Es ist Zeit für Waldorfschulsozialarbeit. Von der ersten Idee zur täglichen Praxis

Von Fridtjof Meyer-Radkau, Februar 2021

In den letzten drei Jahren hat das Interesse an Waldorfschulsozialarbeit immer mehr zugenommen. Die erste Anfrage, meine Arbeit im Rahmen eines Vortrages darzustellen, bekam ich Anfang 2018 aus Bremen. Seitdem habe ich viele Vorträge an weiteren Waldorfschulen gehalten und den Schulkollegien, der Schülerschaft und den Eltern die Arbeit eines Waldorfschulsozialarbeiters näherbringen können.

Fridtjof Meyer-Radkau an seinem Arbeitsplatz: Ein Bauwagen auf dem Gelände der Freien Interkulturellen Waldorfschule in Berlin

Die Idee, mich mit dem Thema zu befassen, bekam ich durch mein Studium der Sozialen Arbeit 2011. Es drängte sich mir die Frage auf, warum die Schulsozialarbeit als Handlungsfeld bisher an Waldorfschulen noch kein Thema war, und es bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei wissenschaftliche Abhandlungen und Forschungen dazu gab. In meiner Bachelorarbeit bin ich zunächst der grundsätzlichen Frage nachgegangen, ob eine Notwendigkeit besteht, Schulsozialarbeit an Waldorfschulen zu institutionalisieren oder ob ihre Etablierung aufgrund der ohnehin vorhandenen sozialen und pädagogischen Ausrichtung überflüssig erscheint. Meine Untersuchungen zeigten, dass tatsächlich eine Notwendigkeit besteht.

Die Begründung liegt in den herausfordernden Lebens­situationen der Schüler:innen, die sich nicht grundlegend von den Lebenssituationen derjenigen an Regelschulen unterscheiden. Mobbing- (Cybermobbing), Konflikt- und Gewaltverhalten und Medienkonsum haben auch an Waldorfschulen zugenommen. Zudem leben die Heranwachsenden heutzutage in komplexeren und vielfältigeren Familienverhältnissen. Dadurch bedarf es einer intensiveren Familienarbeit der Klassenlehrer:innen. Für die zusätzlichen Themen und Herausforderungen fehlt es ihnen laut der Studie »Ich bin Waldorflehrer« von Dirk Randoll verständlicherweise nicht nur an Kraft und Zeit – denkt man nur an die zusätzliche Arbeit durch die Selbstverwaltung –, vielmehr fehlt es häufig an spezifischer Kompetenz und Fachlichkeit beispielsweise im Umgang mit dem Jugendamt und dem SGB VIII, Mediation und sozialpädagogische Familienberatung.

Christoph Doll, Leiter des Waldorflehrerseminars in Berlin, fragte mich, ob ich die Waldorfschulsozialarbeit in die Gründungsinitiative der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin einbringen möchte. So kam es, dass ich zu den Mitbegründern dieser Schule gehört, die 2016 startete. Parallel zur Gründungsphase schrieb ich meine Masterarbeit und entwickelte ein standortbezogenes Konzept für Waldorfschulsozialarbeit. In diesem verband ich die an Regelschulen übliche Schulsozialarbeit (nach Carsten Speck) mit der Waldorfpädagogik, ergänzt und erweitert durch den »systemischen« Ansatz und dessen Methoden als zentrale Arbeitshaltung und Handlungsprinzip (siehe Folgebeitrag).

Aus diesen drei Ansätzen heraus entwickelte ich den Begriff »Waldorfschulsozialarbeit«, der sich von dem Begriff »Schulsozialarbeit« oder »Sozialarbeit an Schulen« inhaltlich unterscheidet. Mir erschien wichtig, mit einem konkreten Konzept die praktische Arbeit an einer Waldorfschule beginnen zu können. Es gelang mir, eine wirksame Arbeit aufzubauen, so dass es an unserer Schule selbstverständlich geworden ist, dass mich die Schüler:innen bei Problemen selbstständig aufsuchen und die Familien Beratung in Anspruch nehmen. Dabei gelten die jeweiligen Lehrkräfte immer als die ersten Ansprechpartner:innen für die Schüler:innen und deren Familien. Daraus entwickelte sich eine vertrauensvolle, partnerschaftliche, bedarfsorientierte und professionelle Zusammenarbeit. Die fachlichen Grenzen werden gewahrt, aber gleichzeitig die unterschiedlichen Perspektiven als Gewinn für den pädagogischen Alltag erfahren. In den letzten vier Jahren sind das Selbstverständnis und die Akzeptanz dieser Arbeit stetig gewachsen und mittlerweile ist unsere Waldorfschule ohne die Waldorfschulsozialarbeit nicht mehr vorstellbar. Dabei darf man die Waldorfschulsozialarbeit nicht als alleinige Lösung verstehen, sondern als eine neue Perspektive auf die gegenwärtigen und zukünftigen Fragen und Herausforderungen der Waldorfschulen, die sich aus den Lebenssituationen aller Beteiligten ergeben.

Zum Autor: Fridtjof Meyer-Radkau ist Mitbegründer der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin, dort seit 2016 als Waldorfschulsozialarbeiter tätig.

Literatur:

H. Barz u.a.: Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. Wiesbaden 2007 | H. Barz u.a: Bildungserfahrung an Waldorfschulen. Empirische Studie zu Schulqualität und Lernerfahrung. Wiesbaden 2012 | W. Helpser u.a.: Autorität und Schule. Die empirische Rekonstruktion der Klassenlehrer-Schüler-Beziehung an Waldorfschulen. Wiesbaden 2007 | K. Hurrelmann: »Die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen. Herausforderungen für Schulpädagogik und Sozialarbeit«. In: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft (Hrsg.): Dokumentation. 2. Schulartübergreifende Tandem-/Triedemfachtagung. Berlin 2011 | D. Randoll (Hrsg.): »Ich bin Waldorflehrer«. Einstellungen, Erfahrungen, Diskussionspunkte. Eine Befragung. Wiesbaden 2013 | D. Randoll: »Waldorfpädagogik aus Sicht der Empirischen Bildungsforschung«. In: D. Randoll, M. da Veiga (Hrsg.): aldorfpädagogik in Praxis und Ausbildung. Zwischen Tradition und notwendiger Reformen. Wiesbaden 2013 | F. Meyer- Radkau (2016): »Es ist an der Zeit für Waldorfschul-sozialarbeit«. In: M. Brodowski/ H. Stapf-Finé (Hrsg.): Neuere Entwicklungslinien in der Sozialen Arbeit und Pädagogik, Berlin, S. 17–35

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