Richard Landl – ein Nachruf

Von Birgitt Geringhoff-Beckers, März 2022

Richard Landl strahlte in den letzten Wochen seines Lebens die Würde eines Menschen aus, der seine persönliche und berufliche Entwicklung zu reicher Blüte gebracht hat.

Seine gesundheitliche Situation erlaubte ihm keine größeren Anstrengungen mehr. Zu seiner Freude konnte er von zu Hause aus an den Treffen des European Council for Steiner Education teilnehmen, die wegen der Corona-Pandemie online stattfanden. Damit brachte der Lockdown für ihn etwas Positives mit sich. Der Austausch mit den Freund:innen der europäischen Waldorfschulinitiative erfüllte ihn seit über acht Jahren mit großer Zuversicht für die gemeinsamen Aufgaben.

Auch die Arbeit mit den Waldorfschulen, die das Quali­tätsverfahren des Bundes aufgegriffen haben, begleitete er in dieser Zeit noch beratend. Dass sich eine Gruppe von erfahrenen Waldorflehrer:innen gefunden hat, die ihn in der Verantwortung für das Verfahren ablöste, erfüllte ihn mit Zuversicht. Die beiden Aufgaben, die er bis an sein Lebensende kraftvoll ausfüllte, bilden die Krone seines unermüdlichen Einsatzes für die Waldorfschulbewegung.

Richard Landl wurde am 23. August 1943 in Seeburg/Ostpreußen geboren. Wie so viele Kriegskinder hat er seinen Vater nicht kennengelernt und ist von seiner Mutter großgezogen worden. Seine Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenenjahre verbrachte er in Berlin, einer Stadt, die er bis an sein Lebensende sehr liebte. Als Großstadtkind war ihm ein großer Wald oder ein Dorf (sieht man vom Grunewald ab), in dieser Zeit unbekannt. Es gab am Stadtrand von Berlin einen Bauernhof, den er als Schulkind einmal besuchte und durch den er eine erste Vorstellung von einem in die Natur eingebetteten bäuerlichen Landleben entwickelte. Das Manko glich Landl in seinem späteren Leben aus. Schon früh reiste er mit seiner Mutter, später dann mit seiner Frau nach Österreich, in das Heimatland seines Vaters. Dort machte er reichhaltige Naturerfahrungen, vor allem in den Bergen, indem er bis in seine dreißiger Jahre das Bergsteigen intensiv betrieb, später dann vor allem bergwanderte. Im Alter von 18 Jahren nahm ihn seine Mutter zu einem Vortrag Manfred Schmidt-Brabants in Berlin mit. An diese erste Begegnung mit der Anthroposophie sollte sich eine fast 60 Jahre dauernde inhaltsreiche Beschäftigung mit dem anthroposophischen Menschenbild, insbesondere mit dem Aspekt des freien Willens anschließen. Landls erste berufliche Ausbildung hatte jedoch mit Anthroposophie nichts zu tun. Nach dem Abitur studierte er an der Technischen Universität Berlin und schloss das Studium 1968 in physikalischer Ingenieurswissenschaft im Bereich Strömungsmechanik ab. Anschließend arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hermann-Föttinger-Institut für Strömungsforschung, wo er 1973 promovierte. Damit besaß er die Voraussetzungen für eine glänzende wissenschaftliche Laufbahn, die schon klar umrissen vor ihm lag. Vielleicht gerade deshalb wandte er sich einem gänzlich anderen Tätigkeitsfeld zu. Mit der Frage nach dem Lebendigen, die ihn über die Jahre immer mehr beschäftigte, suchte er die Welt der »feineren Strömungsformen« auf: Er studierte an der Berliner Schule für Eurythmische Art und Kunst und erlangte dort 1976 das Diplom. Für Landl war im Lauf der Jahre sehr deutlich geworden, in welchen Dienst er sich stellen wollte: in den der Erziehungskunst. Mit 33 Jahren begab er sich auf die Suche nach einer Wirkungsstätte und fand sie an der damals noch jungen Rudolf-Steiner-Schule Dortmund. Hier nahm er die Herausforderung an, Kinder aller Altersklassen im Fach Eurythmie zu unterrichten. Außerdem unterrichtete er Mathematik und Geographie in der Oberstufe. Er blieb seiner Schule bis zum Ruhestand im Jahr 2008 treu. Seine pädagogische Tätigkeit war für ihn stets mit der Arbeit an sich selbst verbunden, so dass er beides mit der ihm eigenen Willenskraft in jeder Hinsicht verband. Neben seiner Arbeit als Lehrer sowie als aktiver Mitgestalter seiner Schule gewannen zusätzliche Aufgaben außerhalb des Schulalltags für ihn zunehmend an Bedeutung. Er vertrat seine Schule bei der Arbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen in NRW und wurde dort sehr bald wegen seiner besonnen vorgetragenen Wortbeiträge geschätzt. Ihm wurde angetragen, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft zu werden. Die Aufgabe versah er zum Wohl der Schulen ausgesprochen versiert. Er wurde ein geschätzter Gesprächspartner für die Behörden und die Landesregierung, vertrat sehr höflich aber unnachgiebig die Interessen der Schulen und der einzelnen Lehrer:innen und sorgte bei den Konferenzen der Schulen in NRW für einen regen inhaltlichen Austausch. Das Büro der Landesarbeitsgemeinschaft wurde mit ihm zu einer anerkannten Institution. 1996 wurde er in den Bundesvorstand der deutschen Waldorfschulen kooptiert, in den er sich 18 Jahre lang unermüdlich einbrachte. Besonders am Herzen lagen ihm die Forschung zu Fragen der Menschenkunde und Pädagogik in der Oberstufe, die Zusammenarbeit der deutschen Waldorfschulen und die Auseinandersetzung mit der pädagogischen Qualitätsentwicklung in den Schulen. In diesem Zusammenhang sei auf ein Buch hingewiesen, das er herausgegeben hat: Aufbruch in die Welt – Waldorfpädagogische Grundlagen der Oberstufe mit Unterrichtsbeispielen.

Landl beschäftigte sich mit Fragestellungen, die heute noch aktuell sind: Mit einer Gruppe von Interessierten arbeitete er über mehrere Jahre am klassenübergreifenden Unterricht, nicht zuletzt auf Grund der vermehrt in ländlichen Räumen gegründeten Waldorfschulen. Bei Genehmigungsfragen war er ebenfalls immer wieder aktiv tätig. In die Diskussion über die Länge der Klassenlehrerzeit brachte er sich gleichfalls mit großem Engagement ein.

Während der Jahre der gemeinsamen Arbeit im Sprecherkreis der Waldorfschulen in NRW und im Bundesvorstand erlebte ich Richard Landl als Kollegen, der sich kompromisslos in den Dienst der Waldorfschulbewegung stellte. Aufgrund des Studiums der Geisteswissenschaft und jahrelanger Erkenntnisübungen besaß er ein unerschütterliches Vertrauen in die Realität der geistigen Welt und einen ansteckenden Idealismus. Gleichzeitig blieb er der geschulte Wissenschaftler, der Sachverhalte emotionslos anschauen und beurteilen konnte. In Gesprächen ließ er sich oft Zeit, bis er äußerte, wie er zu einer Frage stand. Erkannte er aber etwas als notwendig, dann nahm er sich der Sache an, bearbeitete sie mit aller Akribie und Willenskraft und blieb der Aufgabe treu, auch wenn es Jahre dauerte, wie etwa die Verabschiedung der Leitlinien für die Zusammenarbeit der Freien Waldorfschulen Deutschlands in der 31. Lesung!

Landl stellte seine privaten Belange stets hinter die von ihm ergriffenen Aufgaben. Er untersagte sich persönliche Eitelkeiten oder Machtausübung. Ärgerlich wurde er nur, wenn die Aufgabe, der er sich mit aller Kraft widmete, nicht genügend gewürdigt bzw. in ihrer Notwendigkeit von anderen nicht so anerkannt wurde, wie von ihm.

Schließlich wurde er zum Präsidenten des European Council for Steiner Waldorf Education (ECSWE) gewählt. Von seinen engsten Mitarbeiter:innen und Vorstandskolleg:innen wurde er zum Ende seines Lebens und Wirkens als jemand beschrieben, der die Führung aus dem Hintergrund auf eine sanfte, warmherzige, kooperative und besonnene Art beherrschte.

Ich schaue dankbar auf die Zusammenarbeit mit Richard Landl zurück. In Erinnerung behalten werde ich ihn als einen »Großen«, der seinen Schicksalsweg mit willensbetonter Zielstrebigkeit gegangen ist und bis zu seinem letzten Erdentag treu und warmherzig der Waldorfschulbewegung gedient hat.

Autorin: Birgitt Geringhoff-Beckers, Jahrgang 1955, seit 32 Jahren Klassenlehrerin an der FWS Haan-Gruiten, sieben Jahre Mitarbeit im Sprecherkreis der ArGe-NRW, von 2002 bis 2014 Mitglied im Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen, seit 2015 Mitglied im Aufsichtsrat der Hannoverschen Kassen. Kontakt: birgitt.beckers(at)gmx.de

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