Es ist an der Zeit

Juli 2020

Noël Norbron verfasste einen Text mit dem Titel »Es ist an der Zeit« für einen Poetry-Slam aus Anlass der Coronakrise. Elisa Scheller führte ein Interview mit ihr.

Elisa Scheller: Aus welchem Anlass ist dein Poetry-Slam »Es ist Zeit« entstanden? 

Noël Norbron: Ich hätte den Text zu vielen Anlässen schreiben können, weil seine Thematik die unzähligen Aufgaben unserer Zeit behandelt und beinhaltet. Mir war wichtig, den Aspekt der Chance der derzeitigen Situation in Bezug auf das Virus zum Ausdruck zu bringen und so viele junge Menschen wie möglich damit zu erreichen. Da nahm ich das Act-together-Festival der WaldorfSV zum Anlass, den Slam zu schreiben.

ES: Worin besteht der Zusammenhang von »Act together« mit »Es ist an der Zeit«?

NN: Die Zeit ist ein Gegenwartsthema. Es ist Zeit, aber keine Zeit mehr übrig. Was spielen die Impulse der Zukunft für eine Rolle im Jetzt? Eine größere, als wir es gewohnt sind. Der Slam strebt nach Veränderung, nach Bewegung. Dieses Jahrhundert wird alles entscheiden und es ist Zeit, diese Entscheidungen zu beeinflussen.

ES: Im Text ist von »falschen Göttern« die Rede. Was ist damit gemeint

NN: Wer ist es denn, der sich als Beherrscher allen Lebens, Bestimmer über Leben oder Tod und als Krone der Schöpfung aufspielt? Es ist der Mensch. Das stolze jüngste Kind der Evolution, obenstehend auf seinem Turm Babel, aber so taub, dass er nur noch sich selber hört, ohne dass er sich dabei verstehen würde.

ES: Um welche Götter geht es dann wirklich?

NN: In dem Satz »Götter, wo seid ihr, greift ein ins Schicksalsspiel, denn die Schwachen beteuern schon die Unschuld« sind höhere Kräfte gemeint, nicht zuletzt die Liebe, die durch die Menschen handeln kann. Sucht sie und gebt ihr Raum. Es ist Zeit, denn einige von uns fangen schon an, ihre Verantwortung zu verleugnen.

ES: Und was ist mit »Willst du vorwärts, musst du rückwärts gehen« gemeint?

NN: Ich zitiere Meister Hora aus Momo: Willst du schnell sein, gehe langsam; willst du vorwärts, gehe rückwärts; willst du weit, geht zu zweit; willst du schnell, geh allein. Wir müssen das alles unter einen Hut bekommen. Schnell und weit, denn die Zeit drängt! Zeit für eine Gemeinschaft aus Individuen. Damit möchte ich sagen: Fortschritt ist nicht gut, wenn du vor dem Abgrund stehst.

ES: Eine weitere Formulierung ist: »Die Natur hält uns einen Spiegel vor, damit wir einen Weggefährten haben, der es vermag, uns zu belehren« – auf was bezieht sie sich?

NN: Die Klimakrise, das Artensterben, Naturkatastrophen und, offensichtlicher könnte es nicht sein, auch das Coronavirus sind Reaktionen auf unsere Taten. Wenn wir so wenig selbst aus unseren Fehlern lernen, so taub sind und so wenig reflektieren können, braucht es einen Spiegel, in dem wir uns und unsere Taten sehen können, den uns die Natur als von uns als Kontrahent wahrgenommener Weggefährte vorhält. Und all die durch das Virus ausgelösten Krisen. Corona macht sichtbar, was nicht zukunftsfähig ist: Fleischindustrie, Individual-Fernreisen, Globalisierung, Konsum ohne Ende, grenzenloses Wachstum und nach weiteren Wochen Online-Unterricht möglicherweise auch die digitalen Medien.

ES: Warum »bin ich das Streichholz in der Reihe, das die Kettenreaktion verhindert«?

NN: Ich halte das für eine geniale Metapher. Wir sind Streichhölzer, stehen in einer Reihe, und das Hinterste wird angezündet. Wir hoffen auf Hilfe von außen, dass der Brand gelöscht wird. Doch ein außenstehendes Objekt ist dazu nicht in der Lage. Oft denke ich, ich wäre lieber kein Teil dieser Zivilisation. Doch vielleicht bin ich, wie viele andere, hier, um den Schritt zu tun und eine Kettenreaktion zu verhindern. Du musst Teil sein, um das Ganze beeinflussen zu können.

ES: Zum Schluss kommt ein Vergleich mit der Lawine ...

NN: Eine Lawine besteht aus unzähligen Schneeflocken, die sich aber als ganze Lawine sehen; sie wird, neuen Schnee mitreißend, immer größer, und auf ihrem Weg in den Abgrund hinterlässt sie eine Spur der Verwüstung. Zum Ende des Slams wollte ich aufrüttelnde Bilder, die wir auf uns selbst und die Gesellschaft beziehen können.

ES: Glaubst Du, dass Poetry-Slam etwas bewirken kann?

NN: Ausnahmslos alles hat das Potenzial etwas zu bewirken! Widme dich einer Sache und schöpfe dieses Potenzial aus! So vieles verdient eine größere Wirkung, als es im Moment ausübt. Poetry-Slam ist jung und gewollt, nutze die beste Bühne.

ES: Seit wann schreibst Du?

NN: Ich schreibe seit 2013. Von allen Arten von Gedichten über Rap und Songtexte bis zu Poetry Slams, satirisch bis Ernst. Ich habe mehrere dicke Mappen zu Hause liegen.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen