

Seit 1992 leitete er das Institut für Evolutionsbiologie und Morphologie der Universität Witten/Herdecke.

Seinen biographischen Phasen eignet eine latente rhythmische Gestalt durch die Zahlen Dreizehn (Schule), Siebzehn (Seminar), Dreizehn (Uni), Siebzehn (Abrundung). Im Zusammenhang mit seinen chronobiologischen Forschungen erscheint solche Zeitgestalt prägnant. Seine Dissertation befasst sich mit dem Heterochronie-Modus in der Evolution der Wirbeltiere und Hominiden, seine Habilitation mit der Zeitintegration als Evolutionsmodus. Die Erforschung von Zeitqualitäten im Zusammenhang mit Lebensprozessen und Entwicklungsvorgängen erscheint als zentrales Forschungsanliegen. Innere Motivation hierzu bilden die Herausforderungen im Umgang mit den Grundlagen der Waldorfpädagogik, die sich als erweiterte Menschenerkenntnis in die Anthropologie, Psychologie und Geisteswissenschaft verzweigen. Dabei spielt das Verzweigen die eine, das Integrieren die andere Rolle. Wie können so divergierende Wissenschaftszweige in eine integrative Menschenkunde münden, wie kann das Auseinanderfallen der Einzeldisziplinen wieder eingeholt und zu einer Gesamtwissenschaft vereinigt werden? Wie kann in einem holistischen Sinne zusammengeschaut anstatt zergliedert und getrennt werden? Solchen Fragen eines goetheanistischen Wissenschaftsstrebens widmen sich die Arbeiten Wolfgang Schads. An den Themen seiner Veröffentlichungen lassen sich einige Schwerpunkte ablesen, etwa in «Die menschliche Nervenorganisation und die soziale Frage» (2), oder «Erziehung ist Kunst» (3), «Zeitbindung in der Natur, Kultur und Geist» (4), oder «Was ist Zeit? Die Welt zwischen Wesen und Erscheinung» (5).

Mit den biographischen Spuren allein wird die Pioniergestalt, wie sie Wolfgang Schad für mich darstellt, noch keineswegs sichtbar. Die Frische und Unmittelbarkeit, die von seinen Beiträgen, Seminaren, Gesprächen ausging, überraschte nicht selten durch den klaren Blick, der einem flugs ermöglicht wurde. Da erscheint plötzlich etwas an einer Stelle, wo bisher nichts bemerkt wurde, da öffnet sich ein Durchblick zu einer Qualität, die sich bis dahin entzogen hat, da leuchtet etwas hervor, das einem zuvor noch stumpf gegenüberstand. Und in all diesen Vorgängen war jeweils etwas liquides, sanguinisches, wendiges, da war im besten Sinne brillanter feinsinniger Humor beteiligt. Der hinweisende Blick auf etwas, der erhellende Blick, die gelenkte Aufmerksamkeit, das geführte Auge – das erweckende Schauen in die Welt und die Welt als offenbares Geheimnis behutsam sich aussprechen lassend. «Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt ... ich blick in die Ferne, ich seh in der Näh … ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn» (6) ereignete sich in gesteigertem Maße. Nicht aufgrund von Überredung oder Verführung, sondern durch Erhellung, Erweckung, Einlassfindung rückten einem die Dinge näher, wurden fassbar, greifbar.

So beschrieb es Schad selbst: «Es gibt nichts Pädagogischeres für den Schüler, als wenn der Lehrer während des Unterrichts die besten Einfälle hat. Das ist aber keine Aufforderung zur Spontanpädagogik. Der fruchtbare Moment wird dadurch geschenkt, dass er intensiv vorbereitet wird. Die Vorbereitung braucht Sondierung und Planung: der Vollzug ist schöpferisches Risiko. Die Vorbereitung steht so auf der Nachbereitung der bisherigen Vorkommnisse, sie bedarf insofern der Wissenschaft. Erziehung und Unterricht im Vollzug aber sind Kunst im ursprünglichen Sinne.» – Diesen Vorgang erlebte man täglich praktisch in seiner Art des Vorgehens, es war bei Schad nichts Erdachtes dabei, sondern authentische Kunstpraxis. Wenn es die Situation erforderte, sang man erst mal einen vierstimmigen Satz. Wolfgang Schad sang einem jede Stimme vor, das gehörte einfach dazu, das war normal, nicht aufgesetzt, nicht ambitioniert. Das kommt einer Biologie des Singens gleich, dachte ich als Musiker heimlich bei mir. Der Unterricht bei Wolfgang Schad war künstlerische Praxis pur. Das prägt sich einem ein in die Knochen, das ist fürs Leben, nachhaltig und langzeitwirksam.

Ein andere Ebene: «Die Frage bleibt: Von welcher Seite des eigenen Ich aus wird zum Verständnis des Steinerschen Ansatzes ausgegangen? – Ohne kritische Selbstanalyse keine Anthroposophie! – Ohne den peripheren Blick auf das eigene, zentrische Ego ist ja nicht einmal Steiners Fragestellung zu begreifen. Erst mit dem peripheren Blick, das wahre Ich als leibfrei zu bemerken, ist die Anthroposophie und der ihr entgegengesetzte Cerebrozerntrismus jeweils zu beurteilen. Von da aus werden auch die neueren Erfahrungen in der Nervenrehabilitation voll verständlich. Sie geht keineswegs vom Gehirn als dem anscheinend maßgeblichen Impulsgenerator aus, sondern von den Therapien, die von der übenden Peripherie die Nervenverknüpfungen und das Gehirn umformen – erst funktionell und dann auch organologisch (…). Im Wechselspiel zwischen den Nervenzentren und der Körperperipherie kommt der letzteren die größere Kompetenz zu.» (7)

Und ein weiteres Feld: «Geistige Forschung beginnt mit der Zeitumkehr […]: Die Anthroposophie kommt in der sinnlichen Überlieferung zwar historisch aus den letzten 150 Jahren. Aber in ihrer Substanz kommt sie aus der Zukunft. Die eingangs gestellte Frage nach dem <wie geht es weiter mit der Anthroposophie?> ist deshalb inhaltsleer. Die Anthroposophie hat nicht irgendeine Zukunft, sondern sie ist die Zukunft, von zweitausend Jahren im Voraus (eine Kulturepoche weiter) in unsere Gegenwart hereinbrechend. Um sie ist mir nicht bange, solange wir zukunftsoffen sind. – Nehmen wir es doch ganz praktisch. Wer die Vergangenheit als bloße Grabpflege betreibt und es damit genug sein lässt, erstarrt in selbsterzeugten Krusten. Wer sie nur hinter sich lassen will, um so richtig Gegenwartsmensch zu sein und endlich auf modern zu machen, wird zum geistlosen Faktotum. Wer allein in Zukunftsvisionen lebt und sich nicht dem Tagesgeschehen stellt, bleibt weltfremd. – Alles drei muss, darf, kann in jedem Menschen interferieren. Erst in der Integration der vierten und sechsten Kulturepoche hinein in die jetzige fünfte – erst darin besteht die gesunde anthroposophische Kultur. – Der Waldorflehrer hat zum Beispiel die Schätze der Vergangenheit als Kulturtechniken und Bildungsgut weiterzugeben; aber wehe, wenn er nur dabei bleibt. Jeder Tag in der Klasse mit den leibhaftigen Schülern ist das volle, unvorhersagbare Leben. Darin ist er hoffentlich ganz Zeitgenosse. Als Anthroposoph aber habe ich zugleich im Stillen an der Zukunft weiterer Jahrhunderte, nicht nur das 21., vorbereitend mitzuarbeiten. Und das spüren sogar dankbar die Nachwachsenden als die unausgesprochenen <unsichtbaren Drähte>. Alles drei, jeden Tag, hält die Kultur gesund und die Zukunft schon wirksam.» (8)

Die damit angerissenen Dimensionen zeigen das Spektrum in Wolfgang Schads Kosmos und Wirkensmodus. Eine Begegnung mit Wolfgang Schad blieb selten beim harmlosen Smalltalk. Meist blieb einem ein Raunen zurück, etwas Weltraumhall, etwas Höhlenmalerei und galaktisches Leuchten. Er konnte ungeheuer sperrig sein, unbequem, aufrüttelnd, und dabei doch immer so versöhnlich, redlich, um Klarheit bemüht. Blättert man in seiner eigenwilligen Goethe-Anthologie so begegnet man nicht allein Goethes Wortlauten sondern trifft auf Wolfgang Schads Denkspuren, auf sein Tasten in die Welt, auf die Welt zu, und seinem Offensein für das, was an Echos aus der Welt entgegenkommt, sich entbirgt, zu sprechen beginnt.

Wolfgang Schad zieht als Lehrer und Weggefährte weiter. Aber sein Werk kann weiterhin ermutigen, befeuerm, bohren und Schranken und Grenzen überwinden, Mit Goethe mag er sagen:

Heute geh ich. Komm ich wieder,
Singen wir ganz andre Lieder.
Wo so viel sich hoffen lässt,
Ist der Abschied ja ein Fest. (9)

Anmerkungen:

1. Daraus resultierte schließlich 1971 das zentrale Werk Säugetiere und Mensch. Zur Gestaltbiologie vom Gesichtspunkt der Dreigliederung; erweiterte Neuauflage als Säugetiere und Mensch. Ihre Gestaltbiologie in Raum und Zeit, unter Mitarbeit von H. Brettschneider und A. Schad, Stuttgart 2012

2. Die Neuauflage davon als «Die Doppelnatur des Ich. Der übersinnliche Mensch und seine Nervenorganisation», herausgegeben von Wolfgang Schad, Stuttgart 2014

3. Erziehung ist Kunst. Pädagogik aus Anthroposophie, Frankfurt am Main 1986; Neuausgabe Stuttgart 2013

4. Zeitbindung in Natur, Kultur und Geist, Stuttgart 2016

5. Was ist Zeit? Die Welt zwischen Wesen und Erscheinung, Stuttgart 2017

6. J. W. Goethe: Der Türmer, in: Würde der Dinge – Freiheit des Menschen. Goethe-Texte ausgewählt und eingeleitet von Wolfgang Schad, Stuttgart 1983

7. Der Cerebrozentrismus und Steiners Nervenverständnis, in: Wolfgang Schad: Der periphere Blick. Die Vervollständigung der Aufklärung, Stuttgart 2014

8. Unter der Rubrik Zeitgeistigkeit befragte die Wochenschrift Das Goetheanum unterschiedliche Autoren: «Wie geht es weiter mit der Anthroposophie?», worauf Wolfgang Schad am 26. 11. 2010 dazu Stellung nahm.

9. Würde der Dinge – Freiheit des Menschen. Goethe-Texte ausgewählt und eingeleitet von Wolfgang Schad, Stuttgart 1983, Seite 335

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