Erzwungene Inklusion

Von Alf Behlert, November 2012

Leserbrief zum Beitrag »Gescheiterte Inklusion – ein Bericht aus dem wirklichen Leben« von Kirsten Repnak, September 2012

Frau Repnak schildert das Scheitern der Inklusion aufgrund von bürokratischen Unklarheiten und Defiziten bei der praktischen Umsetzung. Um das Gesamtbild des Themas Inklusion zu ergänzen, möchte ich folgende Betrachtungen und Erfahrungen aus der direkten Arbeit mit der Inklusion darstellen: Besonders auffallend scheint das generelle, nahezu blinde Vertrauen in Organisationen wie die UN und die Bundesregierung, welche in puncto Pädagogik aufgrund ihrer Distanz zur Materie völlig fachfremd sind, es aber dennoch vermögen, den Zeitgeist und die Gesetzgebung durch ihre praxisfernen Thesen zu beeinflussen. Gerade beim Thema »Inklusion« geht an Waldorfschulen die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Die Schulen akzeptieren oft unreflektiert die ministeriellen Vorgaben oder Regierungsbeschlüsse. Geeignete Fachleute an den Schulen stehen nicht zur Verfügung. Die Kollegen fühlen sich allzu oft verpflichtet, sofort alles umzusetzen, sie lassen die Kritik beiseite,– sei es aus »political correctness«, vorauseilendem Gehorsam oder Verunsicherung.

Eine Gymnasiallehrerin in Hamburg zum Beispiel ist zeitlich und fachlich überfordert, wenn sie in ihrer Klasse ein Kind mit diagnostiziertem Aspergersyndrom unterrichten soll, auch wenn das Kind theoretisch das gleiche Recht auf einen Schulplatz hat wie andere Kinder. Die oft dafür abgestellten Zivis, »Freiwilliges Soziales Jahr-Praktikanten« oder Arbeitsagentur-Umschuler sind an dieser Stelle nicht nur unterbezahlt, sondern schlicht nicht qualifiziert genug. An integrativ arbeitenden Schulen entsteht meiner Beobachtung nach häufig kein authentischer Kontakt zwischen den behinderten Kindern und den anderen Schülern. Dieser Kontakt muss durch die Betreuer permanent angeregt werden und wirkt konstruiert und fremdbestimmt.

Aufgrund meiner zwanzigjährigen Berufserfahrung als Theologe, anthroposophischer Heilpädagoge und Englischlehrer muss ich feststellen, dass es für ein »behindertes« Kind besser ist, in einem Umfeld unterrichtet und gefördert zu werden, das seiner Situation und seinen individuellen Bedürfnissen entspricht, anstatt in die Integration gezwungen zu werden. Macht es wirklich Sinn, Integration und Inklusion den Schulen per Gesetz aufzuerlegen oder wäre es nicht konstruktiver, diese Themen stärker allgemeingesellschaftlich anzuregen? Das Leben findet ja nicht nur in der Schule statt.

Was hat ein Schüler davon, wenn er in der Schule mehr schlecht als recht integriert wird und nach seiner Schulzeit wieder aus der Gesellschaft herausfällt, nur weil Entscheidungsträger eine grundsätzlich zu bejahende humanistische Idee politisch durchsetzen wollen?

Kommentare

Stefan Rueter, 05.11.12 13:11

Warum sollte man von einem Autisten erwarten, dass er wie jeder Nicht-Autist in die Klassengemeinschaft integriert ist? Nach meinem Dafürhalten bedeutet Inklusion, dass die Gesellschaft sich in die Richtung bewegt, diese Menschen mit einzuschließen, in all ihrer Andersartigkeit, und nicht versteckt oder offen zu erwarten, dass sie eigentlich wie alle anderen sind, und, wenn sich dann herausstellt, dass sie das eben nicht sind, die Inklusion für gescheitert zu erklären.
Die "Themen" der Inklusion "allgemeingesellschaftlich anzuregen", wie Alf Behlert es vorschlägt, dem kann ich nur voll und ganz zustimmen. Aber eben auch und gerade in der Schule. Im Alter zwischen 6. und 16.-19. ist nun mal die Schule ein ganz wesentlicher Bestandteil des Lebens des Menschen. Die Diskussion über die Inklusion in Richtung einer allgemeingesellschaftlichen Ebene zu verschieben, wird also die Schule nicht aus der Verantwortung nehmen. Ganz im Gegenteil. Die Schule muss Vorreiter sein, denn außerhalb des Elternhauses, wo die Inklusion mangels Alternative auf die eine oder andere Weise ohnehin gelebt wird, ist zunächst einmal die Schule das allgemeingesellschaftliche Umfeld par excellence, das dem jungen Menschen auf seinem Lebensweg geboten wird.

Jacqueline Tahiri, 08.11.12 09:11

Leider schon wieder so ein Beitrag mit dem Tenor: "Sonderschule ist doch besser"... Es gibt auch Beispiele gelungener Inklusion. Unser 10-jähriger Sohn - Diagnose atypischer Autismus - geht auf eine staatliche Grundschule, die Inklusion sehr engagiert umsetzt. Er hat einen hochqualifizierten Schulbegleiter und hat sich von einem Schulkind mit düstersten pädagogischen Prognosen (es hieß amtlicherseits damals "Sonderschule G") zu einem wachen, lernbegierigen Vielleser entwickelt. Immer noch ist er "anders", aber mit welchem Recht schieben wir dieses Anderssein eigentlich ab? Für mich heißt Förderschule immer auch Aufgeben und Abschieben. Unsere Waldorfschule, auf die unsere Tochter geht, hat den Sohn übrigens nicht aufnehmen wollen. Es besteht m. E. gerade bei den Waldorfschulen ein riesiger Nachhol- und dringender Handlungsbedarf.

Martin Cuno, Siegen, 17.11.12 12:11

Der Vergleich mit der Familie, sehr geehrter Herr Rueter, ist erhellend und zeigt gerade, wo die vielzitierten "Barrieren in den Köpfen" wirklich liegen: Ja, wer mit seinen privaten Lebensbezügen, also mit seiner Partnerschaft, seinem Elternhaus oder seiner Familie zufrieden ist, mag wohl zustimmen zu Ihrer Hindeutung, dass gerade darin die "allgemeingesellschaftliche Ebene" lebt.
Dies in etwa war auch die Begriffsbestimmung des soziologischen Fachwortes "Inklusion", etwa bei Luhmann. Schade, dass es so wenig bekannt war, bevor es von der ideologischen Inklusionsbewegung gekapert und entstellt wurde.
Der Ur-Satz zur Inklusion findet sich in Matthäus 18, 20: "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." Dies sollte das Motto sein, unter dem sich Waldorfschulen besinnen, was sie bereits für Inklusion getan haben und noch tun wollen.
Aber nun der innere Bruch, die Barriere im Kopf: während für die Familie das Sich-Versammeln selbstverständlich auf freier Partnerwahl und auf dem Zauber des Schicksals beruht, soll es für die Schule der preußische Staat mit seinen Einzugsbereichen richten. Das sitzt tief in den Köpfen, zumindest in Deutschland. Im Zweifelsfall dient Schule der Erziehung der Gesellschaft, nicht der Kinder. Es ist beschämend, dass an dieser Stelle der Aufschrei aus der Waldorfpädagogik ausbleibt. Waldorfschule ist für die Kinder da; aus der 100prozentigen Kind-Orientierung ergibt sich im Zuge eines "freien Geisteslebens" die gesellschaftliche Kraft der Waldorfpädagogik, nicht umgekehrt. Herr Behlert hat dies ganz richtig angedeutet.
Beschämend ist außerdem, dass kaum jemand die UN-Konvention wirklich in Gänze zur Kenntnis nimmt. Es handelt sich hier, hallo!, um ein Menschenrechtsdokument, in dem grundlegende Freiheiten wie "individuelle Autonomie und Unabhängigkeit" auch für Menschen mit Behinderungen eingefordert und geschützt werden, "einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen" usw. usw. Herr Behlert wandte sich in seinem Leserbrief eindeutig gegen den <i>Zwang</i> zur Inklusion (die dann keine wäre), und spricht somit ganz im Sinne der UN-Konvention.
Und ganz im Sinne der UN-Konvention wäre für die Staaten, für die es das noch nicht gibt, die verfassungsrechtlich zu sichernde Freiheit, sich zu "versammeln" und freie Schulen, z.B. Förderschulen für Kinder mit Behinderungen zu gründen.
Ihre Äußerung, sehr geehrte Frau Tahiri, "Für mich heißt Förderschule immer auch Aufgeben und Abschieben", kennzeichnet Intoleranz und Diskriminierung gegenüber solchen Gemeinschaften.
Martin Cuno, Siegen

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