Es geht darum, Ideen zu verwirklichen

Von Mona Doosry, Kim-Fabian von Dall'Armi, Oktober 2009

Die Waldorflehrerin Mona Doosry über die Mühen der Selbstverwaltung, den Verzicht auf eine gymnasiale Oberstufe und die Frage, warum Projektarbeit auf das Leben vorbereitet

Selbstverwaltung als Herausforderung. Moona Doosry. Foto: Gregor Steinle

Kim-Fabian von Dall’Armi | Frau Doosry, Ihre Schule hat sich vor drei Jahren entschieden, die gymnasiale Oberstufe nicht einzuführen. Stattdessen machen die Schüler nach der Mittleren Reife in der 12. Klasse den sogenannten »Waldorfschulabschluss« mit Jahresarbeit, Klassenspiel und Kunstreise. Erst in der 13. Klasse beginnt die Vorbereitung auf das Abitur. Was waren die Gründe für diese Entscheidung?

Mona Doosry | In der 12. Klasse spielt die Erkenntnisarbeit eine große Rolle: Durch eine freiere Form der Arbeit und Erkenntnissuche legt man die Grundlage dafür, dass man später selber Ideen bilden kann – und das gehört ja ganz wesentlich zur freien Gestaltung des Lebens dazu. Projekte wie Jahresarbeit, Klassenspiel und auch die Kunstreise dienen dazu, dass man in einem Prozess lernt, Ideen zu verwirklichen. Diesen Projekten soviel Raum zu geben, wie wir es tun, wäre nicht möglich, wenn wir bereits in der 12. Klasse auf das Abitur vorbereiten würden.

KVD | Sie sagten einmal, die Schule sollte nicht mit einem Abschluss enden, sondern mit der Fähigkeit, die Zukunft zu gestalten.

MD | Mir geht es darum, dass man etwas von sich entdeckt, das aber noch ganz zukünftig ist und zu einem Lebensmotiv werden kann. Vor allem aber geht es darum zu lernen, Ideen oder Impulse, die man hat, tatsächlich zu verwirklichen. Bei der Jahresarbeit ist das Entscheidende, dass man es als Einzelner tut, bei einem Klassenspiel tut man das in der Gemeinschaft. Das sind zwei Schwerpunkte, die einem in der Gesellschaft immer wieder begegnen werden: Die Frage »Was will ich?« und die Frage »Was wollen die Anderen?«

KVD | Warum legen sie so großen Wert auf Projektarbeit?

MD | Ein Grund dafür ist die andere Art des Arbeitens mit Jugendlichen. Das funktioniert nur, wenn es von der Initiative der Schüler mitgetragen wird. Besonders beim Theater ist es so, dass ich es zwar anleite, aber trotzdem auf Augenhöhe mit den Schülern arbeite. Wir nehmen uns gemeinsam etwas vor, was es noch gar nicht gibt, wie jetzt mit der letzten Theaterproduktion »Bubikopf und Stresemann« der 12. Klassen. Es ist dann auch ein bisschen Risiko dabei, man weiß nicht genau, was dabei herauskommt, tut es aber trotzdem … Dazu kommt dieser bestimmte Moment, der prägnanter ist als im Unterricht, wenn das Projekt sich ablöst von mir als Lehrerperson: Es ist den Schülern anheim gegeben, was sie nun daraus machen …

KVD | Sie versuchen, mit Ihrem Unterricht und der Projektarbeit zu erreichen, dass die jungen Menschen sich die Dinge zu eigen machen?

MD | Das ist im Unterricht schwerer zu erreichen als in der Projektarbeit – wobei ich den Unterricht für genauso wichtig halte. Unterricht heißt für mich: Denken lernen. Aber Denken ist anstrengend, und es stellt sich immer wieder die Frage, wie ich den Unterricht so gestalten kann, dass die Jugendlichen Spaß am Denken entwickeln. Am schönsten sind die Momente, in denen im gemeinsamen Erkenntnisgespräch etwas Neues für mich und die Schüler entsteht – das hat schon fast eine künstlerische Qualität.

KVD | Ist es möglich, diesen Moment vorzubereiten oder entsteht er zufällig?

MD | Es ist eine Mischung aus beidem – in der Vorbereitung überlege ich mir, wie ich so anfangen kann, dass die Schüler einsteigen können, dass etwas in Bewegung kommt – mehr kann man nicht tun. Natürlich muss man sicher im Stoff sein, aber der Rest muss sich ergeben. Darin liegt vielleicht das Künstlerische, dass durch das, was man im Gespräch fragt, zusammenfasst, anregt und aufnimmt, ein Spiel entstehen kann …

KVD | Sie gehören dem Initiativkreis der pädagogischen Akademie am Hardenberg-Institut in Heidelberg an. Welches Anliegen verfolgen Sie dort?

MD | Der Initiativkreis verfolgt Themen und Fragen, die in der Gesellschaft vorhanden sind, und veranstaltet dazu Akademietage oder Kolloquien, um weiter daran zu forschen. Er ist wie ein Pool von Ideen und Gedanken, die bewegt werden und die man von dort in die eigene Schule hineintragen kann.

KVD | Sie haben am Hardenberg-Institut zusammen mit Karl-Martin Dietz zur Frage der Selbstverwaltung der Waldorfschulen gearbeitet. Wo sehen Sie Entwicklungsbedarf?

MD | Ich kann nur für unsere Schule in Hamburg sprechen. Selbstverwaltung ist eine ungeheure Herausforderung. Man muss neben seinem Unterricht alles, was sonst der Direktor oder dafür zuständige Kollegen machen würden, selber machen. Denn Selbstverwaltung heißt, selber Verantwortung für pädagogische Inhalte, wirtschaftliche wie rechtliche Belange zu übernehmen und vor allem selber Ideen zur Gestaltung zu entwickeln. Der Ideenentwicklung mehr Raum zu lassen, ohne sofort an die Umsetzung oder die Finanzierung zu denken – da sehe ich Entwicklungsbedarf.

KVD | Das würde ja bedeuten, dass Schüler und Lehrer vor dieselbe Aufgabe gestellt sind: lebendig neue Ideen zu entwickeln. Was für die einen der Freiraum ohne wirtschaftliche Zwänge ist, ist für die Anderen der Freiraum ohne Abschlussgedanken …

MD | Das stimmt.

KVD | Das Bewusstsein dafür scheint mir jedoch nicht immer vorhanden. Was folgt daraus?

MD | Es könnte daraus folgen, dass Schüler und Lehrer sich wirklich zusammensetzen … Ich versuche mal, mir das auszumalen … Es gäbe »Ideentage«, gemeinsame Fragestellungen, Schüler wie Lehrer schildern, welche Ideen sie haben … Das wäre eine interessante Form … Ist nur die Frage, wie viele Schüler und Lehrer es gibt, die daran Interesse hätten …

KVD | Wie kann man die Motivation und Initiative der Schüler wecken?

MD | Wichtig ist, wenn man Initiative von Schülern wittert, diese zu unterstützen. Dazu muss man die Schüler ermutigen und ermuntern, und manchmal selber wissen, dass etwas gut ist, auch wenn die Schüler das erst einmal nicht gut finden. Man muss eine gewisse Penetranz entwickeln und dann überzeugen – das lässt sich leider nicht ändern …

KVD |  »Penetrant sein« und »Erziehung zur Freiheit« – passt das zusammen?

MD | Es schließt sich nicht aus. Ich meine mit Penetranz, dass man nicht so schnell aufgibt. Man schlägt etwas vor, es kommt erst einmal eine verhaltene Reaktion, dann kann man aufgeben – oder es noch einmal versuchen und fragen, warum sie etwas nicht machen wollen. In dem Moment, in dem man in ein Gespräch kommt, entsteht Motivation: Die Schüler merken, man ist interessiert.

KVD | Um es mit Rudolf Steiner zu sagen: »Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnis des fremden Wollens …« Ist es das, was eine Erziehungskunst ausmacht: anbieten, immer wieder, mit Geduld und trotzdem so tolerant sein, auch Ablehnung anzunehmen?

MD | Genau. Und das Anbieten kann man auch zu einer Kunst entwickeln. –

KVD |  Eine letzte Frage: Es wird viel über Kulturverlust, Werteverfall, eine angebliche »Generation Doof«  gesprochen – wie sehen Sie die Situation der jungen Menschen heute?

MD | Es gibt keine Generation, die von soviel Bildern und Umwelteinflüssen überflutet wird wie die jetzige Jugend- und Kindergeneration. Da noch seinen Weg zu finden, das ist ungeheuer schwer. Alles muss heute mit Bewusstsein getan werden: Alles muss man durchschauen. Das ist anstrengend. Das war für uns noch nicht so das Problem, weil es noch gar nicht auf der Tagesordnung stand. Ich hatte gar nicht die Möglichkeit, mir irgendwelche Dinger in die Ohren zu stopfen und abzuschalten, weil es so etwas nicht gab. Und wer weiß, was ich gemacht hätte!

Mona Doosry, Jahrgang 1960, arbeitet als Lehrerin für Deutsch, Kunstgeschichte und Schauspiel an der Waldorfschule Hamburg-Wandsbek. Sie ist Mitbegründerin der Pädagogischen Akademie am Hardenberg-Institut Heidelberg.

Kim Fabian von Dall’Armi, Jahrgang 1989, brach das dreizehnte Schuljahr ab, um in Hamburg ein freies Abiturjahr zu etablieren (www.fdreizehn.de).

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