Falscher Ehrgeiz

Von Henning Köhler, Dezember 2014

Eine Antwort auf Thomas Lutze-Rodenbusch, in »Erziehungskunst«, November 2014.

Sehr geehrter Herr Lutze-Rodenbusch!

Wenn Sie den Text noch einmal ruhig lesen, müsste Ihnen auffallen: Ich habe keineswegs behauptet, gesellschaftlich erfolgreiche Menschen seien kategorisch in einem abwertenden Sinne »Siegertypen«. Vielmehr lautet meine Aussage komprimiert: Eltern, die ihre Kinder emotional vernachlässigen und starkem Leistungsdruck aussetzen, geleitet von dem Ehrgeiz, »Sieger« zu produzieren, handeln falsch – und zwar ausdrücklich auch dann, wenn die Rechnung aufzugehen scheint. Andersherum: Schenken Eltern ihren Kindern Liebe und Freiheit, Zeit und Aufmerksamkeit, handeln sie richtig – und zwar auch dann, wenn die Rechnung nicht aufzugehen scheint. Insofern sind wir als Waldorfpädagogen (jedenfalls hoffe ich das) einem tieferen Ethos verpflichtet als demjenigen des vordergründigen gesellschaftlichen Erfolgs, des glatten Verlaufs der äußeren Dinge. Gut, es war vielleicht ungeschickt, das Reizwort »Siegertypen« zu verwenden. Doch bedenken Sie: Unlängst erst machte Amy Chua mit ihrem Buch Die Mutter des Erfolgs – Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte weltweit Furore und fand nicht zufällig auch in Deutschland erschreckend viele Leser, ganz zu schweigen vom lebhaften Presse-Echo. (Eine kluge Gegenposition bezog z.B. Felicitas Römer mit der wenig beachteten Schrift Arme Super­kinder – Wie unsere Kinder der Wirtschaft geopfert werden.) – Vor rund 20 Jahren begann ein medialer Feldzug gegen »Kuschelpädagogik« usw., der bis heute anhält. Gleichzeitig brach das ganze »Humanressourcen«-Gedöns los, Sie wissen schon. Inzwischen erleben wir hier Mütter und Väter, die Panikattacken bekommen, wenn es so aussieht, als würde eines ihrer Kinder das Abitur nicht schaffen.

Ich wiederhole: Die Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft mit »Winnern« zu beliefern, kann ja wohl nicht der tiefere Sinn anthroposophischer Pädagogik sein. Sie hätte sonst ihren Kulturauftrag verfehlt. Als Kinder- und Jugendtherapeut beschäftigt mich neben Verwahrlosung in sozial prekären Milieus zunehmend auch Wohlstandsverwahrlosung in Verbindung mit ehrgeizigen Zielen verunsicherter Eltern. Sie glauben ja gar nicht, wie viele Kinder, die in der Schule glänzende Leistungen bringen, Psychotherapie und/oder Medikamente brauchen, um das alles durchzustehen! Und wie schwer es manchmal ist, den Eltern klarzumachen, wo jetzt die Prioritäten zu setzen sind! Bislang handelt es sich hierbei um Randerscheinungen. Aber wie lange noch, wenn die gesellschaftliche Entwicklung so weiter geht? ‹›

Mit freundlichen Grüßen

Henning Köhler

Zum Leserbrief von Thomas Lutze-Rodenbusch

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