Es ist für uns eine Zeit angekommen…

Von Henning Kullak-Ublick, Dezember 2015

… lautet ein altes Weihnachtslied. Das mutet so altmodisch an, dass man es kaum glauben kann. Eine Zeit, die ankommt? Auf die die Alten so lange gewartet haben, dass sie ihre Ankunft besingen wollten? Und: eine Zeit »für uns«?

Sarah sitzt auf ihrem Platz und zeichnet eine Form. Immer wieder führt sie ihren Stift über die Linien, bis ihre Hände das so gut können, dass sie in ihren Rhythmus hineinträumt und dabei, ohne es zu merken, laut den Namen ihres Klassenlehrers vor sich hinsingt. Die anderen Kinder kümmern sich nicht darum – Sarah halt ... Fünf Jahre später untersucht die Klasse in der Physikepoche Wärmephänomene. Sarah ist krank und bekommt die Aufgabe, eine Kerzenflamme zu beschreiben. Als sie ihre Beobachtungen ein paar Tage später vorliest, breitet sich ehrfürchtiges Staunen aus: Mehr als zehn Minuten braucht sie, um vorzulesen, was sie alles gesehen hat. Sarah hatte Zeit, und Sarah ließ sich Zeit, viel Zeit.

»Schnell weg da, weg da, weg – Mach’ Platz, sonst gibt’s noch Streit – wir sind spät dran und haben keine Zeit«, sang Hermann van Veen 1977, als wir, von heute aus betrachtet, noch ziemlich viel davon hatten. »Die Zeit ist selbst ein Element«, schrieb Johann Wolfgang von Goethe, aber das ist uns als Teil unserer Kultur erst einmal verloren gegangen. Zeit wird heute in zusammenhanglosen Splittern erlebt, die von außen mit Input gefüllt werden müssen, weil das Lauschen auf das Unerwartete, das vielleicht gar nicht kommt, eines gesteigerten Augenblicks bedarf, der das Warten erträgt und sich nicht eben mal googeln lässt. Immer öfter, wenn ich das Wort »Schulqualität« höre, denke ich an die gelebte Zeit, die wir den Kindern geben, um auf eigene Faust Entdeckungen zu machen, mit allen Sinnen die jahreszeitlichen Verwandlungen in der Natur, den Rhythmus in der Musik, in der Familie, in einem Tageslauf, der nicht bis zur letzten Minute »pädagogisch wertvoll« durchgetaktet ist, als Resonanzboden für ihre Lebenssicherheit zu erfahren.

Eine der wichtigsten Aufgaben für die Schule ist heute und wird es in Zukunft immer mehr sein, dass sie die Zeit zu einer qualitativen Erfahrung macht. Nur so kann sich eine Intelligenz bilden, die nicht nur reproduzieren, sondern in Metamorphosen denken kann. Je mehr unsere Zivilisation elektronisch gesteuert wird, um so wichtiger wird es schon für Kinder, genau zu beobachten, Zusammenhänge zu erfahren und ihre Phantasie zu gebrauchen.

Der Epochenunterricht ist dafür ein Instrument, wie auch ein Lehrplan, in dem die Inhalte nicht nebeneinander, sondern in Beziehung entwickelt werden. Wenn Sarah im Lauf des dritten Schuljahres pflügt, eggt, sät, erntet, drischt, mahlt und schließlich bäckt, taucht sie in Prozesse ein, die ihr später helfen, ökonomische, biologische, geografische und soziale Zusammenhänge zu durchschauen. Wenn sie mit acht Jahren Spiegelungen am Kreis zeichnet, denen sie mit siebzehn bei der Projektiven Geometrie wiederbegegnet, hellt sich im Denken auf, was sie vorher willentlich geübt hat. Intelligenz lebt nicht in Splittern, sondern in Zusammenhängen.

Wenn das zum Maßstab für Schulqualität wird, sind wir in einer neuen Zeit angekommen.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf  Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis.

Kommentare

Felicity Autrehomme, 10.12.15 23:12

Ich war immer schon ein Mensch, der viel Zeit braucht, um meine Arbeit wirklich gut zu machen. Immer wieder bekam ich den vorwurfsvollen, entmutigenden Satz zu hören : "Schätzchen, du bist wieder mal zu langsam! Ich sehe ja, du gibst dir Mühe, aber es klappt halt immer noch nicht wie es eigentlich soll." Meine Klassenlehrerin ließ mich zum größten Teil gewähren, lobte aber stets diejenigen, die weniger Zeit brauchten, weniger verzweifelten - bei anderen Lehrern war diese Tendenz noch stärker zu beobachten. - In der Oberstufe überzog ich bei allen Klausuren, die mir wichtig waren, die Zeit, war die Letzte, die abgab - und hatte in den Fremdsprachen dafür auch die meisten Punkte. In der Kommunikationsprüfung, einer Art Kampf in Form einer Debatte mit Redezeitbegrenzung, waren meine Ergebnisse weniger gut, und meine mündliche Note sackte oft ab, weil ich nicht so schnell eine Antwort auf die Frage der Lehrer finden konnte wie einige Mitschüler.
Mittlerweile versuche ich, mit der Geschwindigkeit der Anderen mitzukommen, hetze mich durch mein Studentenleben mit fünf (statt üblicherweise drei) Modulen ... für die Weihnachtsferien nehme ich mir vor, mir unbedingt mehr Zeit zu nehmen. Danke für diesen Artikel, Henning Kullak-Ublik.

Henning Kullak-Ublick, Hamburg, 11.12.15 15:12

Vielen Dank für Ihre Rückmeldung.
Vielleicht sind es die „Langsamen“, die unsere Menschlichkeit in eine Zeit hinüberretten, die nicht mehr überwiegend vom Takt von Maschinen gesteuert wird ...

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