Ohne Bienen keine Waldorfschulen

Oktober 2013

Stockmar-Wachsstifte, Knetwachs und Wasserfarben gehören zu den Waldorfschulen wie die Liebe zu Bienen und zu farbig lasierten Wänden. Generationen von Waldorfschülern haben mit diesen Materialien gemalt, geknetet und gestaltet. Bis heute werden fast alle Produkte in Handarbeit hergestellt. Peter Piechotta leitete das mittelständische Unternehmen gemeinsam mit Carol Stockmar bis 2010 dreißig Jahre lang. Seit 2003 ist er Gesellschafter der Neuguss GmbH und ab 2013 widmet er sich ganz den Aufgaben der Neuguss, einer Verwaltungsgesellschaft, die das Vermögen der beteiligten Firmen nicht nur verwaltet, sondern mit den überschüssigen Gewinnen auch Initiativen und Projekte fördert. Außer der Firma Hans Stockmar, dem niederländischen Versandhaus Mercurius und der Alfred Rexroth Maschinenbau gehören noch das Renk Druck- und Medienzentrum in Kaltenkirchen dazu.

Foto: © Charlotte Fischer

Erziehungskunst | Wie viele Bienen arbeiten eigentlich für Stockmar?

Peter Piechotta | Die Zahl der Bienen ist abhängig von unserem Wachsbedarf und den jeweiligen Arbeitsbedingungen der Bienen. Die aktuelle Zahl der Mitarbeiterinnen kann man am besten selbst berechnen. Unser Wachsbedarf liegt zwischen drei bis fünf Tonnen pro Jahr. Bei angenommenen drei Tonnen Wachsbedarf arbeiten für uns etwa 415 Bienenvölker. Ein Volk hat im Schnitt 40.000 Bienen. Eine Trachtbiene sammelt vierzig Milliliter Nektar und zwanzig Milligramm Pollen, befliegt dazu 200 bis 300 Blüten und macht im Durchschnitt täglich sechs Ausflüge. Etwa ein Drittel der Bienen im Bienenvolk sind Flugbienen, die übrigen, jüngeren Arbeiterinnen, verrichten Stockdienste. Insgesamt arbeitet ein Volk pro Jahr 90 Tage. Für ein Kilogramm Honig müssen etwa drei Kilogramm Nektar eingetragen werden. Dafür sind 100.000 Ausflüge und 150.000.000 Blütenbesuche erforderlich. Die Flugstrecke aller Bienen entspricht einer sechsma­ligen Erdumrundung. Ein Wachsschüppchen wiegt 0,0008 Gramm. Für ein Kilogramm Bienenwachs müssen die Bienen 1.250.000 Wachsschüppchen erzeugen, wofür sie zehn Kilogramm Honig und ein Kilogramm Blütenstaub verzehren.

EK | Geht es Ihren Bienen gut?

PP | Nein, den Bienen geht es nicht gut. Filme wie »More than honey« und viele andere Veröffentlichungen zeigen, dass wir die Bienen viel zu lange als Nutztiere betrachtet haben. Die Bienen leiden unter der immer stärker werdenden Industrialisierung unseres Lebens. Ein drastisch erlebbares Beispiel ist das Verschwinden von Streuobstwiesen und blühenden Wiesen als Futterquellen für die Bienen. Wir engagieren uns zusammen mit dem Verein Melifera, Imkern und Landwirten für eine wesensgemäße Bienenhaltung.

EK | Bienen sind Sonnenwesen und Farben sind, wie Goethe sagte, »Taten und Leiden des Lichtes«. Was hat Sie dazu gebracht, Ihr Leben den Farben zu widmen?

PP | Früh habe ich erfahren, dass das Leben aus Polaritäten besteht und immer habe ich danach gesucht, Ideal und Wirklichkeit in einen lebendigen Zusammenhang zu bringen. Aus einer tiefen Krise heraus habe ich mit 16 Jahren mein Fahrrad genommen und bin losgefahren. Nach zwei Wochen »wachte« ich im Norden von Finnland auf, und es war 24 Stunden lang hell. Während meiner Arbeit in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft habe ich erlebt, wie wichtig es ist, sich mit der Natur in einen geistigen Zusammenhang zu bringen.

Während 20 Jahren Imkerei waren die Bienen wunderbare Lehrmeister darin, die Sinne zu öffnen. Der Regenbogen und die Verwandelbarkeit des Bienenwachses waren für mich der erlebbare Beweis, dass es möglich ist, mit Polaritäten zu leben und durch eine Sinnesschulung den Zugang zur Welt zu erweitern. Jetzt musste ich nur noch einen Platz finden, wo ich das alles zusammenbringen konnte, und das war dann Stockmar. Hier hatten sich sowohl das Bienenwachs als auch der Pflanzenfarbenimpuls von Rudolf Steiner »verkörpert«. Jetzt müsste ich natürlich viele Menschen aufführen, die mir geholfen haben, dass daraus eine so intensive Lebensarbeit entstanden ist.

EK | Worin besteht die gemeinsame Philosophie von Waldorfschule und Stockmar?

PP | Wir sind in der glücklichen Situation, dass uns die Fragen der Lehrer der Waldorfschulen gefunden haben und immer noch finden. Rudolf Steiner gab ja den ersten Lehrern die Aufgabe, die Sinne der Schüler zu pflegen. Das Ergebnis für uns war eine gute Beschreibung der benötigten Qualitäten, beispielsweise für unsere Wachsstifte. Wie fördert ein Wachsmalstift die zwölf Sinne? Was fördert den Tastsinn, was stört den Tastsinn? Qualität ist ein permanenter Entwicklungsprozess und mit weltweit über 1.000 Waldorfschulen sollten wir eigentlich gut genug mit Entwicklern ausgestattet sein! In unserer Firma gibt es unterschiedliche Zugänge zur spirituellen Welt. Meinen Zugang finde ich durch die Anthroposophie. Wir sind uns mit Franz von Assisi einig:

Der, der mit seinen Händen arbeitet, ist ein Arbeiter.
Der, der mit seinen Händen und mit seinem Kopf arbeitet,
ist ein Handwerker.
Der, der mit seinen Händen, seinem Kopf und seinem Herzen
arbeitet, ist ein Künstler.

EK | Als Unternehmer müssen Sie sich auf einem Markt behaupten, der mit Billigprodukten und sicher auch einigen hochwertigen Konkurrenzprodukten überschwemmt wird. Welche Rolle spielt das bei Ihrer Produktentwicklung?

PP | Unser Marktsegment ist stark geprägt durch qualitätssensible Kunden. Wir erleben, dass weltweit mehr und mehr Menschen auf der Suche sind nach mehr Lebensqualität für ihre Kinder und sich selbst. Für uns ist die Herausforderung mehr, wie wir in einem preisgeprägten Umfeld Qualitäten kommunizieren können. Wie jede erfolgreiche Kommunikation braucht es dazu eine gute Beziehung zu unseren Kunden. 85 Jahre Zusammenarbeit mit den Waldorfschulen sind eine gute Grundlage dafür.

EK | Wie klappt denn die Zusammenarbeit mit den Waldorfschulen? Sind sie Partner, mit denen man assoziativ arbeiten kann?

PP | Wie überall hängt sehr viel von den Menschen ab. Ich habe in meinen vielen Jahren als Vorstand einer Waldorfschule, als Kurator der Waldorfstiftung und Geschäftsführer von Stockmar mit Waldorflehren, Waldorfeltern und Waldorfschülern hervorragend zusammengearbeitet. Diese gute Zusammenarbeit beruht zum großen Teil auf der Fähigkeit innerhalb der Waldorfschulen, mit Unterschieden kreativ und positiv umzugehen. Heute blicke ich nach vielen Konflikten, die unsere Fähigkeiten schulten, immer mehr in Richtung einer assoziativen Zusammenarbeit.

EK | Was wünschen Sie sich von den Waldorfschulen?

PP | Das, was ich mir von einem guten Partner wünsche: Respekt, Vertrauen und einen offenen Dialog in allen gemeinsamen Entwicklungsfeldern. Für eine nachhaltige Wirtschaft wünsche ich mir von den Waldorfschulen, dass sie bei den Schülern stärker das Interesse an der Wirtschaft wecken. Eine nachhaltige Wirtschaft braucht einen neuen Geist, der sich den komplexen Aufgaben stellt und über den Tellerrand hinausschaut.

EK | Was unterscheidet die Neuguss von anderen Holdings?

PP | Für mich ist der wichtigste Unterschied, dass die Gewinne der Neuguss nicht an private Eigentümer gehen, sondern für Investitionen in den Firmen bleiben, damit neue Firmen übernommen werden können. Mit den überschüssigen Gewinnen werden Initiativen und Projekte insbesondere in den Bereichen Bildung und Kultur gefördert. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit der Alfred-Rexroth-Stiftung und der GLS Treuhand durch gemeinnützige Engagements.

EK | Sie sind oft in Asien unterwegs. Was zieht Sie dorthin?

PP | Wenn Sie meine Reisen über die letzten Jahren verfolgen, dann werden Sie darin eine Spiegelung der Entwicklung der Waldorfbewegung in der Welt wiederfinden. Und jetzt ist eindeutig Asien dran. In den letzten Jahren hat sich für uns die Nachfrage in Indien und China stark entwickelt. Damit wir möglichst früh neue Impulse für unsere Produkte, die Herstellung und den Vertrieb bekommen, besuche ich Lehrerkonferenzen, treffe mich mit Kunstlehrern und gebe Seminare für Lehrer. Das fördert einerseits den Bekanntheitsgrad von Stockmar, anderseits treffe ich dadurch frühzeitig die Menschen, mit denen wir dann eine Zusammenarbeit aufbauen können.

EK | Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

PP | Ich bin ja schon seit zehn Jahren Gesellschafter für die Neuguss und dort mitverantwortlich für die Entwicklung unserer Unternehmen. Wir wollen hin zu einer ästhetischen Unternehmensführung. Mit anderen Lebensfeldern wie Schulen, Universitäten, Landwirtschaft, Stiftungen, anderen Wirtschaftsunternehmern, spirituellen Einrichtungen und Künstlern erforschen und entwickeln wir Zusammenarbeitsformen für eine nachhaltige Zukunft. Was heißt im Gleichgewicht sein? Was ist Wärme im Unternehmen, was ist Kälte? Wo braucht es Geschwindigkeit, wo braucht es Langsamkeit? Was sind die unterschiedlichen Geldqualitäten? Wie spricht sich die Seele aus? Wie sieht eine zukünftige Universität aus? Wie fördern wir Nachwuchs? Was ist Spiritualität im Unternehmen? Welchen Beitrag leistet Eurythmie für die Unternehmensentwicklung?

EK | Zum Schluss noch eine ganz praktische Frage: Wenn ich mit Kindern das Stockmar-Knetbienenwachs benutze, haben am Ende alle warme Hände, was ich gut und die Kinder ganz schön anstrengend finden. Ist das so gemeint?

PP | Ja, denn ohne Wärme, ohne Enthusiasmus gibt es keine Lebendigkeit. In einer Welt, in der alles sofort da sein muss, wollen wir die Kinder zur eigenen Aktivität anregen. Ohne Lebendigkeit erlebe ich die Welt als unveränderbar und damit als bedrohlich. Ein Kind, das mit eigener Wärme das feste Material verformt, stärkt seinen Tastsinn, Bewegungssinn, Lebenssinn und Gleichgewichtssinn.

Kinder, die in der Natur spielen können, tun dies auf natürliche Art und Weise. Mit unserem Knetbienenwachs wollen wir Kinder darin unterstützen, auch an anderen Plätzen solche Erfahrungen machen zu können.

Das Interview führte Henning Kullak-Ublick.

www.neuguss.com

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