Waldorf, Anthroposophie, die Grünen und mehr

November 2021

Henning Kullak-Ublick war 26 Jahre lang Waldorflehrer in Flensburg (1984-2010), Vorstandsmitglied und Sprecher des Bundes der Freien Waldorfschulen (2004-2021) und Mitgründer der Partei Die Grünen.

Erziehungskunst | Zur großen Feier in Berlin zum hundertjährigen Jubiläum der Waldorfschulen 2019 äußerten sich auch zahlreiche Politiker wohlwollend-kritisch. – Ursprünglich Arbeiterschule der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, heute Kuschel-Gymnasium für das gehobene Bildungsbürgertum?

Henning Kullak-Ublick | Das hängt von der Perspektive ab. Die Waldorfpädagogik ist ihrem Wesen nach inklusiv, in jeder Beziehung. Aber leider erschweren die Schulge­setze immer noch einen vom Einkommen unabhängigen Zugang zu freien Schulen, weil sie ohne Schulgeld gar nicht überleben könnten. Das schafft Hemmschwellen, die nicht immer leicht zu überwinden sind. Da sind wir politisch gefordert.

Der Kampfausdruck »Kuschelpädagogik« entstammt einem total reaktionären Leistungsbegriff, der einzig und allein auf Noten, standardisierte Abschlüsse oder Versetzungen starrt – also auf Selektion, das Gegenteil von Päda­gogik, die natürlich immer auch differenziert. Waldorfpädagogik aktiviert die Willenskräfte der Kinder und hilft ihnen, diese Kräfte selbstständig im Handeln und Denken einzusetzen. Dafür braucht es nicht nur kognitive Fächer, sondern auch Handwerk, bildende Künste, Musik, Eurythmie und Theater. Das sind keine »Kuschelfächer«, sondern Herausforderungen. Sie regen systematisch zu individuellen und gemeinsamen Leistungen an, für die sich die Schüler körperlich, emotional, sozial und intellektuell permanent übend anstrengen müssen.

EK | Ein weiterer medial verbreiteter Vorwurf: Ihr Begründer Rudolf Steiner sei Rassist und Antisemit gewesen und die Waldorfschulen würden von den Rechten unterwandert. – Stimmt diese Behauptung?

HKU | Es gibt Äußerungen Rudolf Steiners, die ohne Frage rassistisch diskriminierend sind. Die finden sich zwar nur an einigen Stellen in seinem Gesamtwerk, sind aber so verletzend, dass man sich davon heute nur distanzieren kann. Das haben die Waldorfschulen mit ihrer »Stuttgarter Erklärung« 2007 und erneut 2020 getan.

Wenn man Steiner auf diese Textpassagen reduziert, kann man daraus tatsächlich eine völkische oder rassistische Weltsicht ableiten, was einige seiner Kritiker – und leider auch manche Protagonisten rechtsextremer Strömungen – tun. Dazu müssen allerdings beide – die Kritiker und die Vereinnahmer – Kernelemente seines Lebenswerks komplett ausblenden, z.B. die »Philosophie der Freiheit« und weitere grundlegende Schriften oder seinen Einsatz für eine freiheitlich-demokratische, solidarische Gesellschaft. Die Anthroposophie fußt auf einem unerschütterlichen Glauben an die individuelle Würde und die Entwicklungsfähigkeit jedes einzelnen Menschen. Deshalb ist Steiner für mich trotz seiner verbalen Entgleisungen kein systematischer Rassist, sondern einer der großen Humanisten des 20. Jahrhunderts. Das entschuldigt nichts, es rückt aber die Perspektive zurecht.

Dass die Waldorfschulen von Rechten unterwandert werden, ist totaler Quatsch. Unterwanderungsversuche werden nirgendwo hingenommen. Dass die Zunahme politischer Extreme auch vor unseren Toren nicht Halt machte, hat uns allerdings zunächst kalt erwischt. Es gab sogar vereinzelt Lehrer, die sich als rechtsextrem entpuppten, aber denen wurde, soweit mir bekannt ist, in jedem einzelnen Fall gekündigt.

EK | Ist die Anthroposophie eine verbindliche Weltanschauung für die Lehrer?

HKU | Ohne die Anthroposophie gäbe es keine Waldorfpädagogik. Deshalb muss aber niemand irgendwelche Bekenntnisse ablegen. Wer die Anthroposophie oder die Waldorfpädagogik als geschlossene Systeme auffasst, hat ihr Prinzip nicht verstanden: Es geht immer um die Entwicklung, um die Sensibilisierung und Erweiterung der eigenen Wahrnehmung, um das Bilden lebendiger Begriffe und um eine gesteigerte Begegnungsfähigkeit mit den Kindern, den anderen Menschen und mit der Welt.

EK | Und für Sie persönlich?

HKU | Ich habe die Anthroposophie als einundzwanzigjähriger Hippie kennengelernt, der alles las, was ihm in die Hände kam, von Yogananda über Castañeda bis zu Timothy Leary. Dann musste ich ins Krankenhaus, ging nach Herdecke und las dort auf Anregung einer alten Dame zuerst Steiners »Theosophie«, dann die »Geheimwissenschaft im Umriss«. Ich saugte diese Bücher auf, weil sie keine esoterischen Allgemeinplätze enthielten, sondern zu konkreten Denkerfahrungen anregten.

Damals lernte ich auch Joseph Beuys und die Dreigliederungs-Szene kennen, ohne zu ahnen, wie eng sie mit­einander verflochten waren. Die Anthroposophie war für mich immer ein zentraler Quell der Kraft. Ihr verdanke ich als Lehrer unendlich viel, weil sie mir half, das Rätsel jedes einzelnen Kindes zu respektieren und lieber an mir selbst zu arbeiten als herumzulamentieren.

EK | Ihr Vater war Diplomat, Sie wurden in Südamerika geboren. Haben ihre Kindheitserfahrungen Ihren Lebensweg beeinflusst?

HKU | Ja, ganz bestimmt! Ich durfte dadurch schon als Kind viele Kulturen, Religionen, Gebräuche und Sprachen mit allen Sinnen aufnehmen, wovon ich bis heute zehre. Allerdings hatte ich nie eine Heimat im Sinne eines Ortes, an dem ich verwurzelt war. Diese Heimat­losigkeit, verbunden mit ein paar sehr einsamen Zeiten als Internatsschüler, bewirkte, dass ich selbst herausfinden musste, wohin ich gehöre. Dafür bin ich meinem Schicksal dankbar. Und schließlich gehört zu dieser geschenkten Weltkindheit, dass ich mich heute mit der Schulbe­wegung auf der ganzen Welt verbunden fühle.

EK | Hier in Deutschland haben Sie ökologische Landwirtschaft studiert. Warum galt nun der Erde Ihr Interesse?

HKU | Nach einer ziemlich wilden Zeit in London, wo ich mein Abitur gemacht hatte, ging ich auf einen Hof, um wieder auf die Erde herunterzukommen. Nach meinem Landwirtschaftsstudium war ich auf dem Demeter-Hof Eichwerder in Ostholstein, um dort praktisch zu arbeiten. Damals nahm die Öko­bewegung gerade Fahrt auf, überall entstanden Land­kommunen und außerdem die Friedensbewegung. Die Arbeit auf dem Hof half mir, zu verstehen, wie anders die Welt sich anfühlt, wenn man etwas tut, woran man glaubt, anstatt sie nur anzuschauen und an ihr zu verzweifeln.

EK | Dann haben Sie sich der Politik zugewandt: 1980 waren Sie Mitbegründer der Grünen, engagierten sich für Direkte Demokratie und die Aktion mündige Schule. Warum?

HKU | Dass die Welt droht, aus den Fugen zu geraten, war damals schon klar. Politisch ging es mir immer um Partizipation, die Verantwortungsfähigkeit und -bereitschaft jedes Menschen. Durch meine Begegnungen mit Beuys und den damaligen Anthro-Revoluzzern rund um das Kulturzentrum Achberg setzte ich mich für die Direkte Demokratie ein, die heute immerhin in den Landesver­fassungen aller Bundesländer verankert ist. Die Aktion mündige Schule entstand, als wieder einmal die Finanz­hilfen für die freien Schulen in Schleswig-Holstein gekürzt werden sollten. Wir starteten die Volksinitiative »Schule in Freiheit« und sammelten doppelt so viele Unterschriften als nötig. Wie es dann weiterging, ist ein Krimi für sich, jedenfalls führte es dazu, dass wir von den Fraktionen in den nächsten zehn Jahren immer gefragt wurden, wenn es um bildungspolitische Themen ging.

EK | Nach 17-jähriger Vorstandstätigkeit beim Bund der Freien Waldorfschulen sind Sie dieses Jahr in Ruhestand getreten: Was schreiben Sie Ihren Nachfolgern ins Stammbuch?

HKU | Manchmal habe ich auf die Frage, was man als Bundesvorstand so macht, geantwortet: Ich bin einer von denen, vor denen ich meine Kinder immer gewarnt habe – ein Funktionär. Das Problem liegt aber gar nicht im Vorstand, in dem wirklich wahnsinnig viel, konzentriert und verantwortungsbewusst gearbeitet wird, sondern in der Größe unserer Schulbewegung. Bei uns steht und fällt alles mit der Begegnung. Die ist unsere größte Stärke, wenn sie gelingt – und unsere größte Schwäche, wenn sie nicht gelingt.

Ich will meinen Nachfolgern nichts ins Stammbuch schreiben, aber ich wünsche ihnen und unserem Bund, dass sie viele Begegnungen mit den Eltern, Lehrern, Kindern und den lebendigen Schulorganismen haben. Ansonsten drücke ich ihnen die Daumen, dass sie inspiriert zusammenarbeiten können.

EK | Was war Ihr größter Erfolg, woran sind Sie gescheitert, was bleibt offen?

HKU | Wenn ich mit etwas Erfolg hatte, dann war das immer ein Gemeinschaftswerk. Für mich persönlich waren die Jahre zwischen 2014 und 2019 in gewisser Weise die Krönung meiner beruflichen Laufbahn, weil es uns erstmals gelungen ist, durch Waldorf 100 ein weltweites Bewusstsein für die Waldorfpädagogik zu schaffen. Ein Highlight war natürlich die Feier im Berliner Tempodrom, noch wichtiger waren aber die vielen pädagogischen Initiativen, die durch Waldorf 100 rund um die Welt entstanden sind.

2020 dann der totale Gegenschlag. Während sich Corona ausbreitete, wurde es immer schwieriger, überhaupt noch irgendetwas zu sagen, ohne dass sich jemand ereiferte. Zugleich fühlte ich mich dafür verantwortlich, den Schulen angesichts einiger absurder Auftritte von waldorfnahen Leuten in der Öffentlichkeit, die von den Medien natürlich begeistert aufgegriffen und immer wieder recycelt wurden, den Rücken freizuhalten. Dadurch musste ich vereinfachen, manchmal vermutlich auch mehr als nötig. Dieses Jahr war für mich der absolute Tiefpunkt: »Der Vorhang fällt und alle Fragen offen!«

EK | Unvorstellbar, dass Sie jetzt Ihre Zeit im Strandkorb auf Sylt verbringen: Was tun Sie heute und was haben Sie vor?

HKU | Eine meiner Töchter hat mir erst einmal »Family First« ans Herz gelegt. Ansonsten bin ich noch bei den Freunden der Erziehungskunst und der Internationalen Konferenz der Waldorfbewegung tätig. Es gibt auch Anfragen für Vorträge und dergleichen, worüber ich mich natürlich freue. Und angesichts all der Dinge, die diese wunderbare Welt von uns erhofft, werden mir die Ideen sicher nicht so schnell ausgehen.

Das Interview führte Mathias Maurer

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