»Es ist toll, auf der Welt zu sein« – ein Jahr in der Eingangsstufe

Von Damaris und Johannes Roth, September 2010

Die Waldorfschulen haben die verschiedensten Modelle entwickelt, um die staatlich verordnete Früheinschulung entwicklungpsychologisch aufzufangen. Wie aber gehen die Eltern mit der Frage um? Ein Elternpaar berichtet von seinen Erfahrungen in Kassel.

Erwartungsvoll in die Zukunft blicken. Foto: Charlotte Fischer

Wie können wir das letzte Jahr vor dem Schuleintritt am besten gestalten? Diese Frage beschäftigte uns lange, da unsere Tochter noch nicht einmal sechs Jahre alt war und wir sie nicht schon in die erste Klasse einschulen wollten. Wir hatten die Wahl zwischen dem Kindergarten und der Vorschule, die bei uns Eingangsstufe genannt wird.

Sollte unsere Tochter im Waldorfkindergarten bei der geliebten Erzieherin bleiben? In der vertrauten Umgebung wäre sie sicher und geborgen und dürfte von Zeit zu Zeit die Angebote für Vorschulkinder genießen. Sie wäre dort aber das mit Abstand älteste Kind, und ist nicht der Umgang mit Gleichaltrigen in dieser Zeit besonders wichtig? Auf der anderen Seite stand die »Eingangsstufe«: eine neue Umgebung, lauter neue Mitstreiter, neue Bezugspersonen – und das alles nur für ein Jahr, nach dessen Ablauf dann mit der richtigen Einschulung wieder etwas ganz Neues kommen würde …

Da wir in den Jahren zuvor viel Kritik an der Eingangsstufe vernommen hatten, waren wir erleichtert über die freilassende und sachliche Beratung, die uns zuteil wurde. Wir mussten wählen, aber wir wussten: Jede Entscheidung sollte für das Kind vor allem viel Gutes mit sich bringen. Schließlich entschieden wir uns für die Eingangsstufe – und haben das nicht bereut.

In den ersten Wochen nach der Aufnahme war die neunzehnköpfige Klasse täglich bei Wind und Wetter draußen. Dort ging es über Stock und Stein durch den Wald, wo die Kinder unzählige Dinge entdeckten, Stöcke schnitzten und spielten – vor allem aber ausgiebig und ausdauernd herumwanderten. Es war eine Freude, mittags die rotbackigen Kinder wieder in Empfang zu nehmen! Unsere Tochter wurde auf diese Weise zur Expertin für den nahegelegenen Habichtswald und führte die Familie am Wochenende mit Begeisterung auf den ihr nun vertrauten Wegen. In der kalten Jahreszeit wurde der Tagesablauf etwas häuslicher. Es wurde mit Wolle und Holz gearbeitet, es entstanden viele Bilder und nicht zuletzt gab es Raum für freies Spiel. Unsere Tochter, die im Kindergarten gerne für die ganz Kleinen gesorgt hatte – die sie »aus dem Weg« tragen konnte, sobald es ihr genug war –, schätzte es offensichtlich, von gleichaltrigen Kindern umgeben zu sein und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Vieles im Tagesablauf der Eingangsstufe war dem Kinder­gartenleben noch sehr ähnlich. Darüber hinaus gab es aber Elemente, die die in mancher Hinsicht noch nicht ganz schulreifen Kinder behutsam forderten und förderten.

Dazu gehörte, dass die Kinder sich gegenseitig im Morgenkreis zuhören, aber auch mutig ihre Stimme erheben mussten, um etwas zu erzählen, dass sie, von ihrer Lehrerin angeleitet, mit Wasserfarben malen durften, dass sie verschiedene Fingerfertigkeiten übten, dass sie etwas fertig machen mussten, wenn sie es angefangen hatten.

Für uns Eltern wurde das Jahr bereichert durch klar strukturierte Elternabende, die uns Einblick in die pädagogische Arbeit gaben. Hinzu kam ein Austausch nach Bedarf und ein ausführliches »Entwicklungsgespräch«, in dem auch deutlich wurde, mit welcher Hingabe und hervorragenden pädagogischen Fähigkeiten hier gearbeitet wird. Dies zeigt auch die klare, feine und liebevolle Beschreibung, die wir Eltern als »Zeugnis« am letzten Schultag ausgehändigt bekamen.

Gegen Ende des Schuljahres besuchten die künftigen Erstklasslehrer die Gruppe, um ihre künftigen Schüler kennen zu lernen. Nach den Sommerferien, am aufregenden Tag der Einschulung, war bei der Feier, bevor es hinauf auf die Bühne ging, die Lehrerin der Eingangsstufe beteiligt – sie bereitete »ihren« Kindern einen vertrauten Empfang und sanften Übergang.

Als Eltern blicken wir dankbar auf ein Jahr zurück, das wohl für alle Kinder hilfreich war: sowohl für jene, die trotz Schulpflicht noch etwas Zeit brauchten, als auch für jene, die dem Kindergarten vor Erreichen des Schulalters schon ein wenig entwachsen waren. – Wenige Wochen nach Abschluss des Eingangs­stufenjahres hörten wir bei einem Spaziergang einen Ausruf unserer Tochter, der uns wie ihr ganz persönliches »Fazit« dieses Jahres scheint: »Es ist toll, auf der Welt zu sein!«

Kommentare

G. F., Kassel, 06.10.10 09:10

Hallo und einen schönen guten Tag,
wir wohnen ebenfalls in Kassel, umso mehr freut es mich, diesen tollen Bericht gefunden zu haben. Unser Sohn ist mittlerweile 4 Jahre und geht in die Kindergruppe Dönche, also auch einen Waldorfkindergarten in Kassel. Schon jetzt mache ich mir teilweise Gedanken, wie denn seine weitere Zeit aussehen wird. Nächstes Jahr im Oktober wird er 5 - dann wäre es für die Eingangsklasse ja schon zu spät - also müssten wir noch ein Jahr dranhängen. Ich lasse mich einfach einmal überraschen, auf welchen Weg wir gelangen, denn NOCH haben wir ja Zeit. Nur oft ist es dann doch schon so, dass man/frau sich eben mal Gedanken über alles Weitere macht.
Ich habe eure Geschichte mit Freude gelesen und bin sehr dankbar über diesen Erfahrungsbericht.
Liebe Grüße
Gianna

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