Der innere Tänzer

Von Stephan Ronner, November 2020

Musik als Muttersprache des Menschen kommuniziert über alle Begriffssprachen hinweg – aus dem Herzen Singender direkt zu den Herzen Hörender und Mitschwingender. Davon etwas miterleben zu lassen, ist Auftrag eines Oberstufen-Musiklebens. Jeder möge erfahren und erproben, wie weit die eigenen musikalischen Flügel ihn tragen, wie weit man selber in der Lage ist, andere emotional – nicht verbal – zu erreichen und zu berühren.

Foto: © Charlotte Fischer

Das hat in erster Linie immer mit Probieren zu tun: dem risikoarmen Probieren in der Gruppe, dem etwas herausfordernden Probieren im mehrstimmigen Satz, und schließlich mit dem prickelnden Moment des solistischen Alleingangs. Spätestens hier erfährt jeder etwas von seinem zauberhaften Potenzial nonverbaler Kommunikation und natürlich auch den Grenzen des momentanen Ausdrucksvermögens, das ja noch ganz am Anfang steht.

Musikstile lernt man hörend, auch probierend kennen, in erster Linie im Tätigsein seines inneren Tänzers. Außen zur Ruhe kommend, beginnt innen der tänzerische Ausdruck seine Linien und Formen, seine Schwingungen und Rhythmen abzuschreiten. Dafür braucht es viele Gelegenheiten und tägliche Schonräume. Musikunterricht ist nicht so sehr output-betont, als ein input- und indoor-betontes Geschehen. Im Inneren will etwas bewegt werden – und im Äußeren erscheint ein Widerschein, ein Aufklingen, ein Echo. Jedem Singen geht ein Hören voran. Schlüssel jedes Singens ist entsprechendes Hören. Was ich nicht hören kann, kann ich nicht singen. So prompt und schlüssig formuliert es der Hörforscher Alfred Tomatis – und formuliert damit ein Lebensgesetz.

Dem Bildungskonsum steht Musik als etwas ganz Andersartiges gegenüber. Hier geht’s nicht um kognitives Bilden und Lernen, hier geht’s um präzises Fühlen, exaktes Empfinden, »precise emotion«! Ein musikalisches Motiv ist pralles pures Leben – oder es zündet nicht, hat keine Wirkung und erfüllt damit keinen Sinn. Die unmittelbare Nähe zwischen lebendiger Musik und Lebenskraft ist evident – das erklärt sich im Tun ohne Kommentar. Neben der Lautsprechermusik erfahren wir lebendig generierte, lebenswarme Töne und Klänge als eine ganz andere Kategorie des Lebens und der Wirklichkeit. Das ist keine Haarspalterei, sondern eine Erfahrung im täglichen Musizieren mit jungen Menschen, im Ermöglichen lebendiger Musik. Wenn das gemeinsame Singen beeinträchtigt wird, um die Ansteckungsgefahr über Aerosole zu mindern, so kann dies als Einschränkung erlebt werden – braucht es aber nicht. Denn einem sinnvollen Singen geht immer ein eingehendes Hören voraus – und dies kommt aufgrund einer einseitig output-orientierten Unterrichtsroutine meist viel zu kurz. Geben wir doch dem inneren Tänzer Raum und Zeit für seine ersten Schritte und Kurven, lassen wir ihn abwechselnd, von Ort zu Ort, von Stimme zu Stimme, erst einmal in Ruhe und Gelassenheit zu seinen Formen und Motiven kommen. Eine gediegene Hörkultur ist normalerweise exotisches Gut. Ein gediegenes Zuhören-Lernen gehört aber eigentlich zum Kerngeschäft jedes sinnerfüllten Musikunterrichts. Aber es geht um mehr als ums Zuhören, es geht ums Einhören, ums hörende Eindringen, um ein Darinnensein, ein Interesse.

Hören – Vorfühlen – Hineinspüren

Musikunterricht heute bedeutet eine gewaltige Steigerung dessen, was Musik vermag, ja was allein Musik vermag. Gestern konnte man noch aus Unterrichtsroutine heraus eins nach dem andern runtersingen, heute muss dem Singen das Hören, dem Überrumpeln das Vorfühlen, das Hineinspüren vorangehen. Durch die Corona-Epidemie rücken diese oft vergessenen Voraussetzungen näher an den Menschen heran, werden intimer, menschlicher, wesentlicher. Äußeres Abstandhalten und Hygienevorkehrungen ermöglichen im Handumdrehen musikalisch ein viel subtileres Aufeinanderzugehen. Die Musik kann in diesen Zeiten wesentlicher werden, wenn es denn die Unterrichtsform erlaubt. Die äußere Einschränkung von Blasen und Singen in engen Räumen bedeutet kein Aus für ein sinngeleitetes gemeinsames Musizieren. Sie bedeutet ein Aus für exzessives und unkontrolliertes Drauflosrennen. Sie lenkt unsere Sinne auf mehr Sinn im Tun, auf mehr innere Motive, auf mehr Inhalt und sinngeleitete Form. Sie lenkt uns zu ganz anderen Hör-Räumen, als wir sie bis dahin zu durchschreiten gewohnt waren. So kann das Bild des inneren Tänzers immer wieder helfen, die Spur zu finden, dem Musizieren eine innere Kultur zu vermitteln, den Fokus vom (traditionellen) gruppenhaften Tun zu einem (zukunftsoffenen) individuellen Tun zu verlagern.

Manches muss neu gehört oder er-hört, erst einmal im Einhören aufgenommen werden. Dann erwacht es abwechselnd zum äußeren Klingen, mal hier, mal dort, immer an einem anderem Ort, und wird vielfältig, vieldeutig, vielfarbig. Vieles wird auch vorerst instrumental erklingen, dann erst, sparsam, vokal aufblühen. Kein Dauerforte prägt mehr die Schulflure, sondern ein Konversationston wie ein gepflegtes Streichquartett. Denn die Musik will, das Stadiongebrüll hinter sich lassend, zur individuellen Inkarnation vernunftbegabter Kreatur mutieren. Musizieren hat mit Vernunft, mit inneren Maßen und Werten zu tun, mit Exaktheit, Präzision, aber eben im Emotionalen, im inneren Bewegen. Der innere Tänzer bildet sich in »präziser Emotion« und lernt, sich entsprechend tanzend auszudrücken. Und davon dringt nach und nach etwas nach außen, nicht laut, aber wesentlich, sinnhaft, sich-aussprechend.

Vielgesichtige Suchbewegungen

Musikstile sind wie Denkstile und wollen durch Nachvollzug durchgekostet und von innen her kennengelernt werden. Die Fülle an Musikstilen alias Denkstilen braucht Raum und Zeit und füllt mit Leichtigkeit die gesamte Oberstufe. Wo, außer im Musikunterricht, erfahre ich etwas über die Gesamtheit der Musik- und Denkstile? Auf der Straße gibt’s nur Angebot und Nachfrage, Markt und Kommerz. Im schulischen Musikleben geht’s um die vielgesichtigen, lebensrelevanten Suchbewegungen im Reich der Stilvielfalt und der musikalischen Denkmöglichkeiten. Das spielt sich alles auf der emotionalen Ebene ab, aber eben nicht der stupid eingeschränkten der Tagescharts, sondern eines Gesamtbildes der Himmelsrichtungen und Weltkulturen, der Menschheitsentwicklung und deren Widerspiegelung in den unterschiedlichsten Musikkulturen und Stilen. Im Unterschied zur uniformierten Hintergrundmusik internationaler Flughäfen wird die Vielfalt der Denk- und Musik-Stile eines Oberstufenunterrichts nur so strotzen vor Stilpluralismus und Kulturbegegnungen.

Das Maß dafür bleibt die Agilität unseres inneren Tänzers, dessen Bewegungsvermögen stark davon abhängt, wie ihm auf die Sprünge geholfen wird. Unser tägliches Probieren, unser inneres In-die-Gänge-Kommen, schafft den Raum zur inneren Erkundung des musikalischen Bewegens und Sich-Gebärdens. Es ermöglicht unser stufenweises musikalisches Mündigwerden.

Zum Autor: Stephan Ronner ist Professor für Musikpädagogik an der Freien Hochschule Stuttgart

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