Falsche Wertzuweisungen

Von Thomas Lutze-Rodenbusch, November 2014

Leserbrief zur Kolumne von Henning Köhler, »Produziert Waldorf Siegertypen?« in »Erziehungskunst«, September 2014.

Wenn es um die Einschätzung von Lebenshaltungen und -leistungen geht, ist das Mittel der Polarisierung in den allerseltensten Fällen von Nutzen. Henning Köhler nutzt dieses Mittel und verstellt damit den Weg zu einer angemessenen Bewertung. Diese Schwarz-Weiß-Zeichnung schadet dem Anliegen von Waldorferziehung. Denn wenn das Gegenteil von »Siegertyp«, nämlich ›Verlierer‹ oder ›Loser‹  mit »Waldorf« assoziiert und »Erfolg im Leben« mit »Mangel an Geborgenheit« in Verbindung gebracht wird, dann sind völlig falsche Wertezuweisungen gebildet, die mit der eigentlichen Waldorf-Idee nichts zu tun haben.

Ich selber kenne aus meiner Erziehungspraxis beide Kindertypen. Ich habe gesehen, dass Schul- und Ausbildungsabbrüche zu schweren Selbstzweifeln und weiteren, gesteigerten Schwierigkeiten führen.

Wenn Drogenkonsum und Unfähigkeit, Freundschaften zu halten, noch hinzukommen, wird die Hypothek des jungen Erwachsenen noch schwerer. Ein anstrengendes Leben! Wenn das andere Kind weitgehend lebenszufrieden durch Schule und Ausbildung geht, Freundschaften pflegen kann und im Berufsleben seinen Platz findet: auch ein anstrengendes Leben! – Nur anders anstrengend.

In meiner (Waldorf!)Schule habe ich viele Jugendliche sich auf sympathische Weise über Siege in Sport und Spiel und auch angesichts guter Leistungen freuen sehen. Für mich ist das – wie auch das Aushaltenlernen von Niederlagen – Teil einer gelingenden Erziehung.

Welche Aufgabe hat Waldorferziehung im Elternhaus, im Kindergarten und in der Schule? Sie soll Zeit, eine liebende Hülle, eine Fülle von Anregungen, Herausforderungen, altersentsprechende Lernangebote und Wertschätzung, die nicht an Verhalten gebunden ist, bereitstellen; und dadurch biografiefähig machen.

Damit meine ich: Sein Leben so führen zu können, dass man spürt: Ich bin am richtigen Platz. Anstehende neue Schritte kann ich selbstbestimmt gehen. Wenn dann weitgehend zufriedene Menschen im Beruf und als nächste Generation in eigener Erziehungsverantwortung stehen, ist das keine Frage von Sieg oder Niederlage, sondern von Lebens- und eben – als Basis dafür – »Erziehungskunst«.

Zum Autor: Thomas Lutze-Rodenbusch ist Mitglied im Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen und Vater zweier Kinder. Er ist seit 1983 Oberstufenlehrer in der Krefelder Waldorfschule.

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