Ein schlechter Deal. Zwischen Sucht und Sehnsucht

April 2011

Der Kunsttherapeut und ehemalige Klassenlehrer Herbert Himmelstoß besucht Waldorfschulen und behandelt jeweils über einen Zeitraum von etwa drei Wochen mit Schülern der Mittel- und Oberstufe das Thema Sucht. Andrea Vogelgesang, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit an der Rudolf Steiner Schule Düsseldorf, im Gespräch mit ihm und zwei Schülern.

Andrea Vogelgesang | Herr Himmelstoß, haben Sie Süchte?

Herbert Himmelstoß | Ich habe Suchtthemen, auf jeden Fall. Aber erst, wenn sie lebensbestimmend werden und meine Freiheit einschränken, dann spricht man von Sucht. Wenn zum Beispiel jemand mehr isst, weil er in einer unbequemen oder ungeklärten Situation steckt, und damit das Problem in den Hintergrund rückt, steht das Essen einem aktiven Lösungsversuch im Wege. Damit wären wir schon bei einer wesentlichen Ursache von Suchtverhalten: Dem Zudecken von Schwierigkeiten. 

AV | Das Bewusstsein wird also abgelenkt oder herabgesetzt.

HH |  Ja, so ist es. Das Ich muss Herr im Hause sein und das Denken, Fühlen und Wollen leiten – nicht umgekehrt. Wenn man dies bei Kindern und Jugendlichen erreicht, hat man schon gute Präventionsarbeit geleistet. 

AV | Wie bringen Sie das den Schülern bei?

HH | Den Einstieg in den unteren Klassen gestalte ich mit einer Übung aus Rudolf Steiners Vortrag »Die praktische Ausbildung des Denkens«. Ich fordere die Schüler auf, einen Gegenstand aus der Erinnerung nachzuzeichnen und fehlende Details in der Phantasie zu ergänzen, so exakt wie es ihnen möglich ist. Dabei wird geübt, sich ein inneres Bild von den Dingen zu schaffen. Auf diese Weise wird das Ich als gestaltende Kraft erlebt. Die vorgestellten Gegenstände erscheinen dann beim Betrachten viel schärfer und detailreicher.

Die höheren Klassen spreche ich an, indem ich Bewusstseinszustände erläutere, die zunächst noch gar nichts mit Sucht zu tun haben, zum Beispiel eine Schocksituation, Einschlaferlebnisse und Fieberzustände. Wie reagiert die Seele darauf? 

Anna | Für uns in der 12. Klasse war dieser Einstieg interessant. Meistens kommen die Erwachsenen mit Verboten und Entsetzen, wenn sie von Drogen sprechen. Niemals wird von den Wirkungen gesprochen. Aber genau dafür interessieren wir uns ja.

HH | Alle kennen die verschiedenen Bewusstseinszustände zwischen Schlafen und Wachen. Zudem gibt es mehrere Zwischenstufen im Erleben. So etwa nach einem Schock. Wer sich verletzt oder einen Unfall hat, empfindet in dem Moment selbst eigentlich noch keinen Schmerz und die Zeit wird plötzlich anders wahrgenommen, wie in Zeitlupe. Das kommt daher, dass sich die Seele kurz vom Körper­lichen loslöst. Dadurch wird das Seelische »freier« und es kommt zu intensiveren Wahrnehmungen. 

Anna |  Ja, und so ähnlich erlebt man sich tatsächlich auch bei Cannabis. Alle Eindrücke sind verstärkt und die Sinne wie Schmecken, Fühlen, Riechen werden viel intensiver. Ich habe auch bemerkt, dass man schneller assoziiert.

HH | Die Gesetzmäßigkeiten von Schock- und Rauschzustand haben also Entsprechungen. 

Michael |  Davon hatte ich vorher noch nie gehört. Umso interessanter waren die Betrachtungen. Vor dem Besuch war ich sehr skeptisch und dachte, da will uns ein Erwachsener eine Moralpredigt halten. Aber es wurde einfach nur objektiv erklärt, was da im Körper und in der Seele abläuft.

Anna | Wenn ich an Sucht dachte, dann an Alkohol, Zigaretten, Haschisch und härtere Sachen. Neu war für mich, dass Energiedrinks, Süßigkeiten oder Magersucht auch etwas damit zu tun haben.

HH | Als Süchtiger verhält man sich immer ganz ähnlich, egal, welches Mittel man zu sich nimmt. Wenn Schüler das wissen, können sie sich viel besser beobachten und Abläufe einschätzen. Ich fordere sie auch schon mal auf, wenn sie mit Freunden »einen trinken gehen«, bewusst auf Alkohol zu verzichten und zu beobachten, was sie dadurch erleben. 

Anna |  Ja, das war ganz spannend. Wenn man nüchtern bleibt, merkt man erst, wie sich die Menschen nach ein paar Gläsern Bier verändern. Das laute Reden, Lachen, Ungezwungensein erlebt man als übertrieben.

Michael | Ich hatte zwar schon geraucht und THC genommen, hatte aber nie das Gefühl, dass das zu einer Sucht führt.

HH | Das ist natürlich individuell verschieden. Wenn alles normal läuft und eine Ich-Stärke da ist, kann es so sein. Aber bei Brüchen, wie zum Beispiel Problemen mit den Eltern, der Schule oder Freunden, kann es tückisch werden. Ist man bis dahin gewohnt gewesen, ab und an zur Droge zu greifen, ob nun Alkohol, Zigaretten, THC oder was auch immer, kann der Frust die Gewohnheit verstärken und zur Abhängigkeit führen. Es mag sich ein positives Erlebnis einstellen, aber der eigene Wesenskern ist daran nicht beteiligt. Zudem nutzt sich diese Scheinbefriedigung relativ schnell ab. 

Michael |  Ich habe dafür meinen Sport, da spüre ich, das bin ich. Da bin ich mit dem Leben verbunden und spüre, ich kann was. Darin sehe ich Sinnhaftigkeit und Erfüllung. Wenn es mir schlecht geht, weiß ich, was ich tun muss.

HH | Solche Schlüsselerlebnisse sind kostbar, die ich mit der anfangs beschriebenen Wahrnehmungsübung verstärke. Durch die innere Bildgestaltung erlebt sich das Ich als wirkende Kraft. Werden solche Dinge wiederholt, kann daraus eine Gewohnheit werden und daraus eine echte, das heißt, persönlichkeitsbildende Fähigkeit. 

AV | Es stellte sich also ein intensiveres Wahrnehmen ein. Wie unterscheidet sich das zum intensiveren Wahrnehmen bei Drogenkonsum?

HH | Der Unterschied liegt in der Willensanstrengung. Das Üben erzeugt eine eigene Kraft und die Dinge beginnen, zu einem zu »sprechen«. Raucht man zum Beispiel Haschisch, dann kommen die Erlebnisse sozusagen von außen auf mich zu. Aber man ist nicht mit eigener Kraft daran beteiligt. Nach der Wirkung der Droge ist das Erlebnis weg, es gehört mir nicht, und ich muss dazu noch damit leben, dass das Alltagserleben immer grauer wird. 

AV | Wie sieht es denn mit den körperlichen Folgen aus?

HH | Die Wirkungen stecken nicht in den Drogen, sondern in unserem Leib. Das Kiffen wirkt unter anderem auf die Nieren, die für die Entwicklung bestimmter seelisch-geistiger Qualitäten wichtig sind. Sie werden gewissermaßen seelisch-geistig stärker durchdrungen, wenn der Mensch berührt ist von schöner Musik, einem Theater­stück oder Kunst. Dadurch wird Platz für seelisch Neues geschaffen. Konsumiere ich Cannabis, quetsche ich sozusagen seelischen Raum aus der Niere heraus, der nach dem Rausch fehlt. Die entstehenden Glücksgefühle »gehören« mir nicht, werden seelisch sozusagen gar nicht einverleibt. Die weitere innere Entwicklung ist gefährdet, wenn die Organe nach und nach zerstört werden. Die physischen Grundlagen stehen der selbstbestimmten persönlichen Entwicklung immer weniger zur Verfügung. 

AV | Was können Eltern tun, damit ihr Kind erst gar nicht in die Gefahr gerät, süchtig zu werden, egal, ob im Essverhalten, beim Computerspielen oder mit Rauschgiften?

HH | Patentrezepte gibt es nicht. Entscheidend ist das Bewusstsein der Eltern ihrem eigenen und dem Leben der Kinder gegenüber. Führen sie ein sinnerfülltes Leben?

Welche Dinge spielen eine wesentliche Rolle im Alltag? Ist das Ziel ein Reihenhaus, ein schickes neues Auto oder gehen die Themen tiefer? Gerade in der Pubertät werden Sinnfragen gestellt, wie zum Beispiel nach dem Schicksal oder auch über den Tod. Die Frage ist: Können Eltern auch spirituelle Erlebnisse vermitteln? 

AV | Auf diese Weise könnte man also einem späteren Suchtverhalten vorbeugen?

HH | Eines muss man sich klarmachen: Drogen dienen vordergründig dazu, spirituelle Erlebnisse zu haben. Die Frage ist also, wie komme ich zu derartigen Erlebnissen oder Gefühlen ohne die Droge? Dagegen hilft nur eine regsame und aktive innere Bildtätigkeit. 

AV | Wie kann ich solch eine Tätigkeit in den Alltag integrieren?

HH | Im Kindesalter ist es von unschätzbarem Wert, Fähigkeiten zu erüben, zum Beispiel ein Musikinstrument zu lernen. Das Kind erobert sich das Instrument und auch ein Lied, das es immer wieder übt. Das Stück wird dadurch sozusagen ein Teil von ihm und »spricht« zu ihm.

Allgemein lässt sich sagen, dass wir uns bewusster mit den Erscheinungen in der Welt verbinden müssen, nicht durch (vor-) urteilendes Denken, sondern durch exakte Wahrnehmung.

Kommentare

Sebastian Zahnd, Hombrechtikon, 17.09.16 14:09

Sehr gut!

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