Spielplätze sind eine Bankrotterklärung der Gesellschaft

März 2019

Bernhard Hanel ist ehemaliger Schüler der Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart. Er kommt aus einer Waldorffamilie, sein Vater hat die Michael-Bauer-Schule mitbegründet und unterrichtete die erste Förderklasse. Zusammen mit Robin Wagner rief er die Firma »KuKuk – Spiel- und Sinnesräume« ins Leben, die mit weltweiten Projekten mittlerweile 6 Millionen Euro im Jahr umsetzt. Aber das ist nicht alles.

Konstruktionsansicht des »Ceratit«, Vorderseite mit farbigen Scheiben

»Ceratit«-Nachbildung auf den »Spielwelten« Landesgartenschau Würzburg 2017 (Rückseite)

In der Favela Monte Azul in Sao Paulo

Mit einfallsreichen Mitteln in Kathmandu

Baumhäuser auf der Insel Mainau

Erziehungskunst | Wie entstand Kukuk?

Bernhard Hanel | An der Freien Hochschule in Metzingen habe ich Robin, meinen Geschäftspartner, kennengelernt. Wir hatten die Idee, ein Büro für Kunst- und Kultur-Konzeption zu begründen. Uns ging es um Kunst. Wir gaben Bücher heraus, veranstalteten Tagungen und Ausstellungen im Bereich zeitgenössischer Kunst.

EK | Wann kamen dann die Spielplätze?

BH | Die Gemeinde Metzingen fragte an, ob wir für die Sieben-Keltern-Schule den Schulhof gestalten könnten. Der Baubürgermeister hatte Lust auf etwas Anderes. Das war spannend. Wir begannen – zunächst massiv dilettantisch und trotzdem haben sich die Zeitungen auf uns gestürzt. Das Projekt sprach sich in den Nachbargemeinden herum. Nebenher unterrichteten wir: Robin in Schwäbisch Hall an der Kunsthochschule und ich Kunstgeschichte an der Waldorfschule Gutenhalde und Tanzen an verschiedenen Waldorfschulen. Dann kam ein großes Projekt in Ravensburg, zwei Schulhöfe. Es war eine Brennpunktschule, und da wollte man wissen, wie sich das auswirkt, wenn ein Schulhof komplett verändert wird. Die Ergebnisse waren sehr positiv. Die Kinder zeigten ein völlig verändertes Pausen- und Unterrichtsverhalten. Das Projekt wurde sogar von der Hochschule in Weihenstephan wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Das kann man alles nachlesen. Aber wir waren einfach nur Künstler. Als Nicht-Architekten konnten wir ein solch großes Projekt nicht mehr allein verantworten. Wir hatten keine Ahnung von Statik und HOAI-Abrechnungen. Wir haben uns gesagt: Wir machen weiter und haben den ersten Architekten eingestellt.

EK | Und dann ging es Schlag auf Schlag so weiter?

BH | Ja, für Kommunen, die öffentliche Hand. Wir waren fünf, sechs Leute. Bernwart Engelen kam dazu, und wir haben aus der GbR eine GmbH gemacht. Heute lebt Bernwart in Kanada und verantwortet die KuKuk-Box, das sind mobile Spielplätze an wechselnden Einsatzorten. Wir hatten Glück, dass dann Susanne Auwärter-Brodbeck, die ehemalige Neoplan-Chefin, zu uns kam. Sie hatte ihre Kinder im Waldorfkindergarten Stuttgart-Sonnenberg. Jetzt war sie unsere kaufmännische Geschäftsführerin. Robin und ich sind beide Künstler, wir haben nur bedingt Ahnung von Geld.

EK | Also eine kleine Gruppe von acht Menschen, die Projekte, eines größer als das andere durchführte. Wann kam der große Sprung?

BH | Bis dahin hatten wir nur geplant. Wir waren zwar oft bei der Ausführung dabei, aber die großen Sachen haben andere Firmen gemacht. Wir waren aber nie zufrieden – Künstler eben. Dann haben wir gesagt: Wenn die es nicht so hinbekommen, wie wir wollen, müssen wir es selber machen.

EK | Das heißt, Sie sind dann vor Ort, mit einem Montagetrupp, Geräten, Maschinen, Lkws?

BH | Inzwischen stehen rund 60 Leute bei uns in Brot und Lohn und wir setzen etwa sechs Millionen Euro im Jahr um. Inzwischen machen Waldorf-Auftraggeber vielleicht nur noch zehn Prozent aus. Viele kommen aus dem kommunalen Bereich, auch aus dem Tourismus. Wir arbeiten für Bundes- und Landesgartenschauen und Freizeitparks. Im Moment haben wir mindestens sechs Baustellen gleichzeitig, in Deutschland, in der Schweiz, aber auch Schweden, Frankreich, Belgien und in den Niederlanden.

EK | Es fing ja mit den bunten Holzstämmen an. Dann Eichhörnchen-Koben, Häuschen mit versetzten Brettern und schiefen Dächern ... ein bisschen wie bei den Hobbits. Was war der künstlerische Ansatz?

BH | Wir haben keinen Katalog und versuchen uns so wenig wie möglich zu wiederholen. Jeder Ort und auch die Menschen an dem Ort sind ja sehr, sehr unterschiedlich. Darauf wollen wir eingehen und reagieren. Da wir fast alles vor Ort bauen, können wir immer noch im Prozess reagieren. Das ist dann der künstlerische Prozess, den wir noch aus unserem Kunststudium in die jetzige Arbeit herüberretten konnten.

EK | Wie hat sich Kukuk weiterentwickelt?

BH | Wir begannen Außenräume für Kliniken, für Kindergärten, für therapeutische Einrichtungen zu gestalten. Dann kamen Naturerlebnisräume, Naturlehrpfade im Wald, diese Sanfter-Tourismus-Geschichten, Sinneslehrpfade und so weiter dazu, wie im Welzheimer Wald. Oder wir legen Bergpfade in der Schweiz an. Eigentlich ist es paradox: Es reicht nicht mehr einfach, in die Natur zu gehen, sondern es braucht noch den Anreiz, sich auf sie einzulassen. Wir bauen sogar Spielplätze auf Bergstationen, da denke ich oft: Ihr habt doch schon den schönsten Spielplatz, den es gibt. Das ist schon absurd. Die Projekte werden immer größer und umfassender. Nicht mehr nur das Spielgerät, die Hölzer, die in den Boden gesteckt werden, sondern ganze Komplettkonstruktionen. Für die Kinderklinik in Maulbronn haben wir zum Beispiel den kompletten Außenraum unter therapeutischen Gesichtspunkten gestaltet.

EK | Wie behält man da den Überblick?

BH | Ich habe den nicht! Robin und ich haben die Geschäftsführung abgegeben, weil wir gemerkt haben, wir können im eigentlichen Sinne keine Geschäfte führen. Was wir können, ist das Künstlerische oder das Impulsieren, vor allem auch die Arbeit mit den Kunden macht Spaß. Und die besten Ideen-Tester sind meine Kinder.

EK | Es ging also steil aufwärts …

BH | Ja, eine steile Kurve. Vor zwei Jahren erreichten wir einen wichtigen Punkt. Wir teilten die KuKuk-Familie in vier Bereiche auf: Das Planen und Bauen mussten wir aus rechtlichen Gründen auseinandernehmen. Als Planer darf man in Deutschland nichts, oder nur in speziellen Fällen ausführen. Der andere Grund war, dass wir noch viel mehr als Planer wahrgenommen werden wollten. Die Schweizer Auftraggeber wollten eine Schweizer Firma, also wurde sie gegründet. Der »Freiflug« ist das Herz, denn da wird alles geplant. Die KuKuk-GmbH führt nur aus, mit Motorsäge, Pinsel und Holz.

EK | Dann gibt es auch noch die »KuKuk-Box«.

BH | Ja, sie wurde für die Caritas Schweiz entwickelt.

Sie wollte einen Spielplatz für Krisengebiete, der einfach und schnell transportierbar sein musste – ausbauen, aufklappen und funktionieren. Die meisten werden aber von Schulen und Gemeinden, die eine Zwischenlösung brauchen, aber auch als klassische Spielpunkte genutzt.

So ein Container kostet komplett eingerichtet zwischen 20.000 und 30.000 Euro. Darauf haben wir sogar ein Gebrauchsmusterschutz.

EK | Dann gibt es die sozialen Spielraumprojekte für Kinder und Jugendliche in Krisengebieten ...

BH | Ja, das ist in gewisser Weise mein Lieblings-KuKuk, alles mit Drittmitteln finanzierte Projekte, in Nepal, Mazedonien, Kosovo, Bosnien, Libanon, Brasilien, Nigeria, Hanoi. Über diesen Verein führen wir auch Klassenfahrten durch. Das fing ganz klein an, mittlerweile laufen 10 bis 14 Projekte im Jahr, Klassenfahrten und Jugendfahrten mit allen Schularten. Bei diesen Fahrten nehmen wir Jugend­liche, meist Zwölftklässler mit, was ihnen große Freude bereitet, weil sie das Gefühl haben, dass ihr Tun Sinn macht. Bei Interesse für so eine Sozialfahrt kann man sich gerne bei uns melden.

EK | Was feuert Sie bei der Arbeit an und welche Themen beschäftigen Sie?

BH | Mein Lieblingsthema ist: Spielen. Das ist meine Herzensangelegenheit. Wir bauen ja weltweit Spielräume mit dem Verein, sowohl in den Favelas in Sao Paulo als auch in Nepal, im Irak, in Nigeria – überall, wo es Kinder noch sehr viel mehr brauchen als hier bei uns in Mitteleuropa. Ich fahre leider schon lange nicht mehr überall hin, das schaffe ich nicht, aber ich fahre immer wieder mal.

Das große Phänomen ist ja, egal wo du bist – ob in Mazedonien, Moldawien, Brasilien, Nepal oder Indien: Die Kinder spielen immer gleich. Spielen ist ein weltübergreifendes Phänomen. Sie haben andere Sachen, mal nur PET-Flaschen, mal tolles Spielzeug, aber der Impuls, die Welt kennenzulernen, lebt sich spielerisch aus. Das ist ein menschlicher Urimpuls.

Ein Kind im syrischen Kriegsgebiet hat zum Beispiel komplett dichtgemacht. Es ist traumatisiert, in seinem Urvertrauen so gestört, dass keine menschliche Begegnung möglich ist. Du musst versuchen, ihm Raum, Schutzraum zu geben. Da fühlt es sich geborgen und öffnet sich wieder  … Oder ein anderes Beispiel: Wir wurden gerade vom Goethe-Institut in Hanoi angefragt. Es ist eine verzweifelte Geschichte: Die Kinder spielen nicht mehr und sind teilweise nicht mehr zu unterrichten.

Das ist es, was mich an der Arbeit so motiviert. Räume zu schaffen, in denen Kinder sich wohl fühlen und möglichst gesund ihre Biographie beginnen können.

EK | Gibt es auf diesem Gebiet auch eine Zusammenarbeit mit Schulen?

BH | Wir hatten und haben immer wieder Projekte an Schulen, zum Beispiel mit der bekannten Helene-Lange-Schule in Wiesbaden. Als ich einmal in einem Workshop Lehrer gefragt habe: »Wie wünschen Sie sich – aus dem bestehenden Raumkonzept heraus – Ihre Schule?«, da hat sich die Kurzzeitigkeit des Unterrichts als ein Riesenproblem herausgestellt. Eine Französisch-Lehrerin hat gesagt: »Ich hätte so gerne einen Pavillon, den ich wie ein französisches Café einrichten würde, wo ich meinen Raum hätte. Mir fällt es so schwer, wenn ich in einen Raum komme, wo vorher zum Beispiel eine nicht gelungene Mathestunde stattfand. Bis ich den Raum atmosphärisch aufgearbeitet habe, ist die Stunde schon wieder vorbei.« Also diese ganze Rhythmik-Frage! Schulen müssen zu Lern- und Lebensorten werden, die sich in einer völlig anderen Art organisieren.

EK | Das heißt, Schule ist immer noch viel zu viel traditionell?

BH | Ja. Und dieses System lässt sich nicht reformieren. Reformieren heißt ja, aufzubauen auf dem, was da ist. Es lässt sich nur grundlegend ändern.

EK | Wie könnte das aussehen? Bezieht sich das auf neue Raumkonzepte, eine neue Architektur?

BH | Nicht nur, sondern vielmehr auf die ganze Art des Unterrichtens. Martin Kramer vom Mathematischen Institut in Freiburg unterrichtet zum Beispiel Mathematik im Wald. Dort lässt sich das Rechnen viel besser verstehen, weil alles in der Natur vorhanden ist. Er sagt: Ich brauche kein Klassenzimmer, um Mathematik zu machen. Im Wald verbinden sich die Schüler inhaltlich viel stärker, weil sie etwas erleben und wissen warum.

EK | Was könnte man aus Ihrer künstlerischen Sicht den Schulen und Kindergärten als Perspektive an die Hand geben?

BH | Es gibt zwei Geschichten, die zentral wichtig im Vorschul- und Kindergartenalter sind. Dass ich Elementarräume schaffe – deswegen haben wir auch den Living Circle (www.livingcircle.de) mit gegründet. Wir wollen zeigen: Was sind die elementaren Kreisläufe des Lebens? Wo kommt zum Beispiel das Wasser her? Woher die Wärme? All die Kreisläufe, die normalerweise in den Bauten versteckt sind. Dafür müsste in den Kindergärten und in den Schulen eine viel größere Offenheit vorhanden sein. Krass gesagt: Eine Legehennenhaltung, wie wir sie teilweise in den Schulen immer noch haben, ein Einkasernieren erschwert das Lernen doch sehr. Es muss verschiedene Lern- und Erlebnisinseln geben. Einige Schulen werden mehr und mehr wach dafür, dass Lebensräume entstehen, in die die Kinder und Jugendlichen eintreten, die ihnen eine konkret anschauliche, unmittelbar eingängige Perspektive vermitteln. Das Wissen, das Lernen läuft nebenher, das steht nicht im Zentrum.

EK | In welche Richtung soll Kukuk weiterentwickelt werden?

BH | Der Bereich Naturräume soll weiter ausgebaut werden. Erste Leitfrage ist: Wie kann eine sinnvolle Begegnung mit der Natur stattfinden? Zweite Leitfrage: Unter welchen Bedingungen können Kinder gesund aufwachsen? In Zukunft wird es immer wichtiger werden, dass wir der heranwachsenden Generation einen gesunden Start in die Biografie ermöglichen. Ich wüsste jetzt keine wichtigere Aufgabe, denn wir werden für diesen Start kein einfach bestelltes Feld hinterlassen.

EK | Wie kann das im urbanen Raum umgesetzt werden?

BH | Ich hielt einen Vortrag vor Stadtplanern zum Thema »Die bespielbare Stadt«. Vor diesem Publikum klingt es natürlich paradox, wenn ich behaupte, Spielplätze sind eine Bankrotterklärung der Gesellschaft. Es sind Kinder-Spiel-Ghettos. Der Gesamtlebensraum ist kinderfeindlich. Spielplätze zeigen: Es ist versäumt worden, dass die Kinder – was sie eigentlich sollten – ihre Kreise von ihrem Lebensmittelpunkt aus langsam selber erweitern, also spielend, wo auch immer sie sind. Ein urbaner Raum muss eigentlich so sein, dass ein Kind immer und überall spielen kann. Das ist auch das Grundproblem der Schule: Sie darf niemals abgesondert sein, sondern muss in die natürliche Umgebung des Kindes eingebettet sein. Stattdessen kommt noch ein Zaun um die Schule und Security-Leute bewachen die Eingänge. Wir separieren alle Lebensbereiche, und Spielplätze sind ein besonderes Ghetto.

EK | Gibt es schon konkrete Pläne in diese Richtung?

BH | Ich war jetzt gerade wieder bei Herbert Dreiseitl, einem Architekten aus Überlingen. Wir wollen ein Symposium veranstalten zu der Frage: Wie kann ich Urbanität lebenswert gestalten? Auch die großen Städteplaner sind sich alle sicher, dass diese Mega-Citys spätestens mit dem Klimawandel in 15 bis 20 Jahren zusammenbrechen. Sie sind klimatisch nicht zu halten. Spielplätze, auch wenn sie »echte« Erlebnisse bereithalten, sind den ganz großen Fragen gegenüber nur ein Feigenblatt, das die wirklich großen Probleme verdeckt.

Das Gespräch führte Mathias Maurer

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