»Es ist ein Freiheitsbeweis, dass man böse werden kann«

Von Susanne Becker, Wilfried Jaensch, September 2010

Das Berliner Lehrerseminar wird einundzwanzig Jahre alt und Wilfried Jaensch ist von Anfang an dabei. Susanne Becker im Gespräch mit dem »Anarcho-Anthroposophen«: über seinen Weg in die Lehrerbildung, seine Vergangenheit als 68er, den Holocaust, die Toten, Rosa Luxemburg und die Anthroposophie.

Wilfried Jaensch. Fotos: Michail Stamm

Susanne Becker | Wie bist Du zur Lehrerbildung gekommen?

Wilfried Jaensch | Das Seminar entstand, weil Eltern sich sagten: Es gehen immer mehr Kinder auf Waldorfschulen, aber es gibt nicht genügend Lehrer. Da gab es die lustige Theorie: Wenn die Kinder nach Westberlin auf die Waldorfschule kommen, dann haben sie sich doch auch schon vor der Geburt die Lehrer ausgesucht, weil es ja ohne Waldorflehrer keine Waldorfschulen gibt. Die Kinder wissen, wen sie als Lehrer wollen. Die müssen also hier in Westberlin leben, aber sie haben ihren vorgeburtlichen Vertrag mit den Kindern vergessen. Sie latschen rum, sind Elektriker oder Oberbürgermeister oder Banker oder irgend so was Doofes. Wir müssen die einfach daran erinnern: Ihr wolltet doch ursprünglich Waldorflehrer werden! Wir schreiben also »Waldorflehrer« auf ein Plakat, hängen das in der Stadt aus und dann macht das bei ihnen: »Klick! Oh Gott, ich Idiot hab das vergessen.« Im Januar 1989 ging es dann mit der Ausbildung los. Zweimal in der Woche Abendkurse, drei Stunden lang, Grundlagen, Methodik und Künste. Das Programm war im Grunde dasselbe wie heute. Das hatte soviel Zulauf, ungefähr fünfzig Anmeldungen, dass wir nach einem halben Jahr einen zweiten Abendkurs machten, auch zwei Abende. Und dann entstand die Idee eines Ganztagskurses.

SB | Das erklärt aber noch nicht, warum Du in die Lehrerbildung gegangen bist.

WJ | Weil ich immer Dinge tue, die mir gar nicht liegen, um irgendwas zu lernen. Das ist ein Lebensprinzip von mir.

SB | Was wolltest Du zukünftigen Lehrern mit auf den Weg geben?

WJ | Ich arbeitete im Buchladen, und der eine Seminargründer kam eines Tages in den Laden und sagte: »Kannst Du die ›Philosophie der Freiheit‹ bei uns am Lehrerseminar unterrichten?«

Ich sagte: »Also wenn ich kommen und mitmachen würde, dann würde ich das so machen, wie ich es für richtig halte« – in der Hoffnung, jetzt geht er wieder. Daraufhin sagte er zu meiner Verblüffung: »Das ist genau das, was wir wollen, jemand, dem wir nicht hinterher laufen müssen, der weiß, was er macht.« Ich ging also hin mit meinem Büchlein nach Kreuzberg: Da saßen vierzig, fünfundvierzig Leute in einem schlecht beleuchteten Raum, junge Leute, zum Teil mit grünen Stichelhaaren, saßen da alle mit ihrem Steiner-Buch, das ja nicht so leicht verständlich ist, und gaben sich Mühe, das zu verstehen.

Ich war Jahre vorher im Straßenbau und dann im Gartenbau in Australien gewesen und hatte wochenlang keinen Menschen getroffen, mit dem man über Philosophie hätte diskutieren können. Plötzlich saß ich Philosophierenden gegenüber, mit wer weiß welchen Konflikten im Hintergrund, die sich darum bemühten, die »Philosophie der Freiheit« zu verstehen, und da wurde ich sentimental und dachte: »Doch, ich gehöre dazu, zu diesen jungen Leuten, die sich Mühe geben, die gar nicht wissen, wohin das führt, sich einfach mal darauf einlassen.« Die einzelnen Menschen in Berlin waren es, die mich reizten, weniger Waldorf im Allgemeinen. Aber die Waldorfschulen wurden politisch angegriffen, komischerweise gerade auch von den Linken, und in dem Moment, wo jemand angegriffen wird, ist bei mir »Sankt Georg rettet die Jungfrau vor dem Drachen«, da gehe ich in die Verteidigung. So ergab es sich einfach, dass ich dann regelmäßig mitmachte.

Es war nie für länger geplant. Ich wollte einfach mir selbst und den anderen zeigen: man kann mit diesen Menschen Philosophie studieren, ohne jede Vorbedingung, ohne Vorkenntnisse, mit der einzigen Regel, sich gegenseitig ernst- und wahrnehmen.

Aber jetzt kam etwas dazu, von außen, sonst hätte ich vielleicht nach einem Jahr aufgehört, jetzt kam die politische Wende. Wir hatten uns kurz vorher vorgenommen: Wir machen auch einen Tageskurs. Dafür bekamen wir von der Kreuzberger Schule einen Seitenflügel, den wir in den Sommerferien 1990 selber umgebaut haben.

Es gab damals noch ein zweites Lehrerseminar in Ostberlin, das plötzlich keine Räume mehr hatte. Wir hatten Räume, einen Gründungslehrer, wir hatten für zwanzig Leute geplant, und plötzlich waren es siebzig, weil der Bund der Freien Waldorfschulen uns fragte, ob sie bei uns unterkommen könnten.

Es wurde daraus ein kleinbürgerliches hierarchisches Seminar. Es gab Konferenzen, sogar eine Schulleitungskonferenz, die Studenten hatten ihr eigenes Kolloquium, es gab nicht mehr diese vorherige Struktur der Gemeinsamkeit. Ich habe das nicht mitgemacht. Ich habe meinen Unterricht gemacht und meine Besprechungen mit den Studenten, wenn es Probleme gab. Ich dachte, das mit der Hierarchie ginge vorüber. Da der Tageskurs vom Arbeitsamt finanziert wurde, mussten wir auch dafür relativ rigide Strukturen umsetzen. Ich hatte die 68er mitgemacht, war lange in Kommunen und im Ausland gewesen. Ich hatte das Gefühl, eigentlich doch schon einmal viel weiter gewesen zu sein, dass wir eigentlich alle schon viel weiter sein müssten. Ich habe die Wucht des Durchschnitts unterschätzt.

SB | Aber Du bist trotzdem über zwanzig Jahre dageblieben. Warum?

WJ | Zum einen, weil die Anthroposophen von allen Seiten angegriffen wurden. Das war für mich wie so eine Art Reflex, sie dann zu verteidigen gegen diese Angriffe.

Zweitens war ich an den gesamtdeutschen Biographien aus DDR und BRD interessiert, die ja oft gebrochen waren: entweder ausgebildete Lehrer, die ihre Stelle verloren hatten, oder Leute, die aus gänzlich anderen Berufen kamen.

Und drittens: interessante Philosophie. Da konnte man sich hier natürlich besser ausleben als an der Uni. Die Studenten waren relativ offen, gerade wegen der Gebrochenheit ihrer Biographie.

SB | Du sprichst in vielen Deiner Texte für die Rechte der Toten und dafür, anzuerkennen, was sie für uns als Lebende tun. Gleichzeitig gibt es bei Dir ein zweites Thema, das Dritte Reich. Besteht da ein Zusammenhang?

WJ | (steht auf, geht zu einem der Regale, nimmt eines seiner eigenen Bücher heraus und liest einen Text aus dem Jahr 2001 vor): »Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr hörte ich im Ausland, wir Deutschen seien Verbrecher. Wir hätten die Grenze der bisherigen Menschheit überschritten in Richtung auf das Böse, das bewusst gewollte und öffentlich formulierte Böse. Gegen diese Sätze habe ich mich dreißig Jahre lang gewehrt. Eines Tages habe ich sie anerkannt, indem ich nach Deutschland zurückkehrte. Ich sagte zu mir selbst: Ja, ich gehöre dazu. Ich bin ein Verbrecher. Ich habe die Grenzen der bisherigen Menschheit überschritten. Ich bin fähig zum bewusst Bösen. Aber gerade die Anerkennung dieser Sätze berechtigt mich zu folgenden Gegen-Sätzen: Weil ich die Grenzen der Menschheit überschritten habe, bin ich ein Wesen freien Willens. Nur wer frei ist, kann sich für das Böse entscheiden. Aber seine Freiheit beweist sich erst dadurch, dass er die Grenzen der Menschheit auch in der Gegenrichtung überschreitet, also in das bewusst Gute.« Also, die erste Bauchreaktion 1968 war: Da gab es die bösen Nazis und wir sind die Guten; es gab die bösen Eltern und wir sind die guten Kinder. Dann kam durch die inneren Widersprüche der Zusammenbruch der 68er-Bewegung.

Durch die RAF kam dann die Auseinandersetzung mit der Frage: Inwieweit könnte ich eine Waffe in die Hand nehmen und einen Menschen töten? Inwieweit könnte ich Menschen ins Gas schicken? Das blieb aber im Bereich der inneren Monologe.

Durch andere Erlebnisse über viele Jahre hinweg kam immer wieder die Frage: Halten mich andere, weil ich Deutscher bin, für einen Faschisten? Und das, obwohl ich beim Ende der Nazizeit erst vier Jahre alt war? Es ist ein Freiheits­beweis, dass man böse werden kann, so wie man als Mensch gut werden kann. Muss ich es nun dauernd von mir wegschieben und sagen »Ich bin gut«? Das geht nicht.

Freiheit heißt, ich kann in diese Richtung gehen, ich kann aber auch anders. Das war auch immer mein Standpunkt am Seminar: Wir verkaufen Euch keine Moral. Alles kann immer missbraucht werden. Das ist Freiheit und Achtung vor dem Menschen, dass ich sage: Dein Ich bestimmt in jeder Sekunde neu. Ihr müsst es selber entscheiden, das ist die Würde des Menschen. Insofern war das Seminar ein Beweis meiner Freiheit, denn ich musste beweisen, dass ich etwas durchhalten kann, was mir schwer fällt. Jeder geht seinen eigenen Weg! Das ist die Freiheit.

SB | Apropos Freiheit: Glaubst du wirklich, dass es eine gegenseitige Beeinflussung gab zwischen Rosa Luxemburg und Rudolf Steiner?

WJ | Rosa Luxemburg hat das Programm gemacht an der Karl Liebknecht-Arbeiterbildungsschule und Steiner war da als Dozent angestellt. Dann wird sie umgebracht, er war da schon in Dornach. Er hat das nie kommentiert. Aber er hat im September 1919 die Schule für Arbeiterkinder gegründet, nachdem im Januar 1919 Rosa Luxemburg umgebracht worden war. Wenn ich dann sehe, dass er mit diesen Kindern zugange ist und für sie die bestmögliche Schule machen will, da glaube ich entdecken zu können, dass er mit der Verstorbenen gesprochen hat. Denn er hat da noch einmal diesen Impuls aus der Arbeiterbildungsschule für die Kinder aufgenommen. Auch wenn Rosa Luxemburg den Gedanken der Freiheit anders ausgedrückt hat als Rudolf Steiner. Für sie war Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden. Das gilt im idealen Falle auch für die Anthroposophie.

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