»Wir bieten keine One-Size-Fits-All-Ausbildung«

Von Heib Zahn, Henning Pätzold, Oktober 2010

Professor Henning Pätzold, Dozent an der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik in Mannheim, die sich zur Zeit im staatlichen Anerkennungsverfahren befindet, im Gespräch mit Dirk Heib, Klassenlehrer, und Gabriel Zahn, Geschäftsführer, beide von der Freien Waldorfschule Westpfalz in Otterberg.

Henning Pätzold

Heib Zahn | Herr Pätzold, wie wird man Waldorflehrer?

Henning Pätzold | Man erwirbt zum Beispiel die allgemeine Hochschulreife und schließt ein in der Regel fünfjähriges Bachelor/Master-Studium zum Waldorflehrer an. Dann geht man in eine Waldorfschule und wird entweder in einem Praxisjahr einen erfahrenen Kollegen begleiten oder gleich eine Klasse übernehmen. Das ist aber nur ein Weg. Man kann auch Waldorflehrer werden, indem man ein anderes Studium absolviert hat und dann eine waldorfpädagogische Zusatzqualifikation erwirbt. Oder man kann Waldorflehrer werden, wenn man nicht studiert, sondern praktische Fähigkeiten erwirbt, zum Beispiel im Rahmen einer Berufsausbildung. Die Lehrerbildungseinrichtungen sind da unterschiedlich offen. Es gibt berufsbegleitende Kurse, es gibt Vollzeitkurse, das Angebot ist breit.

HZ | Was kann man in einem Studium lernen, das einen dafür qualifiziert, Kinder zu unterrichten?

HP | Genau das: Man lernt, Kinder zu unterrichten! Man erwirbt auch eine fachliche Qualifikation, aber ein Lehrer unterrichtet nicht in erster Linie Englisch, Deutsch oder Geschichte, sondern Kinder. Und da liegt auch der Schwerpunkt des waldorfpädagogischen Studiums. Dazu gehört die wissenschaftliche Pädagogik, eine künstlerische Ausbildung – wir sprechen nicht umsonst von der Erziehungskunst –, eine gewisse Didaktik und natürlich auch das Fachliche. Aus diesen vier Säulen setzt sich das waldorfpädagogische Studium zusammen.

HZ | Wer sollte Waldorflehrer werden? Was muss man mitbringen?

HP | Das klingt nach der Einkaufstasche, in die wir noch ein bisschen was reintun und dann ist man fertig und ein guter Lehrer. Das können wir als Hochschule nicht. Jeder Lehrer, der seine Arbeit ernst nimmt, weiß, dass er sich entwickelt und ständig dazulernt. Auf diese Lernbereitschaft setzen wir. Man darf nicht der Illusion verfallen, dass man irgendwann ausgelernt hätte. Das halte ich für das Wichtigste.

Dazu kommt, dass man ein wirkliches Interesse an dieser Aufgabe haben sollte! Natürlich gehören auch Fähigkeiten dazu, von denen man in der Regel ziemlich schnell merkt, ob man über sie verfügt oder nicht. Kann man andere Menschen in ihrer Eigenheit wahrnehmen, ohne sie unmittelbar zu ver- oder beurteilen? Ein Lehrer muss das Kindern gegenüber können.

HZ | In der Waldorfpädagogik heißt es, »das Kind ist der Lehrplan«. Auf der anderen Seite gibt es ein universitäres Studium mit einem eigenen Studienplan bis zum Master. Ist das kein Widerspruch?

HP | Was einen in Mannheim nicht erwartet, ist die »One-Size-Fits-All«-Ausbildung, wo man am Schnürchen durch die Kurse gezogen wird und am Ende als fertiger Waldorflehrer rauskommt. Wenn wir den Studierenden ein Korsett umbinden würden, dann wäre das eine ziemlich fürchterliche Zurichtung für den Lehrerberuf.

Die Universitäten sind seit jeher der Ort, an dem Freiheit gelebt wird, an dem man alles denken und alles besprechen kann, ohne schon für den Gedanken bestraft zu werden. Es muss möglich sein, über alle Dinge zu sprechen, alle Dinge in Frage zu stellen. Was in diesen Auseinandersetzungen gewinnen sollte, ist das bessere Argument und die Kraft der individuellen Überzeugung. So gesehen, kann ein Bachelor- oder Master-Studium sehr viel Raum für Freiheit bieten. Aber Freiheit ist nichts, was man bekommt, Freiheit muss erworben werden. Unsere Studentinnen und Studenten suchen Freiräume und finden sie auch.

HZ | Das klingt, als ob in Mannheim die Persönlichkeits­bildung im Vordergrund stünde.

HP | Jede Lehrerausbildung muss eine persönlichkeitsbildende Ausbildung sein. Es ist wichtig, das wahrzunehmen, nicht zuletzt weil der Lehrer nur als gereifte Person den Kindern Vorbild sein kann.

HZ | Muss man, um Waldorflehrer zu werden, Anthroposoph sein?

HP | Wenn man der Meinung ist, die Anthroposophie und das Werk Steiners hätten der Gegenwart nichts zu sagen und seien eigentlich nur eine philosophiegeschichtliche Fußnote, dann sollte man nicht Waldorflehrer werden. Aber man kann im Werk von Steiner, in den weiteren Quellen zu Steiner und in der Anthroposophie Anregungen und Anstöße zu Fragen finden, die auch mit der Gegenwart zu tun haben, die man durch eigene Forschung und eigene Erkenntnisarbeit immer wieder neu zu beantworten hat. Dann befindet man sich auf der klaren  Linie einer sozial- und geisteswissenschaftlichen Betrachtungsweise der Welt und bringt damit in der Tat eine gute Voraussetzung mit, Waldorflehrer zu werden.

HZ | Man hört immer wieder die Sorge, dass man sich im Studium ausschließlich mit Rudolf Steiner und seinen Texten befasse. Aber auch das Gegenteil wird befürchtet, nämlich dass gar keine Steiner-Texte mehr gelesen werden. Was trifft denn nun zu?

HP | Beides wäre problematisch. Die Texte von Rudolf Steiner sind alte Texte, was bedeutet, dass sie allein schon von der sprachlichen Diktion her erarbeitet werden wollen und nicht einfach so gelesen werden können. Es wäre ein ziemlich merkwürdiges Studium, in dem man nur auf Primärquellen, also von Steiner selbst geschriebene Werke zurückgreifen würde. Das gilt ja auch für andere Studiengänge. Es gibt selbstverständlich auch Dinge, die in der Wissenschaft und in der Pädagogik vor, nach oder neben Steiner passiert sind, die zur Kenntnis genommen werden müssen. Und es ist ein Merkmal des Studiums an der Freien Hochschule Mannheim, dass der allgemeinen pädagogischen Diskussion ein angemessener Platz eingeräumt wird.

HZ | Werden an ihrer Hochschule auch Klausuren geschrieben und Prüfungen abgelegt?

HP | Es gibt zwei weit verbreitete Vorurteile: Dass man an Waldorfschulen keine Prüfungen macht, sondern alle Studenten »durchwinkt«, und dass Prüfungen dazu da wären, festzustellen, wen man vorbeilassen darf und wen man aufhalten muss. Beides ist falsch.

Es gibt an Waldorfschulen und bei uns an der Hochschule selbstverständlich Prüfungen. Aber sie dienen nicht dazu, die »Richtigen« von den »Falschen«, die »Guten« von den »Schlechten« oder die »Wahren« von den »Unwahren« zu unterscheiden. Prüfungen sind dazu da, festzustellen, was jemand kann, über welche Fähigkeiten jemand verfügt und was er noch lernen sollte. Wenn sich durch Prüfung erweist, dass jemand nicht in der Lage ist, bestimmte Fähigkeiten zu erwerben, die unerlässlich sind für den Lehrerberuf, dann werden wir und diese Person vermutlich übereinstimmend zu der Einschätzung gelangen, dass sie besser einen anderen Beruf wählen sollte. Genauso wie jemand, der an Flugangst leidet, nicht Pilot werden sollte.

HZ | Sie sind erst seit kurzem an der Freien Hochschule Mannheim, vorher waren Sie in Kaiserslautern an der Universität. Worin liegen die Vorteile der Mannheimer Hochschule gegenüber einem »normalen« universitären Studien­gang?

HP | An der Freien Hochschule in Mannheim können Studenten die Lehraufgabe auch als eine künstlerische Aufgabe erleben. Viele schätzen, dass man in der Lehrerbildung der Waldorfpädagogik seit jeher einen sehr hohen Anteil an Praktika hat, vollgepackte, bereichernde und manchmal sehr anstrengende Praktika, etwa ein Landwirtschaftspraktikum, das bei uns zur grundständigen Ausbildung gehört. Ein angehender Lehrer sollte nicht nur die Schulen und die Schüler kennen, er sollte auch darüber hinaus schauen und soziale und künstlerische Erfahrungen sammeln.

HZ | Was fasziniert Sie am Berufsbild des Waldorflehrers?

HP | Der Waldorflehrerberuf, insbesondere der des Klassenlehrers, ist etwas Besonderes. Bis zu acht Jahre ist der gleiche Lehrer mit den gleichen Schülern zusammen. Das ist eine Herausforderung! Ich habe mich oft gefragt, welcher Wert dieser Herausforderung gegenüber steht. Das staatliche dreigliedrige und teilweise viergliedrige Schulwesen hat einen Webfehler: Lehrer und Schüler können einander loswerden. Die Möglichkeit, dass man sich  leicht voneinander trennen kann, führt dazu, dass man sich nicht genötigt sieht, das Letzte auszuprobieren. Aber das Letzte auszuprobieren, ist manchmal wichtig, denn es geht ja um die Entwicklung von Kindern, und diese hat immer mit Grenzsituationen zu tun. Das Klassenlehrerkonzept gibt einem die Chance, in diesen Situationen durchzuhalten, mit dem Wissen, dass man vom Kollegium, von den Eltern und von der sozialen Kraft der Klasse getragen wird. Ich glaube, das ist keine bequeme Aufgabe. Aber es ist eine Aufgabe, in der man sich entwickeln und gemeinsam etwas schaffen kann.

HZ | Was ist ein Studienabschluss der Freien Hochschule Mannheim in unserer Bildungslandschaft wert?

HP | Der Abschluss ist eine wichtige Bedingung, damit man durch die staatliche Schulaufsicht anerkannt wird. Mit einem Klassenlehrerabschluss aus Mannheim kann man in den meisten Bundesländern Deutschlands Klassenlehrer werden und eine Schulklasse in einer Waldorfschule übernehmen. Mit einem Abschluss als Oberstufenlehrer kann man in der Regel an einer Waldorfoberstufe in ein, zwei oder drei Fächern unterrichten. Da unterscheidet sich der Abschluss wenig von den staatlichen. Aber man kann mit einem Abschluss der Freien Hochschule Mannheim nicht an einer staatlichen Schule unterrichten, zumindest nicht so ohne Weiteres.

Links: www.freie-hochschule-mannheim.de | www.bildung-fuers-leben.de

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